Heinrich Böll erhielt vor 50 Jahren den Literatur-Nobelpreis: „Gestatten Sie mir, die Tatsache, dass ich hier stehe, für nicht so ganz wahr zu halten“

Eine gute Adresse: Der Heinrich-Böll-Platz zwischen Dom, Philharmonie/Museum Ludwig und Hauptbahnhof. Foto: Bücheratlas

Wie, ich allein, und nicht der Grass auch?“ soll Heinrich Böll (1917-1985) als erstes ausgerufen haben, als er am 19. Oktober 1972 in Athen die Mitteilung erhielt, dass ihm der Literatur-Nobelpreis zugesprochen worden war. Allerdings kann René Böll, der Sohn des großen Schriftstellers aus Köln, diesen Satz heute nicht bestätigen. In jenem Moment, als der Vater das Telegramm aus Stockholm las, sei er im Zimmer des Hotels „Grande Bretagne“ nicht anwesend gewesen.

Bezeugen kann er allerdings eine schöne Szene kurz davor: „Er nahm das Telegramm an, ohne draufzugucken und steckte es erst einmal in die Tasche.“ Im Zimmer habe er dann gelesen, was Karl Ragnar Gierow, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, so dringend mitzuteilen hatte. Anschließend sei der Vater „schon sehr glücklich“ gewesen, erinnert sich René Böll. Gefeiert habe man allerdings kaum, da es doch „sehr hektisch“ zugegangen sei. 

„Vielleicht wird es Sie freuen“

Heinrich Böll hielt sich mit Ehefrau Annemarie und Sohn René Böll in Athen auf, um Verwandte zu besuchen. Allerdings war die griechische Hauptstadt nur Zwischenstation auf dem Weg nach Israel. Dort wollten die Eltern den jüngsten Sohn Vincent Böll besuchen, der in einem Kibbuz seinen Zivildienst absolvierte. Und bei dem Reiseplan blieb es auch – daran sollte die literarische Auszeichnung nichts ändern.

Tatsächlich kam die Nachricht aus Stockholm nicht völlig unvermutet. Das lag nicht daran, dass Heinrich Böll schon 1958 ein erstes Mal öffentlich als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis genannt worden war. Vielmehr findet sich in der Kölner Werkausgabe der Hinweis, dass sich der aus Köln stammende Literaturwissenschaftler Hans Mayer im April 1972 bei Böll gemeldet hatte: „Vielleicht wird es Sie freuen, dass ich zu Beginn des Jahres vom Nobelkomitee in Stockholm um den Vorschlag eines Kandidaten gebeten wurde. Ich habe Ihren Namen genannt. Später erfuhr ich, dass sich zwei andere deutsche Empfänger solcher Briefe genauso entschieden.“

„Weitblick und Einfühlungsvermögen“

Tatsächlich votierte das Nobelpreiskomitee für den Autor, der im Jahr zuvor „Gruppenbild mit Dame“ veröffentlicht hatte und zum Präsidenten des Internationalen PEN gewählt worden war. Die Begründung zielte auf eine literarische Arbeit, „die durch ihren zeitgeschichtlichen Weitblick in Verbindung mit ihrer von sensiblem Einfühlungsvermögen geprägten Darstellungskunst erneuernd im Bereich der deutschen Literatur gewirkt hat.“

Den Frack für den Festakt am 10. Dezember, heute vor 50 Jahren, hatte sich Böll ausgeliehen. Die Auszeichnungen an ihn und die weiteren Nobelpreisträger übereichte Kronprinz Carl Gustaf. König Gustav VI. Adolf selbst, der noch im Mai Berlin und Köln besucht hatte, war erkrankt. Die Urkunde von Heinrich Böll, das bestätigt René Böll, ist nach dem verheerenden Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln wiedergefunden worden.

