Literaturland NRW (5): Ferdinand Freiligrath ist schockiert, als er aus der Postkutsche auf den Rolandsbogen blickt

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Blick vom Rolandsbogen in Richtung Süden – im Vordergrund die Insel Nonnenwerth Foto: Bücheratlas

Es ist ein kalter Januartag im Jahre 1840, an dem Ferdinand Freiligrath (1810-1876) in der Postkutsche unterwegs von Köln nach Unkel ist. In der großen Stadt hatte er zu tun gehabt. Nun geht es heim ins Weindorf, wo er im kurkölnischen Palais zur Miete wohnt. Doch dann das: Als sich der Passagier auf Höhe der Ruine Rolandseck befindet, traut er seinen Augen nicht.

Die Verlobte zieht ins Kloster

Die Burg am Hang des Rodderbergs hatte Kölns Erzbischof Friedrich I. im Jahre 1122 errichten lassen. Im Laufe der Jahrhunderte verfiel sie allerdings durch kriegerische Einwirkungen. Den Todesstoß versetzte dem Gemäuer am Ende der Kölner Bucht ein Erdbeben im Jahre 1673. Nur ein einziger Fensterbogen blieb stehen, 100 Meter oberhalb des Rheins. Gerade weil diese prächtig gelegene Ruine zugleich an einstige Größe und an die unerbittliche Vergänglichkeit erinnert, hat sie sich im 19. Jahrhundert zu einem Zentralort der Rheinromantik entwickelt. Auch Freiligrath war ihr verfallen.

Der Rolandsbogen verdankt seinen Namen einer sagenhaften Gestalt, die Anleihen nimmt beim altfranzösischen „Chanson de Roland“. Dieses Werk stammt ungefähr aus der Zeit, in der die Burg errichtet wurde, also um 1100. Der Ritter Roland, von dem darin Rede ist, hatte im 9. Jahrhundert einen schweren Schicksalsschlag hinzunehmen. Da nämlich zog er, der mit Hildegunde verlobt war, im Heer von Karl dem Großen zur Mauren-Abwehr in den fernen Süden. Als eines Tages die Nachricht von seinem Tode eintraf, trat die betrübte Frau ins Nonnenkloster am Fuße des Rodderbergs ein. Doch es war eine Falschmeldung gewesen, die vom Schlachtfeld an den Rhein übermittelt worden war. Roland lebte, kehrte heim als Totgesagter – und fand seine Braut als Nonne vor. Daran war nichts zu ändern. Gelübde ist halt Gelübde. Fortan saß Roland in jenem Fenster-Bogen und blickte trauernd hinab aufs Kloster. In ewiger Liebe bis zum Tode.

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Wer sich frontal vor dem Bogen platziert, hat den optimalen Blick auf den Drachenfels. Aber man will ja auch nicht immer stören… Foto: Bücheratlas

Aber wir saßen ja eben noch bei Freiligrath in der Kutsche. Also – als er im Tempo seiner Zeit voranrollte, hielt er nach der vertrauten Ruine Ausschau. Den Schock, der ihm in die Glieder fuhr, hat er Tage später in seinem Langgedicht „Rolandseck“ beschrieben: „Ich schau‘ empor; – ich fahr‘ entsetzt zurück: -/ O Gott, o Gott, verschwunden ist der Bogen.“ Für den Einsturz hatte in der Nacht vom 28. Auf den 29. Dezember 1839 ein Unwetter gesorgt. Nun ragten nur noch die beiden Seitenpfeiler gen Himmel.

„Noch einmal ruf‘ ich: Jeder einen Stein“

Freiligrath zögerte nicht. Zügig setzte er eine Spenden-Kampagne zum Wiederaufbau in Gang. Die „Kölnische Zeitung“, in der sein lyrischer Appell erschien, räumte dafür ihre Titelseite frei. Die 20. und letzte Strophe des Gedichts lautet: „Noch einmal ruf‘ ich: Jeder einen Stein!/ Ich will des Ritters Seckelmeister sein!/ O, ehrt des Rheines wunderbarste Sage! Bei Lieb‘ und Schwur, bei Poesie und Kuss,/ Hört meine Mahnung: Euren Obolus!/ Bringt euer Felsstück – Roland’s Bogen rage!“

In seinem Überschwang hatte Freiligrath allerdings übersehen, dass das Areal der Prinzessin Marianne von Preußen gehörte. Ihre Zuständigkeit wäre es gewesen, eine Sanierung anzuordnen und zu finanzieren. Gleichwohl – „der huldvolle Endbeschluss Ihrer Königlichen Hoheit“ besagte, wie Freiligrath schrieb, dem Spendenaufruf freie Bahn zu gewähren. Das Geld floss üppig. So konnte sich der Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner bald schon dem Wiederaufbau widmen. Und die Prinzessin zeigte sich gar nicht nachtragend. Sie spendete ihrerseits eine namhafte Summe für einen Schulbau in Rolandswerth.

Auf den Ausflugsschiffen der Köln-Düsseldorfer wird per Lautsprecher auf den Rolandsbogen aufmerksam gemacht. Auch vom Efeu ist dabei die Rede, das den Bogen umranke. Das ist allerdings bereits im Jahre 2010 entfernt worden, weil es eben nur noch dieses Gewächs war, das für die Statik zuständig war. Nun wirkt der Bogen wie frisch geputzt.

