Literaturland NRW (6): Der Heinzelmännchenbrunnen in Köln erzählt, warum die Zeiten so anstrengend geworden sind

Literarische Orte in Nordrhein-Westfalen besuchen wir in lockerer Folge: Schauplätze, Wohnorte, Institutionen. Die erste Staffel gab es im Jahr 2020. Mit Stationen in Much, Köln, Hombroich, Troisdorf und am Rolandsbogen. Nun starten wir die zweite Staffel. Aber zuvor noch das: Wir vom Bücheratlas wünschen allen ein gutes Neues Jahr! Martin Oehlen und Petra Pluwatsch

Der Heinzelmännchenbrunnen in Köln vor Brauhaus-Kulisse Fotos: Bücheratlas

Das muss ein mächtiges Gepolter gewesen sein. Kopfüber stürzten die Heinzelmännchen bei einem „Schneiderlein“ die Treppe hinunter. Holten sich Beulen, blaue Flecken, Nasen bluteten, Wämser rissen. Was die fleißigen Wichtel derart stark verärgerte, dass sie auf Nimmerwiedersehen im Dunkel der Nacht verschwanden. So endet die Geschichte von den Kölner Heinzelmännchen, die den faulen Handwerkern der Stadt aus der Patsche helfen, indem sie nachts heimlich deren Job erledigen. Sie backen Brot, keltern Wein und nähen einen „Staatsrock“ für den Bürgermeister. Bis, ja, bis die Frau des Schneiderleins eines Abends wissen will, wer eigentlich für die nächtlichen Hilfsdienste verantwortlich ist und den Heinzelmännchen eine Falle stellt: Sie streut getrocknete Erbsen auf die Treppe und „springt hinunter auf den Schall / mit Licht: husch, husch, husch! Verschwinden all!“

„Denn, war man faul, man legte sich“

Populär wurden „Die Heinzelmännchen von Köln“ durch den Maler und Dichter August Kopisch (1799 – 1853). Der veröffentlichte 1836 eine Ballade über die emsigen Helferlein – und rieb den eher kontemplativ veranlagten Kölner Handwerkern damit ordentlich einen hin. „Wie war zu Köln es doch vordem / mit Heinzelmännchen so bequem“, dichtete er fröhlich. „Denn, war man faul, man legte sich / hin auf die Bank und pflegte sich.“ Neu allerdings war die Geschichte von den Zwergen und der neugierigen Schneiderfrau nicht. Bereits der Kölner Schriftsteller und Chronist Ernst Weyden (1805 – 1869) hatte den „kleinen nackenden Männchen“ 1826 in seinem Buch „Cöln‘s Vorzeit“ ein paar launige Zeilen gewidmet. Und die Geschichte vermutlich von den Brüdern Grimm geklaut.

Natürlich ist den Protagonisten der kölschen Volkssage in ihrer Heimatstadt – neben dem Heinzelmännchenweg in Köln-Ehrenfeld – auch ein Denkmal gewidmet: der Heinzelmännchenbrunnen. Der steht mitten in der Altstadt in der Straße Am Hof. Der Kölner Dom ist in Sichtweite, bis zum Römisch-Germanischen Museum sind es ebenfalls nur ein paar Schritte. In seinem Rücken liegt das älteste Brauhaus der Stadt: das „Früh“, in dem man auf die vergrätzten Heinzel ein Kölsch trinken kann.

Original und Kopie

Geschaffen wurde der Brunnen von dem Bildhauer Edmund Renard dem Älteren und dessen Sohn Heinrich, einem Architekten. Der „Cölner Verschönerungsverein“ hatte das Denkmal 1899 in Auftrag gegeben, zwei Jahre später konnte es eingeweiht werden. Der Anlass: August Kopischs 100.  Geburtstag. Edmund Renard dürfte das Projekt großen Spaß gemacht haben. Bis dato hatte der Kölner Künstler vor allem Skulpturen für Grabmäler und Kirchen gestaltet, unter anderem für die Christuskirche in Hannover.

Jetzt also ein Brunnen. Einer aus Eisen und hellem Sandstein mitten in der Stadt gelegen und gestaltet in Form der Kölner Neugotik. Renards Heinzelmännchen sind pummelige kleine Kerle mit Zipfelmützen und ernsten Mienen. Sechs Darstellungen zeigen sie bei der Arbeit: Sie zimmern und schreinern, keltern Wein, backen, schlachten und schneidern.

Über allem thront die neugierige Schneidersgattin mit ihrer Laterne, allerdings nur als Kopie. Das Original befindet sich, ebenso wie die ursprünglichen Reliefs, im Kölner Stadtmuseum. Die witterungsanfälligen Sandsteinplatten sind durch Kunststeinabgüsse ersetzt worden. Nicht von den fleißigen Heinzelmännchen. Es war die „Cölner Hofbräu P. Josef Früh KG“, die den in die Jahre gekommenen Brunnen 2017/2018 von Fachleuten restaurieren ließ.

Petra Pluwatsch


Adresse: Am Hof, 50667 Köln

Literaturtipps

August Kopisch: „Die Heinzelmännchen von Köln“, mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach, Emons, 48 Seiten, 8,95 Euro.

Ernst Weyden: „Cöln‘s Vorzeit: Geschichten, Legenden und Sagen“, Nabu Press, 322 Seiten, 30,99 Euro.

  • Was bisher geschah

    Die erste Staffel

    Heinrich-Böll-Wanderweg in Much (HIER)

    Kölner Orte der Irmgard Keun (HIER)

    Thomas Kling auf der Raketenstation in Hombroich (HIER)

    Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem in Troisdorf (HIER)

    Ferdinand Freiligrath und der Rolandsbogen (HIER)

  • Die zweite Staffel

    Der Heinzelmännchen-Brunnen in Köln

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