„Befreit, überlebend“

Am Abend folgte dann das Staatsbankett, auf dem Böll eine kurze Rede hielt. Als Literatur-Nobelpreisträger hätte er – so sieht es das Reglement vor – auch länger sprechen dürfen. Doch Böll entschied sich dafür, seine Nobelpreis-Vorlesung zu einem späteren Zeitpunkt zu halten. Das tat er dann auch im Mai 1973: „Versuch über die Vernunft der Poesie“.

Bei seiner Bankettrede im Dezember 1972, in Anwesenheit von Ministerpräsident Olof Palme, stellte er fest, dass es Deutschland stets an Gelassenheit gemangelt habe. Er erinnerte an Krieg und Vertreibung und sagte: „Gestatten Sie mir, die Tatsache, dass ich hier stehe, für nicht so ganz wahr zu halten, wenn ich zurückblicke auf den jungen Mann, der da nach langer Vertreibung und langem Umhergetriebensein in eine vertriebene Heimat zurückkehrte; nicht nur dem Tod, auch der Todessehnsucht entronnen; befreit, überlebend; Frieden – ich bin 1917 geboren – nur ein Wort, weder Gegenstand der Erinnerung noch Zustand; Republik kein Fremdwort, nur zerbrochene Erinnerung.“

Die literarische Arbeit habe ihn dorthin gebracht, wo er nun gerade stehe, fuhr Böll fort: „Mein einzig gültiger Ausweis, den mir niemand auszustellen oder zu verlängern braucht, ist die Sprache, in der ich schreibe.“ Den Preis verstehe er als „Ehre, die wohl nicht nur mir gilt, auch der Sprache, in der ich mich ausdrücke und dem Land, dessen Bürger ich bin.“

„Was singen die Deutschen, wenn sie fröhlich sind?“

Die Nobelpreisverleihung war für den Schriftsteller das gute Ende eines sehr schwierigen Jahres. Dazu gehörten Verleumdung, Gerichtsprozess und Hausdurchsuchung. Er selbst sprach in einem Brief an Alfred Andersch von einem „Schmäh-Jahr“. Nachdem Böll im Januar im „Spiegel“ einen Artikel über die „Rote Armee Fraktion“ und die „Bild“-Berichterstattung veröffentlicht hatte, wurde er in der Folgezeit als Sympathisant der Terroristen bezeichnet. Dazu hatte wohl beigetragen, dass der „Spiegel“ Bölls Überschrift „Soviel Liebe auf einmal“ geändert hatte. Nun stand da: „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ Dass die Redaktion es beim Vornamen belassen hatte, legte eine Bekanntschaft oder gar Vertrautheit zwischen Böll und Ulrike Meinhof nahe – wovon keine Rede sein konnte.

Dass die Deutschen ein merkwürdiges Volk seien, betonte Heinrich Böll drei Tage nach der Preisverleihung. Da hielt er sich immer noch in Stockholm auf und sprach zur Eröffnung einer Heinrich-Heine-Ausstellung. „Was singen die Deutschen, wenn sie fröhlich sind?“ lautete seine Frage. Und er gab selbst die Antwort: „Sie singen, wenn sie fröhlich sind: ‚Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.‘“ Dies klinge wie ein Scherz, sagte er auch noch, aber es sei keiner.

„Köln und Böll in einem Buch“

Wie aber regierte Köln? Am 29. Dezember 1972, in den „stillen“ Tagen also, richtete die Stadt einen Empfang für Heinrich Böll aus. Oberbürgermeister Theo Burauen würdigte den Autor als „einen heilsamen Mahner aus bitterer Liebe zum Menschen“. Anschließend bat er um einen Eintrag ins Goldene Buch. Dabei gehe es darum, wie er sagte, „die Namen Köln und Böll in einem Buch zu vereinen“.

