„Greift vor allem zur Lyrik“: Neue Gedichtbände von Marius Hulpe und Friedrich Hirschl laden ein zum Spagat zwischen Passau und Kabul

Das ist jetzt mal eine Spannweite! Zwei Gedichtbände stellen wir vor, die inhaltlich und formal kaum unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite Zeitkritik und Jugenderinnerung, auf der anderen Naturfreude und Vergänglichkeitsfrust. Da mag man sich aussuchen, was gerade am besten passt.   

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Marius Hulpes Gedichtband „Monumente für die Verlassenen“ macht an vielen Orten Station – auch in Australien. Im Bild eine Galerie mit Kunst der Aborigines in Western Australia. Foto: Bücheratlas

Wie kann man der darbenden Kulturszene helfen? Marius Hulpe hatte da vor einem halben Jahr eine blendende Idee. Man solle doch, empfahl der Schriftsteller in einem Posting, öfter zum Buch greifen – „und vor allem zur Lyrik“. Warum diese Spezifikation? „Niemand hat viel Zeit und nirgends sonst finden sich auf so engem Raum so viele vermeintliche Romane, Konzerte, wissenschaftliche Informationen, so viele Gelüste und menschliche Geschichte.“

„Monumente für die Verlassenen“

Marius Hulpe ist selbstverständlich Partei in dieser Angelegenheit. Zwar hat er zuletzt den Roman „Wilde grüne Stadt“ im DuMont Buchverlag veröffentlicht. Doch in seinem Werkverzeichnis dominiert die Lyrik. Das hat er auch in seinem Posting aus dem Mai nicht verschwiegen: „Selbst habe ich das Glück, einen aberwitzigen und positiv irren Verleger zu haben, der in halbwegs absehbarer Zeit neue Gedichte von mir herausbringt.“ Die absehbare Zeit ist gekommen: „Monumente für die Verlassenen“ ist im Elif-Verlag von Dincer Gücyeter erschienen.

Der Band bietet Verse zu Gegenwart und Zeitgeschichte. Auffallend ist, dass Marius Hulpe so weit vom Elfenbeinturm entfernt ist, wie man von einem solchen nur entfernt sein kann. Selbst für eine Nachrichtenzeile wird da Platz gemacht: „jedes sechste kind wächst auf in der nähe / eines bewaffneten konflikts“. Durch die Gedichte zieht die neue und die neueste Zeit. Da ist der chaotische Abzug des Westens aus Afghanistan, das Leid der Frauen, die aus der Ukraine fliehen, und besonders kompakt die Klage über die Inseln im Pazifik, die aufgrund der Klimakrise bald schon überspült sein könnten. Diese Südsee-Gedichte klingen, als handelte es sich um übersetzte Originalstimmen aus Tuvalu und Kiribati.

„Tief in Wuppertal“

Es ist richtig, was Marius Hulpe gepostet hat. Dass nämlich in wenigen Gedichtzeilen ganze Romane anklingen können. Oder Spiel- und Dokumentardfilme. Das ist auch beim „Monument für Sussy Dakaro“ der Fall. Das Gedicht kondensiert die wahre Geschichte der jungen australischen Ureinwohnerin, deren Porträtfoto auf dem Cover zu sehen ist. Sie wurde im 19. Jahrhundert gemeinsam mit sieben weiteren Aborigines verschleppt, um in den USA und in Europa im Zirkus und im Kuriositätenkabinett als „Kannibalin“ ausgestellt zu werden. Seit 2019 erinnert auf dem Friedhof in Wuppertal-Sonnborn ein Gedenkstein an Sussy Dakaro. Sie starb 1885 im Alter von 17 Jahren in der Stadt, in deren Zoo sie zur Schau gestellt worden war. Die Details finden sich bei Wikipedia, die poetische Empörung bei Marius Hulpe. Der lässt die Zeilen sausen wie ein Storyteller beim Sprechgesang: „war diese seele da schon tot, verschachert ohne ritual / bald darauf der kleine körper: tief in wuppertal.“

