Empfehlung vor dem Fest (10): Bettina Fischer über Christine Wunnickes begeisternden Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“

Im Dezember 2020 präsentieren Gastautorinnen und Gastautoren Bücher, die ihnen besonders am Herzen liegen. Mal sind es Neuerscheinungen, mal sind es Klassiker. Tag für Tag und exklusiv auf dem „Bücheratlas“ – bis kurz vorm Tannenbaum.

Bettina Fischer, 1967 in Hamburg geboren, leitet seit 1. Juli 2012 das Literaturhaus Köln. Zuvor schon gehörte sie der Institution als Geschäftsführerin an. Das Literaturhaus im Haus Bachem am Großen Griechenmarkt, das eines der mitgliederstärksten Literaturhäuser in Deutschland ist, feiert im kommenden Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Foto: Claus Daniel Herrmann

In diesem Herbst hat mich die Lektüre von Christine Wunnickes „Die Dame mit der bemalten Hand“ begeistert. Und nicht nur mich: Das Buch stand 2020 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, Christine Wunnicke wurde in diesem Jahr mit dem Wilhelm Rabe-Preis ausgezeichnet.

In diesem „Roman-Haiku“, wie Christine Wunnicke ihre kurzen Werke nennt, geht es um die Begegnung des deutschen Orientreisenden, Mathematikers und Kartografen Carsten Niebuhr mit dem Perser Musa al-Lahuri im Jahr 1764. Musa al-Lahuri ist ebenfalls ein Bauer von Astrolabien, also von astronomischen Rechen- und Messinstrumenten. Die beiden treffen sich, vom Weg abgekommen und wie gestrandet, auf der Bombay vorgelagerten Insel Elephanta. Verbürgt ist die Begegnung nicht, vielleicht ist sie auch nur ein durch Malaria verursachter Fiebertraum Niebuhrs. Dieser ist als Teil einer dänischen Forschungsreise im Vorderen Orient unterwegs, um den Wahrheitsgehalt biblischer Erzählungen zu ermitteln.

Während die beiden warten, ob ein Schiff sie aufliest, schauen sie immer wieder in den Sternenhimmel, und Niebuhr erfährt von Meister Musa, dass das Erzählen der Wirklichkeit immer wieder neue Gestalt annehmen kann. Leser und Leserin begreifen, wie inspirierend ein Gespräch sein kann, auch wenn man sich nicht immer vollständig versteht. Aufschlussreich ist auch Meister Musas Blick auf den Bremer Reisenden, der die Erzählperspektive fort vom westlich-europäischen Horizont verschiebt.

Wer Christine Wunnicke erst entdeckt, kann übrigens getrost auch zum schmalen Band „Nagasaki, ca. 1642“ greifen, der die Leser*innen in noch weitere Fernen, nach Japan und ins Jahr (ca.) 1642 führt. Und auf mich wartet nun die Lektüre von „Der Fuchs und Dr. Shimamura“. Ich freu mich schon.

„Die Dame mit der bemalten Hand“ kam mir wohl auch wegen des durch den Berenberg Verlag schön gestalteten Covers als ideale Empfehlung für einen Adventskalender in den Sinn: Da leuchtet ein Stern durch die Dunkelheit, wie wir ihn uns in diesen Tagen gewiss alle wünschen!

Bettina Fischer

Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“, Berenberg Verlag, 168 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.


Über die Arbeit und die Veranstaltungen des Literaturhaus Köln ist auf diesem Blog schon mehrfach berichtet worden. Im Jahr 2020 ging es zumal um die Streaming-Angebote in Pandemie-Zeiten – zuletzt wurde HIER über eine Veranstaltung mit Ingo Schulze geschrieben.

Die Advents-Edition der Kölner Literaturclips, die das Literaturhaus Köln derzeit präsentiert, gibt es hier: Kölner Literaturclips – YouTube . Dies ist auch ein Beitrag, um in Zeiten des Lockdowns das literarische Leben vital zu halten.

  • Was bisher geschah

    Die 1. Empfehlung: Rafik Schami über „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ von Franz Hohler – HIER .

    Die 2. Empfehlung: Antje Deistler über „Nach vorn, nach Süden“ von Sarah Jäger – HIER .

    Die 3. Empfehlung: Mark Benecke über „The complete MAUS“ von Art Spiegelman – HIER .

    Die 4. Empfehlung: Nina George über „Ich bin Circe“ von Madeline Miller, „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles, „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger, „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens und „Offene See“ von Benjamin Myers – HIER .

    Die 5. Empfehlung: Klaus Bittner über „Die Schlange im Wolfspelz“ von Michael Maar – HIER .

    Die 6. Empfehlung: Monika Helfer über „Rohstoff“ von Jörg Fauser – HIER .

    Die 7. Empfehlung: Horst Eckert über „Late Show“ von Michael Connelly – HIER .

    Die 8. Empfehlung: Werner Köhler über „Beatlebone“ von Kevin Barry – HIER .

    Die 9. Empfehlung: Marie-Claire Lukas über das Magazin „Spring # 17 – Gespenster“ und „Accidentally Wes Anderson“ von Wally Koval – HIER .

2 Gedanken zu “Empfehlung vor dem Fest (10): Bettina Fischer über Christine Wunnickes begeisternden Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“

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