Literaturland NRW (2): Irmgard Keuns Spuren in Köln

Literarische Orte in Nordrhein-Westfalen besuchen wir in lockerer Folge: Schauplätze, Wohnorte, Institutionen. Diesmal sind wir auf den Kölner Spuren von Irmgard Keun unterwegs.

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Gedenkplatte für Irmgard Keun vor der Fachhochschule Köln in der Claudiusstraße in der Kölner Südstadt. Hier wird zahlreicher Autorinnen und Autoren gedacht, deren Werke bei der Bücherverbrennung am 17. Mai 1933 ins Feuer geworfen wurden. Nach dem Berliner Auftakt des Nazi-Terrors am 10. Mai 1933 folgten in den Tagen danach zahlreiche deutsche Städte dem schändlichen Treiben.  Foto: Bücheratlas

Nur ein schlichter Schriftzug im Pflaster erinnert an die Autorin: Irmgard Keun. Kein Geburts-, kein Sterbedatum. Irmgard Keun (1905 – 1982). Schauspielschülerin, Schriftstellerin. Verfolgte des NS-Regimes. Hier, vor dem Haupteingang der Technischen Hochschule an der Claudiusstraße in der Kölner Südstadt, brannten am 17. Mai 1933 ihre Bücher. „Gilgi, eine von uns“, „Das kunstseidene Mädchen“. Mehr hatte die damals 28-Jährige, die seit 20 Jahren in Köln lebte, noch nicht veröffentlicht. Und dennoch galt die junge Autorin als Hoffnungsträgerin der „Neuen Sachlichkeit“.

Noch heute lesen sich Irmgard Keuns Texte so frisch und lebendig, als seien sie gerade in den Computer gehackt worden. Ihre Protagonistinnen sind pragmatisch-träumerische junge Frauen aus einfachen Verhältnissen, die sich irgendwie durchs Leben wurschteln und es mit der herrschenden Moral nicht so genau nehmen. „Ich will eine werden.“ lesen wir im „Kunstseidenen Mädchen“ von 1932. „Ich will so ein Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht, und alles wie Paris.“ Doch die Träume und kunterbunten Illusionen von Doris oder Gilgi scheitern immer wieder an der Realität. „Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an“, heißt es am Ende des Romans, der 2003 das „Buch für die Stadt“ in Köln war.

Der Schriftzug mit ihrem Namen, Teil eines Mahnmals für verfemte Autorinnen und Autoren, gehört zu den wenigen Orten in Köln, die an die einstige Bestsellerautorin erinnern. Irmgard Keun verbrachte den Großteil ihres Lebens in dieser Stadt. Geboren  wurde sie allerdings am 6. Februar 1905 in Berlin.  An ihrem Geburtshaus in der Meinekestraße 6 in Berlin-Charlottenburg erinnert seit 2011 eine Gedenktafel an dieses denkwürdige Ereignis.

1913 zog die Familie nach Köln in die Wiethasestraße 44, ein Vierparteienhaus, das den Zweiten Weltkrieg nicht überdauerte. Heute steht an dieser Stelle ein schlichter mehrstöckiger Nachkriegsbau mit einer Vielzahl kleiner Balkone, die ein wenig an Vogelnester erinnern.

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Irmgard Keuns Vater Eduard war Teilhaber und Geschäftsführer der „Cölner Benzin-Raffinerie“ geworden, die ihre Geschäftsräume in der nahen Eupener Straße 144 hatte. Irmgard besuchte das evangelische Mädchenlyzeum Teschner in der Lindenstraße 16, wo sich heute die Rheinische Fachhochschule Köln befindet. 1921 machte sie ihren Abschluss, eine leicht pummelige junge Frau, die nicht so recht wusste, wie es weitergehen sollte im Leben. Zur Schriftstellerei sollte sie erst zehn Jahre später finden.

Im selben Jahr zog die Familie um in ein eigenes Haus in der Eupener Straße 19 unweit des Kölner Stadtwalds. Das Gebäude überstand den Krieg, wenn auch schwer beschädigt. Irmgard Keun kehrte zwei Jahre nach Kriegsende dahin zurück, mittellos, alkoholkrank und von ihrer Leserschaft weitgehend vergessen. Hinter ihr lagen ein mehrjähriges Exil in Belgien und in den Niederlanden, eine gescheiterte Ehe und der Tod ihres Lebensgefährten Joseph Roth. In der Eupener Straße versuchte sie einen Neustart als Autorin. Gelingen sollte ihr das so schnell nicht.

Bis 1966 lebte sie, zunächst mit ihren Eltern, später mit ihrer 1951 geborenen Tochter Martina, in dem zerbombten und mühsam zusammengeflickten Haus in der Eupener Straße. Mehrere Entziehungskuren blieben erfolglos. Im August 1966 wurde Irmgard Keun in das Landeskrankenhaus Bonn eingewiesen, wo sie sechs Jahre bleiben sollte. Das Haus in Köln wurde verkauft.

Heute trägt das Gebäude eine dunkelrote Fassade, und seine Besitzer sprechen mit Wärme über die Frau, die bis 1966 darin lebte. Es gebe Bestrebungen, mit einer Gedenktafel an der Fassade an Irmgard Keun zu erinnern, ist zu hören. Sämtliche Unterlagen für einen entsprechenden Antrag bei der Stadt habe man beisammen.

Erst 1977 kehrte Irmgard Keun zurück nach Köln. Nach ihrer Entlassung aus der Landesklinik hatte sie zunächst einige Jahre in Bonn gelebt. Im „Haus Baden“ in der Trajanstraße 10 in der Kölner Südstadt fand sie eine neue Heimat. Hier wohnte die inzwischen über siebzigjährige Frau bis zu ihrem Tod in Appartement 603. Und beruflich ging es noch einmal bergauf. Eine Serie im „Stern“ erinnerte an „Die verbrannten Dichter“, zu denen auch Irmgard Keun gehörte. Bald fand sich ein Verlag, der ihre Werke wieder auflegte.

Nur fünf Jahre später, am 5. Mai 1982, starb Irmgard Keun. Auf dem Friedhof Melaten in Flur 12, Abschnitt G, liegt sie begraben, gemeinsam mit den Eltern und ihrem Bruder Gerhard, der 1943 in Nikolskoje fiel. Am Kölner Rathausturm im dritten Obergeschoss findet sich eine steinerne Skulptur der Schriftstellerin. Flankiert wird sie vom Kollegen Heinrich Böll und dem Widerstandskämpfer Bernhard Letterhaus. Sie steht dort also in bester Gesellschaft.

Petra Pluwatsch

Der Auftakt der Reihe „Literaturland NRW“ über den Heinrich-Böll-Wanderweg rund um Much findet sich HIER.

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