Empfehlung vor dem Fest (19 / I): Frank Olbert über den Lyrikband „Fluchtzustand“ und den Roman „Der Garten der verlorenen Seelen“, zwischen denen eine starke Verbindung besteht

Gastautorinnen und Gastautoren präsentieren im Dezember 2020 Bücher, die ihnen besonders am Herzen liegen. Mal sind es Neuerscheinungen, mal sind es Klassiker. Tag für Tag und exklusiv auf dem „Bücheratlas“ – bis kurz vorm Tannenbaum. An diesem Samstag gibt es wieder – wie schon vor einer Woche – gleich zwei Empfehlungen.

Frank Olbert ist Leiter des Kultur-Ressorts beim „Kölner Stadt-Anzeiger“. Am 1. Januar 2021 wechselt er auf den neuen Posten des Bildungs-Korrespondenten.  Foto: Amelie Lessmann

Das Skandalon, über das Agnieszka Lessmann in ihrem Gedichtband „Fluchtzustand“ schreibt, wurde in diesem Jahr durch Corona zwar aus dem öffentlichen Bewusstsein gedrängt – ein Thema, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, bleibt es gleichwohl, und diese Lyrik holt es aus der allgemeinen Sphäre hinunter ins unmittelbare persönliche Erleben: Als Tochter eines jüdischen Vaters, der im Polen des Jahre 1968 Opfer einer antisemitischen Kampagne wurde, hat Agnieszka Lessmann selbst erfahren, worüber sie schreibt; als Lehrerin in Integrationskursen in den Jahren nach 2015 sitzen ihr Menschen gegenüber, die gerade erst durchlitten haben, was sie nur zu gut kennt. „Fluchtzustand“, das ist in hohem Maße politische Lyrik, auch wenn sie niemals politisiert, sondern streng bei der durch eigenen Augenschein gewonnenen Erkenntnis bleibt. Es ist oft das stille, schlichte Bild, in dem sich die Narben der Flucht besonders deutlich abzeichnen.

Ein zweites Buch möchte ich empfehlen, einen Roman, der im Geiste mit diesen Gedichten verschwistert ist, gerade weil er vom Dableiben in einem Land erzählt, aus dem so viele fliehen. Es handelt sich um Nadifa Mohameds „Der Garten der verlorenen Seelen“, der drei zufällige Lebenslinien miteinander verknotet: Die Biografien dreier Frauen, von denen eine noch ein Mädchen ist, das die Umstände zum Erwachsensein verdammen. Auch hier dringt das große Ganze, der beginnende Bürgerkrieg in Somalia am Ende der 80er Jahre, in den Alltag, ins individuelle Erleiden ein. Nadifa Mohameds Roman war unser „Buch für Stadt“, der gemeinsamen Leseaktion von Literaturhaus Köln und „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Autorin wäre gerne zur Eröffnung gekommen, was leider nicht ging. Womit wir wieder bei Corona wären und dem, was wichtig ist, aber derzeit am Rand stehen muss.

Frank Olbert

Agnieszka Lessmann: „Fluchtzustand“, Elif Verlag, 102 Seiten, 18 Euro.

Nadifa Mohamed: „Der Garten der verlorenen Seelen“, dt. von Susanne Urban, C. H. Beck, 272 Seiten, die Sonderausgabe zur Aktion „Buch für die Stadt“ kostet 12 Euro.


Auf diesem Blog findet sich ein Gespräch mit Agnieszka Lessmann über ihren Lyrikband „Fluchtzustand“ – und zwar HIER .

Die Empfehlung vor dem Fest, die Agnieszka Lessmann für diesen Blog geschrieben hat, findet sich HIER .

Einen Beitrag über die Matinee zum „Buch für die Stadt“ mit Nadifa Mohamed findet sich HIER .

  • Was bisher geschah

    Die 1. Empfehlung: Rafik Schami über „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ von Franz Hohler – HIER .

    Die 2. Empfehlung: Antje Deistler über „Nach vorn, nach Süden“ von Sarah Jäger – HIER .

    Die 3. Empfehlung: Mark Benecke über „The complete MAUS“ von Art Spiegelman – HIER .

    Die 4. Empfehlung: Nina George über „Ich bin Circe“ von Madeline Miller, „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles, „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger, „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens und „Offene See“ von Benjamin Myers – HIER .

    Die 5. Empfehlung: Klaus Bittner über „Die Schlange im Wolfspelz“ von Michael Maar – HIER .

    Die 6. Empfehlung: Monika Helfer über „Rohstoff“ von Jörg Fauser – HIER .

    Die 7. Empfehlung: Horst Eckert über „Late Show“ von Michael Connelly – HIER .

    Die 8. Empfehlung: Werner Köhler über „Beatlebone“ von Kevin Barry – HIER .

    Die 9. Empfehlung: Marie Claire Lukas über das Magazin „Spring # 17 – Gespenster“ und „Accidentally Wes Anderson“ von Wally Koval – HIER  .

    Die 10. Empfehlung: Bettina Fischer über „Die Dame mit der bemalten Hand“  von Christine Wunnicke – HIER .

    Die 11. Empfehlung: Cay Rademacher über „Das Rätsel von Zimmer 622“ von Joel Dicker – HIER.

    Die 12. Empfehlung (I): Ingrid Noll über „Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink – HIER  .

    Noch eine 12. Empfehlung (II): Mike Altwicker über „Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino – HIER.

    Die 13. Empfehlung: T. Coraghessan Boyle über „Der Tod in ihren Händen“ von Ottessa Moshfegh – HIER .

    Die 14. Empfehlung: Ursula Gräfe über „Paul Celan und der chinesische Engel“ von Yoko Tawada – HIER .

    Die 15. Empfehlung: Kristof Magnusson über „Vogelpark von Tobias Schwartz – HIER .

    Die 16. Empfehlung: Agnieszka Lessmann über „Die essbare Frau“ von Margaret Atwood, „Rabenschwarze Intelligenz“ von Josef H. Reichholf, „Das Buch der Dörfer“ von Hans Thill und „Ein morsches Licht“ von Anke Glasmacher – HIER .

    Die 17. Empfehlung: Anne Burgmer über „Die Optimisten“ von Rebecca Makkai – HIER .

    Die 18. Empfehlung: Gudrun Fähndrich über „Spiegel und Licht“ von Hilary Mantel – HIER .

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