Literaturland NRW (9): Heinrich Bölls Schreibtisch mit Zigarettenspitze, Schaffell und der „Remington Writer Deluxe“

Literarische Orte in Nordrhein-Westfalen besuchen wir in lockerer Folge: Schauplätze, Wohnorte, Institutionen. Einige sind trotz Pandemie zugänglich, andere nicht. Doch es kommen ja auch wieder bessere, freiere Tage. Was bisher geschah, findet sich am Ende des Beitrags.

Heinrich Bölls Schreibtisch mit praktischer Erweiterung Foto: Bücheratlas

Der Aschenbecher ist blankgeputzt, die Pfeife kalt, die Zigarettenspitze unbestückt. Heinrich Böll (1917-1985) wohnt hier nicht mehr. Doch wer die Atmosphäre schnuppern will, in der Kölns einziger Literaturnobelpreisträger seine Texte schrieb, der sollte den zweiten Stock der Kölner Stadtbibliothek am Neumarkt aufsuchen. Denn hier, wo das „Literatur in Köln“-Archiv und das Heinrich-Böll-Archiv untergebracht sind, ist das Arbeitszimmer hinter einer Glasfront zu besichtigen. In einer Institution, bei deren Eröffnung im Jahre 1980 Heinrich Böll die Festrede gehalten hatte.

Die Präsentation ist ausgestattet mit allem, was an originalem Material verfügbar ist – vom Schreibtisch bis zur Schreibmaschine („Remington Writer Deluxe“). Ja, so sah es bei Heinrich Böll an seinem letzten Wohnsitz in Bornheim-Merten aus, wo er drei Jahre lebte.

Was sofort auffällt: Das ist keine durchgestylte Wohnlandschaft, sondern ein Arbeitsplatz-Ensemble, das über die Jahre entstanden ist. Vieles atmet hier den Geist der 1950er Jahre. „Das Zimmer spiegelt die Bescheidenheit des Autors“, sagt Gabriele Ewenz, die Leiterin der beiden literarischen Archive in der Stadtbibliothek.  Zum Beleg verweist sie auf die schlichten Beistelltische, die als Verlängerung des Schreibtisches angefertigt worden sind, als der nicht mehr ausreichte. Die wirken grob gezimmert, einzig auf die Funktion bedacht. Heinrich Böll stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, hatte Krieg und Zerstörung, Armut und Not erfahren – er war gewiss kein Mensch des Luxus.

Auf dem Schreibtisch eine Mappe, Briefe mit aufgedrucktem Absender, mehrere Notizbücher und einige Steine. Dahinter der Schreibtischstuhl, der von einem Schaffell als Polsterung überdeckt ist. Etwas abseits davon ein gedrechselter Stuhl, handgefertigt von seinem Vater Viktor, der Kunstschreiner war. Gleich daneben eine Rattan-Liege, an deren Kopfende die berühmte Baskenmütze hängt (beim Heinrich-Böll-Weg durch Merten ist sie das Erkennungs-Logo).

Die Bücher drumherum stammen aus Bölls Nachlass-Bibliothek. Nicht wenige mit Widmungen versehen – von Paul Celan oder von Jürgen Becker. Gleichwohl ist es keine bibliophile Sammlung, sondern eine für den schnellen Zugriff. „Es sind Bücher, die er wirklich gebraucht hat“, sagt Gabriele Ewenz. Darunter das „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Grimm. Allerdings kann nicht die komplette Bibliothek präsentiert werden. Weitere Werke befinden sich im Depot im Keller der Stadtbibliothek.   

Heinrich Böll war ein vielgefragter Autor, gerade in seinen letzten Lebensjahren. Die Wählscheibe des beigen Telefons auf dem Schreibtisch hat er oft gedreht. „Er konnte schlecht ‚nein‘ sagen, wenn er um etwas gebeten wurde“, meint Gabriele Ewenz. So hat Böll sich auch auf die Lektüre des Romans „Der Sieger nimmt alles“ von Dieter Wellershoff eingelassen. Wellershoff war sein Lektor bei Kiepenheuer und Witsch. Doch die ersehnte Rezension blieb aus. Böll konnte offenbar mit dem Roman nicht viel anfangen. Er hatte sich redlich bemüht, wie die Anmerkungen in dem Exemplar bezeugen, das in einer Vitrine ausgestellt ist. Aber eine Rezension wollte er dann doch nicht veröffentlichen.

Am rechten Rand dieses literarischen Denkmals eigener Art ist ein roter Talar drapiert. Den trug Heinrich Böll, als er zum Ehrendoktor der University of Birmingham ernannt wurde. Doch das ist gewiss: Das Kleidungsstück hatte er zu keiner Zeit in seinen Räumen ausgestellt. So sieht es Gabriele Ewenz: „Wenn einer nicht eitel war, dann war es Heinrich Böll.“

Martin Oehlen

Adresse

Zentralbibliothek der Kölner Stadtbibliothek Köln, Josef-Haubrich-Hof 1 (am Neumarkt), 50676 Köln.

Geöffnet (in nicht-pandemischen Zeiten) Mo., Mi. und Fr. 10 -18 Uhr, Di. und Do. 10 bis 20 Uhr, Sa. 10 -15 Uhr.

Literaturtipps

Heinrich Böll: „Köln gibt‘s schon, aber es ist ein Traum – Ein Autor und seine Stadt“, hrsg. von René Böll, Kiepenheuer & Witsch, 14,99 Euro.

Die „Kölner Ausgabe“ von Heinrich Bölls gesammelten Werken liegt im Verlag Kiepneheuer & Witsch vor. 

Auf diesem Blog gibt es einige Texte über Veröffentlichungen zur „Literatur in Köln“, die Gabriele Ewenz betreut und die leicht über die Suchmaske zu finden sind. Unter anderem ist auch der Band „Heinrich Böll und die Bildende Kunst“ besprochen – und zwar HIER .

  • Was bisher geschah

    Heinrich-Böll-Wanderweg in Much (HIER)

    Kölner Orte der Irmgard Keun (HIER)

    Thomas Kling auf der Raketenstation in Hombroich (HIER)

    Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem in Troisdorf (HIER)

    Ferdinand Freiligrath und der Rolandsbogen (HIER)

    Der Heinzelmännchen-Brunnen in Köln (HIER)

    Rolf-Dieter Brinkmann in der Engelbertstraße in Köln (HIER)

    Das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf (HIER)

    Heinrich Bölls Schreibtisch in Köln

2 Gedanken zu “Literaturland NRW (9): Heinrich Bölls Schreibtisch mit Zigarettenspitze, Schaffell und der „Remington Writer Deluxe“

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