Vielstimmig kommt diese Lyrik daher, in der das Prosagedicht dominiert und sich auch mal „meer“ auf „mehr“ reimt. Neben dem Politischen, das auch privat ist, wird das Private gewürdigt, das politisch ist. Natürlich geht es nicht um den Autor selbst, ist doch klar, sondern um das lyrische Ich. Da wird an eine vollblutpyromanische Jugend in Soest erinnert, wo Marius Hulpe 1982 geboren wurde, und ein tagebuchartiger Einblick ins Literaturgewusel geboten. Ein paar verstreute Zeilen zur Poetik gibt es obendrein. Mit anderen Worten: ein weites Feld.

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So lange noch so viel Blau am Himmel ist, können wir locker bleiben. Foto: Bücheratlas

Die Zeit vergeht. Das ist ihr Markenkern. Das muss man nicht gut finden. Friedrich Hirschl, Lyriker aus Passau, deutet das Problem gleich im Titel  an. Er nennt seinen jüngsten Gedichtband: „Ein Rest von Blau“. Das klingt nach Vergänglichkeit. Und das ist vom studierten Philosophen und Theologen des Jahrgangs 1956 genauso sanft melancholisch gemeint wie es klingt. Im Gedicht „Es ist Zeit“ wird der Buchtitel derart intoniert: „Die Zeiger der Zeit / springen mich an / Über den Dächern / eine Federwolke / und ein Rest / von Blau“.

„Ein Rest von Blau“

Friedrich Hirschls Gedichte sind nicht darauf aus, der Avantgarde eine neue Bresche zu schlagen. Was er in seine Verse packt und wie er sie arrangiert, ist von sympathischer Solidität. Hier ist nichts verrätselt, muss kein Begriff gegoogelt werden. Diese Lyrik wirkt sofort.

Auf der Basis der Verse kann man sich den Dichter gut vorstellen, der auf seinen Spaziergängen zufrieden hinaufschaut zu Sonne, Wolken, Sichelmond. In „Ein Rest von Blau“ wird ihm die Natur zur Schaubühne und zum Konzertsaal: „Glockenblumen läuten den Endspurt ein“. Er erfreut sich der Blütenpracht und schüttelt altersmilde den Kopf über Jüngere, die den Kopf nicht heben vom Display und die ihre mit Kopfhörer bewehrten Ohren nicht freihaben für den Gesang der Vögel. Klingt tümelnd? Ja, stimmt schon. Ist es aber nicht.

„Noch ist Zeit“

Liebesgedichte sind ebenfalls im Sortiment. Auch solche von minimalistischer Prägnanz: „Deine Blicke / Aufblitzende Sterne / In meiner Nacht // Bleib“. Und ein ums andere Mal ploppt ein sanfter Humor auf in dieser Poesie des Alltags. Wer trägt den Müll raus? Der Dichter persönlich: „Endlich / hast du ihn geleert / den übervollen Abfallbehälter // Zufrieden hält er nun / seine große Klappe“.

Von Frost und Rost ist die Rede. Und kurz schaut der Knochenmann vorbei. Doch Bangemachen gilt nicht. Noch ist nicht aller Tage Abend. Mit den Worten von Friedrich Hirschl, der 1956 in Passau geboren wurde: „Noch ist Zeit / für ein paar Lieder“.

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Alles sei derzeit „wahnsinnig fragil und gefährdet“, hat Marius Hulpe in seinem Posting geschrieben. Darum setzt er zu einem Appell an: „Setzt Euch mit Euren Liebsten an ein tolles Fleckchen und lest einander etwas vor, und findet es großartig oder bescheuert, was Ihr einander da vorlest.“ Wird gemacht. Und wer dazu noch ein paar Lesetipps benötigt, der sollte es mal mit einem dieser Gedichtbände probieren. Oder mit allen beiden. Viel Spaß beim Spagat.

Martin Oehlen

Marius Hulpe: „Monument für die Verlassenen“, elif, 128 Seiten, 22 Euro.

Friedrich Hirschl: „Ein Rest von Blau“, edition lichtung, 192 Seiten, 19,90 Euro.

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