Empfehlung vor dem Fest (19 / II): Romy Hausmann über „Hitze“ von Victor Jestin – ein Roman wie ein Fieberschub

Gastautorinnen und Gastautoren präsentieren im Dezember 2020 Bücher, die ihnen besonders am Herzen liegen. Mal sind es Neuerscheinungen, mal sind es Klassiker. Tag für Tag und exklusiv auf dem „Bücheratlas“ – bis kurz vorm Tannenbaum. An diesem Samstag gibt es wieder – wie schon vor einer Woche – gleich zwei Empfehlungen.

Romy Hausmann, 1981 in Arnstadt (Thüringen) geboren, landete gleich mit ihrem Thriller-Debüt „Liebes Kind“ auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste. Außerdem erhielt sie für dieses Werk den Crime Cologne Award im Jahre 2019. Übersetzungen ihrer Romane erscheinen in 15 Ländern. Romy Hausmann wohnt in der Nähe von Stuttgart. Foto: Astrid Eckert / dtv

Der Campingplatz hatte seine eigenen Gesetze. Zwei Wochen Ferien, das war ein ganzes Leben. Man traf hier ein, wie man geboren wird, blass und allein. Man ging wieder, wie man stirbt, mit einem Seufzer der Traurigkeit oder der Erleichterung.“

Und wie sehr sehnt sich Léonard, der siebzehnjährige Protagonist, nach Erleichterung. Er will weg von hier, von diesem Campingplatz, auf dem er mit seinen Eltern und den jüngeren Geschwistern Familienurlaub spielen muss. All das ekelt ihn an: Einerseits die Erwachsenen – gelebte Spießigkeit zwischen Bingo- und Karaokeabenden -, andererseits die Gleichaltrigen – ständig nur betrunken und im Hormonrausch auf Trophäenjagd.

Nirgends fühlt sich der fette, schwitzende Léonard so richtig zugehörig, und dann kommt er auch noch dazu, als sich der ebenfalls siebzehnjährige Oscar absichtlich an einer Kinderschaukelt stranguliert. Léonard sieht zu – tatenlos, unfähig. Erst, als es zu spät ist, begreift er, dass er den Jungen hätte retten können. Müssen. In Panik vergräbt er die Leiche in den Dünen und versucht anschließend, die letzten 24 Stunden vor der Heimfahrt zu überstehen. Da ist sein Gewissen, das ihn quält, da sind seine eigenen pubertären Triebe, die er kaum – nicht mal jetzt in dieser moralischen Ausnahmesituation – zu unterdrücken weiß. Da ist die titelgebende Hitze nicht nur ein äußerer Umstand, sondern vor allem ein inneres Gefühl, an dem der Protagonist zu verbrennen droht.

„Hitze“ ist das Debüt des 26-jährigen Franzosen Victor Jestin, ein Coming-of-Age-Roman, den ich wie einen Fieberschub erlebt habe, und der mir als eins meiner persönlichen Jahreshighlights im Kopf geblieben ist, weil er Fragen wälzt – Fragen nach Moral und Versagen -, auf die man schon als Erwachsener keine Antwort finden würde. Und schon gar nicht wünscht man einem Heranwachsenden die Auseinandersetzung damit.

Darüber zu lesen ist unangenehm und bedrückend, gleichzeitig ist das so großartig und pointiert geschrieben, dass mir nur eins zu sagen bleibt: Merci, Victor! C’était un plaisir pour moi!

Romy Hausmann

Victor Jestin: „Hitze“, dt. von Sina de Malafosse, Kein & Aber, 160 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.


Auf diesem Blog finden sich eine Besprechung des Romans „Marta schläft“ ( HIER ) sowie ein Gespräch mit der Autorin ( HIER ).

  • Was bisher geschah

    Die 1. Empfehlung: Rafik Schami über „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ von Franz Hohler – HIER .

    Die 2. Empfehlung: Antje Deistler über „Nach vorn, nach Süden“ von Sarah Jäger – HIER .

    Die 3. Empfehlung: Mark Benecke über „The complete MAUS“ von Art Spiegelman – HIER .

    Die 4. Empfehlung: Nina George über „Ich bin Circe“ von Madeline Miller, „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles, „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger, „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens und „Offene See“ von Benjamin Myers – HIER .

    Die 5. Empfehlung: Klaus Bittner über „Die Schlange im Wolfspelz“ von Michael Maar – HIER .

    Die 6. Empfehlung: Monika Helfer über „Rohstoff“ von Jörg Fauser – HIER .

    Die 7. Empfehlung: Horst Eckert über „Late Show“ von Michael Connelly – HIER .

    Die 8. Empfehlung: Werner Köhler über „Beatlebone“ von Kevin Barry – HIER .

    Die 9. Empfehlung: Marie Claire Lukas über das Magazin „Spring # 17 – Gespenster“ und „Accidentally Wes Anderson“ von Wally Koval – HIER  .

    Die 10. Empfehlung: Bettina Fischer über „Die Dame mit der bemalten Hand“  von Christine Wunnicke – HIER .

    Die 11. Empfehlung: Cay Rademacher über „Das Rätsel von Zimmer 622“ von Joel Dicker – HIER

    Die 12. Empfehlung (I): Ingrid Noll über „Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink – HIER  .

    Noch eine 12. Empfehlung (II): Mike Altwicker über „Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino – HIER.

    Die 13. Empfehlung: T. Coraghessan Boyle über „Der Tod in ihren Händen“ von Ottessa Moshfegh – HIER .

    Die 14. Empfehlung: Ursula Gräfe über „Paul Celan und der chinesische Engel“ von Yoko Tawada – HIER .

    Die 15. Empfehlung: Kristof Magnusson über „Vogelpark von Tobias Schwartz – HIER .

    Die 16. Empfehlung: Agnieszka Lessmann über „Die essbare Frau“ von Margaret Atwood, „Rabenschwarze Intelligenz“ von Josef H. Reichholf, „Das Buch der Dörfer“ von Hans Thill und „Ein morsches Licht“ von Anke Glasmacher – HIER .

    Die 17. Empfehlung: Anne Burgmer über „Die Optimisten“ von Rebecca Makkai – HIER .

    Die 18. Empfehlung: Gudrun Fähndrich über „Spiegel und Licht“ von Hilary Mantel – HIER .

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