Empfehlung vor dem Fest (15): Kristof Magnusson über „Vogelpark“ von Tobias Schwartz, worin es ans Eingemachte geht

Gastautorinnen und Gastautoren präsentieren im Dezember 2020 Bücher, die ihnen besonders am Herzen liegen. Mal sind es Neuerscheinungen, mal sind es Klassiker. Tag für Tag und exklusiv auf dem „Bücheratlas“ – bis kurz vorm Tannenbaum.

Kristof Magnusson, wurde 1976 in Hamburg als Sohn deutsch-isländischer Eltern geboren. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der Universität Reykjavík. Bekannt wurde er mit der Theaterkomödie „Männerhort“ (Uraufführung 2003) und dem Roman „Das war ich nicht“ (2010). Weitere Werke folgten. Kristof Magnusson übersetzt aus dem Isländischen und engagiert sich für Literatur in Einfacher Sprache.  Foto: Gunnar Klack

Der von mir mit großer Spannung erwartete zweite Band der Tetralogie, die Tobias Schwartz über sein Aufwachsen in der Grafschaft Bentheim an der deutsch-holländischen Grenze schreibt. Es geht um den neunjährigen Jonas und dessen Kindheit in der westdeutschen Provinz, wie sie westdeutscher und provinzieller kaum sein könnte. Überall Waschbeton! Und es wird nicht, wie bei Marcel Proust, eine Madelaine in den Tee getunkt, sondern ein schnöder Butterkeks.

Es gibt schon einige Bücher über solche westdeutschen Vorwendekindheiten, die meisten davon finde ich entsetzlich banal, weil sie nie richtig aus ihren kindheitsseligen Erinnerungen herausfinden. Bei Tobias Schwartz ist das anders. Jonas lebt in ständiger Angst. In der Schule und auf der Straße fürchtet er sich von den gleichaltrigen Kindern, die ihn mit Steinen bewerfen, doch auch das Zuhause bietet ihm wenig Sicherheit. Die Ehe der Eltern ist zerrüttet, die Kinder leben in ständiger Angst vor dem Vater, der sich im Obergeschoss des Hauses verbarrikadiert hat. Die Kinder suchen sich Fluchten, wo sie nur können. Jonas ältere Schwester übt Klavier als ginge es um ihr Leben, Jonas zieht sich in Traumwelten zurück, weiß alles über Vögel, träumt von einem Vogelpark im eigenen Garten.

Ein Buch, das wirklich ans Eingemachte geht, ohne dabei in Depri-Kitsch abzudriften. Dazu ist es viel zu leichtfüßig und mit einem feinen Humor erzählt. Und es ist ja nicht so, dass die Fluchtversuche vollkommen erfolglos bleiben… Und, ganz abgesehen davon, ist „Vogelpark“ ein tolles Buch für alle, die sich für die Vogelwelt interessieren. Gleich auf Seite 17 kommt einer meiner Lieblingsvögel vor, die chinesische Zwergwachtel!

Kristof Magnusson

Tobias Schwartz: „Vogelpark“, Elfenbein Verlag, 192 Seiten, 22 Euro.


Auf diesem Blog findet sich einiges zu den Veröffentlichungen von Kristof Magnusson – leicht auffindbar über die Suchmaske. Darunter Beiträge von Martin Oehlen zum Roman „Ein Mann der Kunst“ ( HIER ) und zu einer Anthologie in Einfacher Sprache ( HIER ).   

Eine Besprechung des Debütromans „Zuhause“ von 2005, die Petra Pluwatsch im „Kölner Stadt-Anzeiger“ veröffentlicht hat, findet sich HIER .

  • Was bisher geschah

    Die 1. Empfehlung: Rafik Schami über „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ von Franz Hohler – HIER .

    Die 2. Empfehlung: Antje Deistler über „Nach vorn, nach Süden“ von Sarah Jäger – HIER .

    Die 3. Empfehlung: Mark Benecke über „The complete MAUS“ von Art Spiegelman – HIER .

    Die 4. Empfehlung: Nina George über „Ich bin Circe“ von Madeline Miller, „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles, „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger, „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens und „Offene See“ von Benjamin Myers – HIER .

    Die 5. Empfehlung: Klaus Bittner über „Die Schlange im Wolfspelz“ von Michael Maar – HIER .

    Die 6. Empfehlung: Monika Helfer über „Rohstoff“ von Jörg Fauser – HIER .

    Die 7. Empfehlung: Horst Eckert über „Late Show“ von Michael Connelly – HIER .

    Die 8. Empfehlung: Werner Köhler über „Beatlebone“ von Kevin Barry – HIER .

    Die 9. Empfehlung: Marie Claire Lukas über das Magazin „Spring # 17 – Gespenster“ und „Accidentally Wes Anderson“ von Wally Koval – HIER  .

    Die 10. Empfehlung: Bettina Fischer über „Die Dame mit der bemalten Hand“  von Christine Wunnicke – HIER .

    Die 11. Empfehlung: Cay Rademacher über „Das Rätsel von Zimmer 622“ von Joel Dicker – HIER.

    Die 12. Empfehlung (I): Ingrid Noll über „Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink – HIER  .

    Noch eine 12. Empfehlung (II): Mike Altwicker über „Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino – HIER.

    Die 13. Empfehlung: T. Coraghessan Boyle über „Der Tod in ihren Händen“ von Ottessa Moshfegh – HIER .

    Die 14. Empfehlung: Ursula Gräfe über „Paul Celan und der chinesische Engel“ von Yoko Tawada – HIER .

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