Literaturland NRW (12): Heinrich Bölls Spazierweg in Bornheim-Merten, den ihm der Arzt verordnet hatte

Literarische Orte in Nordrhein-Westfalen besuchen wir in lockerer Folge: Wege, Schauplätze, Erinnerungsorte, Institutionen. Diesmal geht es um die Strecke, die Heinrich Böll an seinem Alterssitz gegangen ist. Vielleicht wäre das ja ein Ziel für eine Freiluft-Aktivität im neuen Jahr. Was uns die fabelhafte Gelegenheit gibt, allen Leserinnen und Lesern ein großartiges 2022 zu wünschen.

Den Ausblick auf und über die Felder hat Heinrich Böll in der Kurzgeschichte „Oblomow auf der Bettkante“ skizziert. Foto: Bücheratlas

Den Spaziergang hatte der Arzt verschrieben. Täglich sollte Heinrich Böll (1917-1985) mindestens zwei Kilometer gehen. Nur so könne der starke Raucher sein linkes Bein retten. Dem Schriftsteller fiel es allerdings schwer, sich jeden Tag zu einem solchen Gang aufzuraffen. Er hat darüber eine Kurzgeschichte geschrieben: „Oblomow auf der Bettkante“. Doch anders als der passive Held in Gontscharows großem Roman konnte Böll es sich nicht leisten, im Bett zu bleiben. Er machte sich also auf den Weg.

Immer der Baskenmütze nach

Die letzten Jahre seines Lebens, von 1982 bis 1985, lebte Heinrich Böll in Bornheim-Merten, wo sein Sohn René mit seiner Familie eine Wohnung hatte. In Erinnerung an den berühmten Einwohner hat die Stadt Bornheim im Böll-Jahr 2017, anlässlich des 100. Geburtstags, einen Heinrich-Böll-Weg angelegt. Auf dem geht es immer der Baskenmütze nach – die ist das Erkennungszeichen und leicht zu unterscheiden von alternativen Routen wie dem Kappesweg oder dem Römerkanal-Wanderweg, die hier ebenfalls verlaufen.

Bornheim-Merten ist stolz auf Heinrich Böll, der 2010 posthum zum Ehrenbürger erklärt wurde. Die Zustimmung war zu seinen Lebzeiten nicht immer einhellig gewesen. Nicht in der Phase, als die politischen Fronten zwischen Rechts und Links umkämpft waren. Doch mittlerweile, so unser subjektiver Befund, ist der Böll der späten Jahre eine unstrittige Größe in der Bornheimer Bürgerschaft. Allein die Bereitschaft, mit der die Einwohner den Besuchern Auskunft geben zu Weg und Haus, zeugt von einem großen Einverständnis mit dem Literaturnobelpreisträger.

Drei Kilometer durch den Ort und in die Höhe

Wir starten am Heinrich-Böll-Platz, der vor allem ein großer Parkplatz ist. Von hier aus führt ein rund drei Kilometer langer Heinrich-Böll-Weg durch den Ort und in die Höhe. Allerdings – trotz der Baskenmütze als Logo auf den Wegweisern verlieren wir kurz die Orientierung. Gleich in der Martinstraße, in der Böll im Hause seines Sohnes René gewohnt hat. Denn auf dem Flyer, der im Netz zur Verfügung gestellt wird, findet sich keine Hausnummer. Und der Punkt, der auf dem Plan das Haus markieren könnte, steht auf der falschen Seite.

Aber da gibt es eben die Bornheim-Mertener. Vom Balkon herab gibt uns eine freundliche Dame Auskunft: „Dort drüben, das weiße Haus! Schauen Sie nur mal auf den Bürgersteig. Da ist eine Hinweistafel verlegt worden.“ Stimmt. Aber hätten wir es nicht gewusst, hätten wir sie wahrscheinlich übersehen. Ja, Böll war ein bescheidener Mensch, aber so bescheiden müsste die Erinnerung an ihn nicht ausfallen.

Als wir von dort aus um die nächste Ecke biegen, tritt ein Handwerker auf uns zu, Maurerkelle und Eimer in den Händen haltend. Den Weg zum Alten Friedhof, „wo der Herr Böll beerdigt ist“, schildert er uns detailliert. Auch weiß er, dass der Schriftsteller in der zweiten Reihe liege. Und so ist es. Als wir vor dem Grab stehen, in dem auch Bölls Ehefrau Annemarie beigesetzt ist, sehen wird dort zwei ermattete Kränze mit rot-weißen Bändern der Stadt Köln, die ihrem Ehrenbürger gedenkt.

