Literaturland NRW (7): Rolf-Dieter Brinkmann in der Engelbertstraße in Köln, wo er „liebte und hasste“

Literarische Orte in Nordrhein-Westfalen besuchen wir in lockerer Folge: Schauplätze, Wohnorte, Institutionen. Was bisher geschah, findet sich am Ende des Beitrags.

Hinweisschild an der Hauswand in der Engelbertstraße 65 Foto: Bücheratlas

Es glänzt kein Bronzeschild am Haus in der Engelbertstraße 65 in Köln. Nur eine blasse Fotografie hinter Plexiglas erinnert an den Schriftsteller, der zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern der Nachkriegszeit zählt. Vier Zeilen sind auf dem Foto zu lesen, die einst an derselben Stelle auf die Fassade gemalt waren: „In diesem Haus/ Schrieb, liebte und hasste/ Rolf Dieter Brinkmann/: Aber das Leben erschlaffte“.

Was Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) schrieb, hat hohen literarischen Rang. Wen er liebte, nämlich Maleen, ist auch bekannt. Und was und wen er hasste, passt auf keine Kuhhaut. Seine Bücher und Briefe zeugen von Frust und Wut und Ekel.  Es sei alles „so eng“, schreibt er an seinen Freund Hartmut Schnell in den USA, „so verrottet doof und brav-bürgerlich, dass einem ganz schlecht werden kann“. 

Köln, wohin der Autor aus Vechta im Jahre 1962 gezogen war, blieb ihm ein stetes Objekt der Beschimpfung. Das galt für die Einwohner, den Stadtraum, den „stinkenden“ Rhein, die „Pellkartoffelmentalität“, die Sprache, die Speisen, die Stadtteilnamen („Sülz!“), die Literatur von Heinrich Böll bis zum „Kölner Realismus“. All das eine einzige „Kloake“. In seinem Lebenslauf führte er an, 1974 einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule aufgegeben zu haben „wegen der Hässlichkeit und theoretischen Verkarstung der Studenten“. Und ins Mikro sagte er: „Es wäre schon gut, wenn es das Rheinland nicht geben würde.“

Aber womöglich attackierte er die Stadt nur stellvertretend für die ganze Welt. Jedenfalls hat Köln es ihm nicht übelgenommen, sondern seine Kunst gewürdigt: Das Stipendium, mit dem alljährlich junge Autorinnen und Autoren im Rathaus gefördert werden, trägt seit 1985 Brinkmanns Namen.

Der mächtige Erzbischof Engelbert, der 1225 ermordet wurde, ist der Patron der engen und unauffälligen Straße in der Neustadt-Süd, in der Brinkmann lebte. An dieser Verbindungslinie zwischen Zülpicher Straße und Richard-Wagner-Straße schrieb der Autor im Vorwort zu seinem Hauptwerk „Westwärts 1 & 2“: „Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung.“ Später im Buch findet sich diese Momentaufnahme: „Neonlichter, roter, blauer Regen, zerlaufene Reklame/ in den Pfützen vor dem schäbigen Mietshaus, in dem ich/ vier Stockwerke hoch wohne“. Wie wenig heimelig es in dieser Wohnung aussah, lässt sich auch einem Bildband von Ulrike Pfeiffer entnehmen, die den Autor 1969 besucht hat.

Blick in die Engelbertstraße in Köln Foto: Bücheratlas

Kurzum: Die Leiden des jungen Brinkmann sind in seinem Werk omnipräsent. Seine Texte zu lesen, ist auch heute noch ein Erlebnis. Sie sind frisch, derb, originell und auch mal witzig: „Ei läi in äh Field“. Über fast allem liegt dunkles Gewittergewölk. Im „Sonntagsgedicht“ der Gedanke: „Die Poesie ist manchmal ein wüster, alltäglicher Alptraum“.

Dieter Wellershoff, einst als Lektor tätig, hatte ihn zu Kiepenheuer & Witsch geholt. Der damalige Verleger Reinhold Neven Du Mont nennt Brinkmann in seinen Memoiren „Mit Büchern und Autoren“ einen „Berserker“. Der Autor habe auf alles geschimpft: „An guten Tagen verbreitete er Spott und Hohn, an schlechten Gift und Galle.“ Brinkmann habe nie jemanden im Verlag tätlich angegriffen – „aber er verhielt sich so, dass man es ihm zugetraut hätte.“

Hans Bender kam dieser junge Autor, der ihm immer wieder Texte für die Zeitschrift „Akzente“ anbot, einsam vor. Einsam, aber nicht leise. Bender schreibt: „Man fürchtete seine Einwürfe und Zwischenrufe bei Lesungen.“ Da möchten wir noch einmal bei Reinhold Neven Du Mont nachschlagen. Der erinnert sich an ein Verlagsfest, bei dem der Dramatiker Wolfgang Bauer aus seinem Erfolgsstück „Magic Afternoon“ (1967) las. Plötzlich rief Brinkmann, der unter den Zuhörern war: „Mensch Bauer, weißt du überhaupt, wie lächerlich du dich hier machst? Du prostituierst dich vor diesen pickeligen Azubis.“

Rolf Dieter Brinkmann starb am 23. April 1975 in London, als er beim Überqueren einer Straße von einem Auto erfasst wurde. Vermutlich hatte er den Linksverkehr nicht beachtet.  Da war er gerade 35 Jahre alt geworden. Wenige Wochen zuvor hatte er seinen letzten Brief an den Freund Hartmut Schnell geschrieben. Ganz am Ende erwähnt er einen späten Kälteeinbruch zu Ostern in Köln: „Der Schnee machte die Seitenstraße Engelbertstraße sehr hell. Und still.“

Martin Oehlen


Adresse Engelbertstraße 65 in der Kölner Innenstadt, wenige Meter vom Rudolfplatz entfernt.   

Literaturtipps

Rolf Dieter Brinkmann: „Westwärts 1& 2“, Rowohlt, 336 Seiten, 19,90 Euro.

Ulrike Pfeiffer (Fotos) und Friedrich Wolfram Heubach: „Rolf Dieter Brinkmann – Engelbertstraße 65, vierter Stock, Köln 1969“, belleville, 124 Seiten, 24 Euro.

Eine Besprechung des Fotobuchs von Ulrike Pfeiffer fndet sich HIER .

  • Was bisher geschah

    Heinrich-Böll-Wanderweg in Much (HIER)

    Kölner Orte der Irmgard Keun (HIER)

    Thomas Kling auf der Raketenstation in Hombroich (HIER)

    Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem in Troisdorf (HIER)

    Ferdinand Freiligrath und der Rolandsbogen (HIER)

    Der Heinzelmännchen-Brunnen in Köln (HIER)

    Rolf-Dieter Brinkmann in der Engelbertstraße in Köln

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