Starke Initiative, tolle Texte: Autorinnen und Autoren schreiben in Einfacher Sprache

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Himmlische Perspektiven eröffnet der Sammelband „Lies“, der Literatur in Einfacher Sprache präsentiert. Das Motto lautet: Kultur ist für alle da!  Foto: Bücheratlas

Das Leichte ist alles andere als leicht. Schon klar. Trotzdem haben sich 13 Autorinnen und Autoren in den vergangenen vier Jahren auf Einladung des Literaturhaus Frankfurt am Main darauf eingelassen, Geschichten in Einfacher Sprache zu schreiben. „Über 20 Millionen Menschen in Deutschland können nicht gut lesen.“ sagt Heike Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses. Und: „Alle haben ein Recht auf Kunst und Literatur.“

Vor diesem Hintergrund kam es zu einer lobenswerten Veranstaltungsreihe – und nun zu einem lohnenden Band des Piper-Verlags. Für die Texte, die darin versammelt sind, galten einige Regeln. Darunter diese:

  • Wir benutzen einfache Wörter.
  • Wir schreiben einfache Sätze.
  • Wenn wir Sprachbilder verwenden, erläutern wir diese.
  • Wir vermeiden Zeitsprünge.
  • Wir erzählen aus nur einer Perspektive.
  • Wir gliedern unser Textbild anschaulich.

Sprachliche und formale Extravaganzen finden sich hier selbstverständlich nicht. Doch die Konzentration aufs Wesentliche – Satz für Satz und Szene für Szene – bedeutet keinen Verlust an Spannung, Witz, Intensität und Intimität. Vielmehr gewinnt der Leser den Eindruck, den Intentionen der Autorinnen und Autoren besonders nahe zu kommen, gleichsam ohne Umwege zum Geschichten-Kern vorzudringen. Hier kann jeder, der sich für Literatur interessiert, sein Vergnügen finden. Einfach heißt nicht einfallslos.

Manchmal vernimmt der Leser einen märchenhaften Ton. Da wird er tatsächlich an die Hand genommen und durch die Geschichten geführt wird. Aber wie schon im Märchen, so lässt man sich auch hier gerne leiten, wenn es eine originelle Gegend ist. Und wie im Märchen ist das alles andere als harmlos. Aber anders als im Märchen steht einiges in Verbindung zu realen Vorkommnissen – sei es Anne Franks Schicksal, das Modell für das „Germania“-Gemälde von 1848 oder Uwe Barschels Tod in der Badewanne.

Die Texte stammen von Henning Ahrens, Mirko Bonné, Nora Bossong, Arno Geiger, Olga Grjasnowa, Judith Hermann, Anna Kim, Kristof Magnusson, Jens Mühling, Maruan Paschen, Ulrike Almut Sandig, Julia Schoch und Alissa Walser. Mit gleich zwei Geschichten ist Kristof Magnusson vertreten – eine prickelnder als die andere. In „Die billige Wohnung“ erfahren wir ganz allmählich, warum diese Spitzenlage so preiswert ist – und wenn dann die Bodenheizung aufgedreht wird, jagt es einem einen Kälteschauer über den Rücken. Auch in „Das Hotel am See“, einer Fiktion über Uwe Barschels Tod, tritt das Grauen mit freundlich-verbindlicher Miene hervor. Toll. Mit diesen Geschichten und mit Heike Hückstädt ist Magnusson derzeit unterwegs, um das Projekt vorzustellen – nächster Halt: „Literaturhaus Köln virtuell“ am 22. Juni.

Wenn alle Geschichten erzählt sind, ist in diesem Band noch nicht Schluss. Sehr sympathisch sind auch die Selbstbeschreibungen der Autorinnen und Autoren. Die sind ebenfalls in Einfacher Sprache gehalten. Ein paar Auszüge gibt es hier:

  • Arno Geiger: „Ich habe einen einfachen Namen: Arno Geiger. Ich bin froh über alles Einfache in meinem Leben. Das Schwierige im Leben hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“
  • Judith Hermann: Morgens trinke ich Tee. Abends Wein. Ich esse jeden Tag einen Apfel. Ich kann nicht Autorfahren. Das Lesen ist mir wichtiger als das Schreiben. Ohne Bücher möchte ich nicht sein.“
  • Nora Bossong: Wenn ich mal zu Hause bleibe, sitze ich gern auf meinem Balkon. Das ist toll allein und noch besser mit den Menschen, die ich mag.“
  • Kristof Magnusson: „Ich schreibe Bücher. Und Theaterstücke. Die Theaterstücke sind lustig. Das hoffe ich zumindest.“
  • Alissa Walser: Bevor ich Büscher schrieb, habe ich Bilder gemalt. Ich mag auch gerne Bücher mit Bildern. In meinen Büchern sind auch manchmal Bilder drin. Texte und Bilder. Manchmal male ich texte. Und manchmal schreibe ich Bilder.“
  • Olga Grjasnowa: „Ich wurde 1984 geboren, für meine beiden Kinder ist das schon richtig alt. Für meinen Mann zum Glück noch nicht so ganz. .. Im Herbst 2020 kommt mein viertes Buch heraus, aber mir ist noch kein Titel eingefallen.“
  • Ulrike Almut Sandig: „Eine meiner Gedicht-Sammlungen hat den längsten Titel der Welt: ‚ich bin ein Feld voller Raps verstecke die rehe und leuchtee wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt‘ . Ich finde, dass man in Bücher alles sein kann. Sogar ein Rapsfeld.“

Martin Oehlen

Lesung

mit Kristof Magnusson und Hauke Hückstädt am 22. Juni 2020 um 19.30 Uhr im „Literaturhaus Köln virtuell“ (Anmeldung online erforderlich)

Hauke Hückstädt (Hg.): „Lies – Literatur in Einfacher Sprache“, Piper, 284 Seiten, 18 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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