Zehn Jahre später beschloss der Rat, ihm die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Oberstadtdirektor Kurt Rossa hatte dies in einer Notiz an Oberbürgermeister Norbert Burger angeregt: „Was hältst Du von dem Gedanken, wenn Du vorschlagen würdest, H. Böll zum Ehrenbürger zu machen? Ich kenne hier sonst keinen Kölner Nobelpreisträger.“

Kurt Rossas Anregung, Heinrich Böll zum Ehrenbürger der Stadt Köln zu machen, wird im Historischen Archiv der Stadt Köln aufbewahrt. Foto: Bücheratlas

Der Autor in Stein und Bronze

Wiederum zehn Jahre später, wird sind im Jahre 1992, wurde auf dem Kölner Rathausturm eine Steinfigur Heinrich Bölls platziert. Sie hat der Bildhauer Olaf Höhnen (1933-2009) gestaltet und fügt sich ein in das Ensemble aus Schutzpatronen, Heiligen und bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt. Seitdem wird bei gefühlt jeder Böllpreis-Verleihung vom jeweiligen Stadtoberhaupt darauf verwiesen, dass Böll die Verleihung vom Rathausturm herab im Blick habe. Und dann recken viele im Publikum die Hälse, um die Skulptur durch die Fensterfront zu erspähen.

Und nun, 50 Jahre nach der Nobelpreisverleihung, hat Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Rahmen einer Böll-Feier erklärt, dass im kommenden Jahr eine Bronzebüste aufgestellt werden solle. Dabei handelt es sich um eine Arbeit des Künstlers Olivier Graïne. Die Büste steht schon eine Weile bereit. Olivier Graïne hat sie im Jahre 2013 modelliert und sie 2019 gemeinsam mit einer Bürgerinitiative auf der Verkehrsinsel vor dem Geburtshaus in der Kölner Südstadt präsentiert. Zuletzt hat sich zumal der Publizist Michael Bengel für die Aufstellung eingesetzt. Weiterhin ist das Geburtshaus in der Teutoburger Straße 26 als Standort vorgesehen – entweder direkt davor oder zumindest in dessen Nähe.

Was Günter Grass betrifft, mit dem Heinrich Böll im Jahre 1972 Wahlkampf für Willy Brandt machte und der ihm beim Telegramm aus Stockholm angeblich sofort in den Sinn gekommen ist, so musste der sich noch bis 1999 gedulden. Dann erhielt auch der „Blechtrommel“-Autor seinen Nobelpreis.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

sind wir schon einigen Spuren von Heinrich Böll gefolgt.

So sind wir den Heinrich-Böll-Wanderweg rund um Marienfeld im Bergischen Land (HIER) gegangen sowie den Weg in Bornheim-Merten (HIER), den ihm sein Arzt empfohlen hatte.

Außerdem haben wir uns die Rekonstruktion seines Arbeitszimmers (mit Original-Objekten) in der Stadtbibliothek Köln angesehen (HIER).

Weiter haben wir den Gedichtband „Ein Jahr hat keine Zeit“ (HIER) und den Band „Heinrich Böll und die Bildende Kunst“ (HIER) aus der LiK-Reihe vorgestellt. An beiden Veröffentlichungen ist Gabriele Ewenz als Herausgeberin beteiligt gewesen.

2 Gedanken zu “Heinrich Böll erhielt vor 50 Jahren den Literatur-Nobelpreis: „Gestatten Sie mir, die Tatsache, dass ich hier stehe, für nicht so ganz wahr zu halten“

  1. Ein sehr schöner Beitrag, eine wunderbare Erinnerung an einen der größten Söhne der Stadt Köln und eine verdiente Würdigung des Schriftstellers Heinrich Böll. Das Verhältnis von Böll zu Köln – es war nicht einfach. Und doch war Böll in seinem Herzen immer ein Kölner geblieben. Und so ist es nur gerecht, dass Köln Heinrich Böll auf vielfältige Weise gewürdigt hat – und auch jetzt wieder durch die Aufstellung eine Büste würdigt. Ein Dank an Martin Oehlen und den buecheratlas für diesen Artikel.

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