Empfehlung vor dem Fest (4): Nina George über fünf liebgewonnene Bücher, die Hoffnung machen

Jetzt kommen unsere Gäste zu Wort! 24 Persönlichkeiten, die der Buchwelt eng verbunden sind, präsentieren jeweils einen Titel, der ihnen besonders am Herzen liegt. Mal sind es Neuerscheinungen, mal sind es Klassiker. Tag für Tag exklusiv auf dem „Bücheratlas“ – bis kurz vorm Tannenbaum.

Nina George, 1973 in Bielefeld geboren und in Berlin und in der Bretagne lebend, hat mit dem Roman „Das Lavendelzimmer“ ihren bislang größten internationalen Erfolg erzielt – es liegen Übersetzungen in 37 Sprachen vor. Zuletzt erschien von ihr der Roman Südlichter. Unter dem Pseudonym Jean Bagnol veröffentlicht sie mit ihrem Ehemann Jens J. Kramer Kriminalromane. Nina George, die mehrfach ausgezeichnet worden ist, engagiert sich intensiv für die Belange ihres Berufsstandes, etwa bei Fragen des Urheberrechts. Sie ist aktiv in Organisationen wie PEN, VS, VG Wort und dem Deutschen Kulturrat. Seit 2019 ist Nina George Präsidentin des European Writer’s Council, dem Dachverband zahlreicher Verbände von Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern. Foto: Helmut Henkensiefken

Das Jahr 2020 hat sich seit 9. März zusammengefaltet. Die Zeit rast, und doch ähneln sich die Tage und Nächte: Maske auf, Menschen meiden, nach Hause, und durch das klinisch reine Tor zur Welt des Computers versuchen, einander nah zu sein, um nicht in Fremdheit zu erstarren. Lesen? Kaum möglich.

Es ist seither, als ob ich außer Atem durch die Wochen, die Tage und Nächte renne, mehr damit beschäftigt, für die Schöpferinnen der Literatur einzutreten, als mich ihren Schöpfungen zu widmen. Denn alle Werke, die ich dieses Jahr geliebt habe und Ihnen sehr, sehr ans klopfende Herz legen möchte, erschienen bereits 2019 – außer eines von Ben Myers. Und sie alle, ausnahmslos, handeln von Isolation – und sind alle Hoffnungsträgerinnen. 

„Ich bin Circe“ von Madeline Miller etwa, in der Übersetzung von Frauke Brodd, erschien an meinem 46. Geburtstag im August letzten Jahres. Eine brillante, unaufgeregt feministische Neuerzählung der Odyssee-Saga, aus der Sicht einer unterschätzen, in männlichen Schreibweisen sonst eindimensional dargestellten Tochter Zeus. Miller erzählt abenteuerlicher, selbstbewusster: Einsamkeit, Isolation, Ordnung und Struktur von Circes Lebens in Verbannung, die Kraft, die im Zurückgeworfensein auf sich selbst entsteht, haben mich als Leserin geerdet, gekräftigt und aufs Beste unterhalten zurückgelassen.

Vier andere Werke, die für mich wesentlich waren, erzählten ebenfalls von Isolation – „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles, in der Übersetzung von Susanne Höbel ist eines davon. Als politischer Regimekritiker zu lebenslangem „Hausarrest“ in einem Grandhotel Moskaus verurteilt, muss unser Gentleman in beengten Verhältnissen versuchen, seinem Leben Raum und Sinn zu geben. Es ist eine Geschichte von Freundschaft, Verantwortung, Liebe für die Schutzbefohlenen; es sind Witz, Kulinarik, Historie und immer wieder die Suche nach der inneren Stabilität in der Isolation, die am Ende mein Herz wärmten und mich erneut die derzeitige Gegenwart besser ertragen ließen.

Das galt auch für John Ironmongers „Der Wal und das Ende der Welt“ (Übersetzung: Maria Poets und Tobias Schnettler). „Der Spiegel“ zerriss sich natürlich sein gewohnt zynisches Schandmaul über die Geschichte eines Dorfes an der englischen Küste, das in einer großen, weltweiten Wirtschaftskrise, die die Zivilisationen zerschmettert, zusammenrückt. Pech für Zyniker, dass sie niemandem mehr trauen. Mir war „Der Wal …“ ein großer, optimistischer Trost, dass es immer zwei Sorten Menschen gibt: Die, die lieben, und die, die Arschlöcher sind. Die, die lieben, sind mehr. Wir können einander immer noch vertrauen.

Als letzte in diese Reihe der Isolationsliteratur, die mir näher und tröstender waren als je Bücher zuvor, gehören noch Delia Owens „Der Gesang der Flusskrebse“ (Übersetzung: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann) sowie „Offene See“ von Ben Myers, ebenfalls in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Beide Bücher erzählen mit unglaublicher sprachlicher Schönheit – die Übersetzenden seien gepriesen! – von der Isolation inmitten der Natur. Dort ein Mädchen, da ein Junge, und beide werden sie mit Natur, Elementen, Tieren groß, werden sie selbst.

Und durch diese Seitenlandschaften zu gehen war gleichsam wie befreit vom Körper, den Sorgen, einen sehr, sehr, sehr langen Spaziergang zu machen, ohne Handy, ohne Internet, um sich am Ende wieder zu fühlen: Ja, es gibt mich wirklich. Selbst ohne ein anfassbares, umarmendes Gegenüber, das es bezeugen kann. Diese Bücher: Das waren meine Umarmungen mit Fremden, die als Freunde schieden.

Nina George

Madeline Miller: „Ich bin Circe“, dt. von Frauke Brodd, Eisele, 528 Seiten, 24 Euro. E-Book: 10,99 Euro.

Amor Towles: „Ein Gentleman in Moskau“, dt. von Susanne Höbel, Ullstein, 560 Seiten, 12 Euro. E-Book: 9,99 Euro.

John Ironmonger: „Der Wal und das Ende der Welt“, dt. von Maria Poets und Tobias Schnettler, S. Fischer, 480 Seiten, 12 Euro. E-Book: 9,99 Euro.

Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“, dt. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Hanserblau, 464 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro. Die Taschenbuch-Ausgabe erscheint Ende Januar 2021 bei Heyne.

Ben Myers: „Offene See“, dt. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, DuMont, 270 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.


Von Nina George erschienen zuletzt die Romane „Südlichter“ und „Die Schönheit der Nacht“ sowie unter dem Pseudonym Jean Bagnol und gemeinsam mit ihrem Mann Jens J. Kramer der Kriminalroman „Commissaire Mazan und die Spur des Korsen“. Nina Georges Bücher, auch die unter den Pseudonymen Anne West, Nina Kramer und Jean Bagnol, erscheinen bei Droemer Knaur.

Auf diesem Blog findet sich ein Hausbesuch bei Nina George in der Bretagne ( HIER ) sowie eine Besprechung des Roman „Südlichter“ ( HIER ).

  • Was bisher geschah

    Die 1. Empfehlung: Rafik Schami über „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ von Franz Hohler – HIER .

  • Die 2. Empfehlung: Antje Deistler über „Nach vorn, nach Süden“ von Sarah Jäger – HIER .

  • Die 3. Empfehlung: Mark Benecke über „The complete MAUS“ von Art Spiegelman – HIER .

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