Crime-Cologne-Preisträgerin Romy Hausmann: „Ich hatte so oft geschrieben, dass es okay ist zu scheitern, dass ich selber durchhalten musste“

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Gewonnen! Romy Hausmann mit dem Crime Cologne Award 2019. Foto: Bücheratlas

Romy Hausmann hat den Crime Cologne Award 2019 für ihren Kriminalroman „Liebes Kind“ erhalten. Im Gespräch äußert sie sich über den schwierigen Weg zu ihrem Bestseller. Hausmann wurde 1981 in der DDR geboren und lebt mit ihrem Sohn Karl in der Nähe von Stuttgart. Petra Pluwatsch hat mir gesprochen.

Gratulation zum Crime Cologne-Award, Frau Hausmann.  Ihr erster Preis für „Liebes Kind“?

Romy Hausmann: Ja. Und ich bin noch immer total aufgeregt. Nie hätte ich damit gerechnet, einen Preis zu bekommen. Die Geschichte, die ich erzähle, ist verglichen mit den Themen anderer Krimiautoren total klein. Die schreiben Polit-Thriller oder historische Kriminalromane, die unheimlich viel Recherche erfordern.

Und Sie erzählen von einem Mann, der eine junge Frau entführt und zusammen mit zwei Kindern jahrelang in einer einsamen Hütte im Wald einsperrt. Was hat Sie zu der Geschichte inspiriert?

Mich haben seinerzeit das Schicksal der entführten Natascha Kampusch und auch der Fall Fritzl sehr interessiert. Ich konnte einfach nicht glauben, dass es in unserer modernen Welt möglich ist, jemanden zu entführen, wegzusperren und über Jahre von der Außenwelt zu isolieren. Vor allem Natascha Kampusch fand ich faszinierend. Ich habe sie einmal in einer Talk-Show mit Günther Jauch gesehen. Diese tolle junge Frau war jahrelang eingesperrt, und trotzdem war sie so reflektiert und schlau. Das hat mich unheimlich begeistert.

Wie lange haben Sie für das Buch gebraucht?

Ungefähr sechs Monate. Manche Charaktere standen vorher schon fest. Hannah habe ich mir wie eine kleine Außerirdische vorgestellt. Sie ist in der Hütte aufgewachsen und kennt nichts anderes. Es hat mir bei aller Tragik viel Spaß gemacht mir vorzustellen, wie die Welt wohl für mich aussähe, wenn ich in totaler Isolation aufgewachsen wäre.  Trotzdem wollte ich das Ganze nach der Hälfte hinwerfen.

Wieso das denn? Keine Lust mehr?

Keine Kraft mehr. Das vergangene Jahr war einfach schrecklich. Ich bin alleinerziehende Mutter und arbeite seit der Geburt meines Sohnes freiberuflich fürs Fernsehen. Ich schreibe Sprechertexte und Beiträge für einen Blog. Jede Stunde, die ich an meinem Buch gesessen habe, habe ich kein Geld verdient. Und irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Ich dachte, du musst aufhören, du musst es lassen und dir diese Hirngespinste, diese Träumereien aus dem Kopf schlagen. Du bist jetzt fast 40. Du musst etwas Vernünftiges machen.

Wieso haben Sie trotzdem weitergemacht?

Weil ich musste. Ich schreibe seit zehn Jahren, obwohl ich nie Erfolg hatte. „Liebes Kind“ war so etwas wie mein letzter Versuch. Meine beiden Frauenromane sind gefloppt. Danach sind immer nur Manuskripte entstanden, die auf Ablehnung stießen. Das Schreiben hat für mich also ein bisschen etwas Wahnhaftes. Irgendetwas, das sich so eingegraben hat in meinen Alltag. Ich kann mir gar nicht vorstellen, nicht mehr zu schreiben.

Sie sind auch auf einem Blog aktiv: Mymonk. Worum geht es da?

Um Selbstverwirklichung, innere Ruhe. Darum, dass man scheitern kann und trotzdem weitermachen sollte. Ich bin irgendwann im Netz auf den Blog gestoßen und war begeistert. Ich habe ihn jeden Morgen gelesen, und er hat mir immer viel Kraft gegeben. Als dann Redakteurinnen gesucht wurden, habe ich mich beworben. Dieser Blog war, neben der Unterstützung durch meine Agentin Caterina, übrigens ein weiterer Grund dafür, dass ich mit „Liebes Kind“ weitergemacht habe.

Wie das?

Ich hatte immer das Gefühl, wenn ich jetzt aufhöre, dann betrüge ich die Leser des Blogs. Ich hatte so oft geschrieben, dass es okay ist zu scheitern, dass ich jetzt selber durchhalten musste.

„Liebes Kind“ ist ein Bestseller geworden. Was haben Sie anders gemacht als in den letzten zehn Jahren?

Das weiß ich selbst nicht. Weswegen ich das alles auch noch immer nicht so richtig fassen kann.

Inzwischen schreiben Sie an Ihrem nächsten Buch.

Ja, es soll im Frühling erscheinen. Es geht darin um Schuld. Wie geht man mit Schuld um, und wird man sie jemals los.

Und? Wird man?

Nein, Schuld wird man niemals los.

Wie groß ist die Angst vor einem möglichen Misserfolg?

Zum Glück hatte ich damit schon angefangen, bevor „Liebes Kind“ veröffentlicht war. Es war also noch gar nicht absehbar, was passieren würde. Ich habe mich einfach an das Thema herangetastet. Als „Liebes Kind“ dann so erfolgreich wurde, bin ich in der Tat erst einmal ins Stocken geraten. Ich konnte nicht mehr weiterschreiben. Der Druck, den ich mir selber gemacht habe, war einfach sehr groß.

Der Druck, einen weiteren Bestseller zu schreiben?

Ich habe auf diese Erwartungshaltung hingeschrieben und vergessen, warum es geht, nämlich darum, dass ich diesen Text in erster Linie für mich schreibe und dass ich damit zufrieden sein muss.

http://www.ksta.de

Romy Hausmann: „Liebes Kind“, dtv, 432 Seiten, 15,90 Euro. E-Book 14,99 Euro.

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