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Vom „Heinrichsblick“ aus sieht man den Drachenfels auf der anderen Rheinseite. Foto: Bücheratlas

Wer sich dieser Attraktion zu Fuß nähert, tut dies auf landschaftlich schönen Wegen. Der „Heinrichsblick“ bietet eine erstklassige Aussicht, wenngleich einen schaudern mag, dass dies auch die „historische Richtstätte des Amtes Mehlem“ war. Was war das wohl für ein letzter Blick für die, die hier hingerichtet worden sind! Unmittelbar vor dem Ziel stoßen wir auf eine weitere Hinweistafel: „Herzlich willkommen – Rheinland-Pfalz“. Stimmt: In unsere Reihe Literaturland NRW passt der „Rolandsbogen“ strenggenommen nicht. Aber so streng nehmen wir es nicht. Schließlich sind in dieser Geschichte die Bezüge zu Nordrhein-Westfalen ohne Zahl. Außerdem befindet sich der Parkplatz, auf dem wir den Pkw zurückgelassen haben, auf NRW-Gebiet.

Sauerbraten unterm Rolandsbogen

Auf dem Plateau direkt unterhalb des Rolandsbogens streicht der Blick weit über den Rhein von Bonn bis Remagen. Und wie einst der sagenhafte Roland, so können wir heute auf das Kloster der Insel Nonnenwerth hinunterblicken. Früher  gehörte es den Benediktinerinnen, heute den Franziskanerinnen. Ob unter diesen auch eine Hiltegunde ist, haben wir nicht recherchiert.

Die Parade-Perspektive gibt es von der Restaurant-Terrasse. Hier zielt der Blick  durch den Bogen hinüber zum Drachenfels. Leider ist diese Aussicht eingeschränkt, wenn sich dort die Restaurantgäste auf Sauerbraten und Taglierini konzentrieren, je nach Wetterlage auch noch von Sonnenschirmen beschützt. Die beste Idee ist es also, sich genau den Tisch reservieren zu lassen, der im Bogen steht. Da hat man dann die Pool-Position inne. Dass zuweilen Fotografen in dieses Freiluft-Separée vordringen, sollte man gnädig tolerieren.

Beim Barte des Freiligrath

Wir können uns denken, was Freiligrath zur Gastronomie vor seiner Lieblingsruine gesagt hätte. Der gewichtige Mann ist ja bereits aus dem Hemd gesprungen, als er entdeckte, dass Bauarbeiter eine breite, „moderne“ Treppe für die letzten Meter hinauf zum Bogen angelegt hatten. Stolz hat er im Sommer 1840 seiner Verlobten Ida Melos mitgeteilt, dass er solchen Frevel nicht geduldet habe: „Da hab‘ ich denn in großem Zorne meinen Bart gestrichen und sämtliche Arbeiter bis auf weitere Einberufung zum Teufel gejagt.“

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Das Freiligrath-Denkmal unterhalb des Rolandsbogens Foto: Bücheratlas

Dem Dichter hat man sein Engagement gedankt. Unterhalb des Rolandsbogens, auf dem Fußwege zum Rhein hinab, wurde 1914 ein Denkmal zu seinen Ehren errichtet. Die Büste schuf Freiligraths Enkel Siegfried M. Wiens. Seit 2010 wird dort auch an eine Zeile aus Freiligraths Gedicht „Trotz alledem“ erinnert: „Wir sind das Volk“. Verfasst hat er diese Zeilen im Revolutionsjahr 1848. Da mischte er mit im Freiheitskampf für ein demokratisches und vereintes Deutschland. Romantik und Revolution – Freiligrath war ein Dichter, dessen politisches Engagement viele Ziele kannte.

Martin Oehlen

Hinweise

Literatur und Historie rund um den Rolandsbogen hat Kurt Roessler zusammengetragen: „Rolandsbogen – Geschichte und Gedichte der Burg Rolandseck seit 1122“ (Edition Rolandsbogen Bonn, 334 Seiten, erschienen 2010 und derzeit nur antiquarisch zu erwerben).

Die Werke Ferdinand Freiligraths liegen in zahlreichen, meist älteren Ausgaben vor.

Bei Lutter & Wegner, der Gastronomie am Rolandsbogen, wird der Gast freundlich aufgenommen. Die leichten Mittagsspeisen, die wir auf der Terrasse zu uns genommen haben, waren sehr ansprechend.

Zufahrt zum Rolandsbogen in Remagen-Rolandswerth über die Vulkanstraße in Bonn-Mehlem, dann der Beschilderung folgen. Vom Parkplatz sind es noch einige hundert Meter zu Fuß. Wer  einen Tisch im Restaurant reserviert hat, darf bis unter den Rolandsbogen vorfahren.

Bisher haben wir in der Reihe „Literaturland NRW“ vorgestellt:

Den Heinrich-Böll-Wanderweg in Much (HIER),

die Kölner Orte der Irmgard Keun (HIER),

Thomas Klings Raketenstation in Hombroich (HIER) und

das Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem in Troisdorf (HIER).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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