„Wo der Herr Böll beerdigt ist“

Das Grabkreuz hat René Böll gestaltet, mit Sonne, Mond und einem Kometenschweif, der einst den Heiligen Drei Königen den Weg gewiesen haben mag. Heinrich Bölls Onkel Alois war Architekt des Neubaus der Friedhofskapelle von 1947/48. Ein kleines Schmuckstück ist das, in den der romanische Chor eines Vorgängerbaus integriert werden konnte. „Das Chörchen“, heißt es auf einer Informationstafel, „erinnert architektonisch an das etwa zur gleichen Zeit entstandene Münster.“ Das Friedhofsportal stammt ebenfalls aus der Mitte des 12. Jahrhunderts.  

„Man fuhr in die Baumblüte“

Vom Friedhof aus sieht man auf der einen Seite in der Ferne die Industrieanlagen von Wesseling, auf der anderen lugen ein paar Spitzen des Siebengebirges hervor. Zwischendrin viele Felder.

In „Oblomow auf der Bettkante“ schreibt Böll über die Aussichten, die ihm „der ärztlich verordnete Pflicht-Spaziergang“ bescherte: „Gemüsefelder, blaugrüne Lauchfelder, hellgrün der Kopfsalat, violett-blauer Kohlrabischimmer, weiß-grün der Blumenkohl, im Frühjahr die blühenden Obstbäume, die einmal Kölner Ausflugsziel waren; man fuhr ‚in die Baumblüte‘.“

„Das Haus des Vergnügens“

Der Rundweg erreicht seinen höchsten Punkt am Rösberger Schloss. Das hatte einst Ferdinand Joseph Freiherr von und zu Weichs an der Glon bei Johann Conrad Schlaun in Auftrag gegeben. Der berühmte Barockbaumeister, der in nächster Nachbarschaft mit den Entwürfen zu den Schlössern Falkenlust und Augustusburg befasst war, entschied sich für ein „Maison de Plaisance“.

Geradeaus geht es zum Schloss Rösberg. Foto: Bücheratlas

Doch dieses 1731 vollendete „Haus des Vergnügens“ ging nach 100 Jahren, nämlich im Jahre 1833, in Flammen auf, zunächst im Frühjahr das Wirtschaftsgebäude und danach im Herbst das Wohnhaus. Auch der Neubau, nun ein Stockwerk höher angelegt, hatte nur ein Jahrhundert Bestand. Er wurde bei einem Luftangriff im Weltkriegsjahr 1941 zerstört. Abermals wurde wiederaufgebaut. Heute befinden sich in der stattlichen Anlage, auf die eine Allee zuläuft, mehrere Eigentumswohnungen.

Aus der Höhe geht es nun sanft absteigend zurück nach Merten. Mit weitem Blick über die Rheinebene, der Heimat Heinrich Bölls.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog finden sich zahlreiche Beiträge zu Heinrich Böll, die sich leicht über die Suchmaske erreichen lassen.

Darunter sind auch zwei Exkursionen – einmal auf dem Böll-Wanderweg im Bergischen Land (HIER), der uns besonders gut gefallen hat, und einmal zu Bölls rekonstruiertem Arbeitszimmer in der Kölner Stadtbibliothek am Neumarkt (HIER).

Zuletzt gab es Anfang Dezember 2021 eine Besprechung zu den gesammelten Gedichten in einem Band (HIER).

Dorothee Böttges-Papendorf und Willi Hermann haben 2017 eine kleine Schrift über Heinrich Böll aus Bornheimer Perspektive herausgegeben: „Erinnerung an den Schriftsteller Heinrich Böll – Ehrenbürger der Stadt Bornheim“.

  • Was bisher geschah

    Heinrich-Böll-Wanderweg in Much (HIER)

    Kölner Orte der Irmgard Keun (HIER)

    Thomas Kling auf der Raketenstation in Hombroich (HIER)

    Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem in Troisdorf (HIER)

    Ferdinand Freiligrath und der Rolandsbogen (HIER)

    Der Heinzelmännchen-Brunnen in Köln (HIER)

    Rolf-Dieter Brinkmann in der Engelbertstraße in Köln (HIER)

    Das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf (HIER)

    Heinrich Bölls Schreibtisch in Köln (HIER)

    Annette von Droste-Hülshoff auf Burg Hülshoff in Münster (HIER)

    Die Marcel-Proust-Promenade im Kölner Stadtwald (HIER)

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