„Stop and think“: Die große Denkerin Hannah Arendt als Romanheldin in „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller

Hannah Arendt (in der Mitte mit Anne Weil, links, und Edna Brocke, rechts) Anfang der 70er Jahre in Tegna in der Schweiz – dort, wo der Roman von Hildegard E. Keller sein Zentrum hat. Die Aufnahme ist in der Hannah-Arendt-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen und stammt aus der Sammlung Edna Brocke im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Foto: Bücheratlas

Hannah Arendt (1906-1975) passt in unsere Zeit. Mit ihrer Aufforderung, die Fakten von den Meinungen zu trennen, hat sie eine immer wieder aktuelle Losung ausgegeben. Die gilt natürlich auch heute. „Denken ohne Geländer“ war die einschlägige Formulierung der Hannah Arendt. Noch berühmter wurde sie freilich mit der „Banalität des Bösen“. Solcherart überschrieb die jüdische Intellektuelle, die sich ausdrücklich nicht als Philosophin verstand, ihre Reportage vom Prozess gegen den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahre 1961: Da saß kein Monster mit drei Köpfen vor Gericht, sondern ein Bürokrat des nationalsozialistischen Massenmords an den Juden.

Begegnungen mit Heidegger und Bachmann

Ein Heldinnenepos, wenn auch nicht in Versen, hat nun Hildegard E. Keller verfasst. Ihr Roman „Was wir scheinen“, der bei Eichborn veröffentlicht wird, widmet sich dem Leben der bedeutenden politischen Denkerin. An verschiedenen Stationen ihres Lebens sucht Keller ihr Zentralgestirn auf – und schildert zumal einen Aufenthalt in Tegna im Tessin im Jahre 1975. Lebensfreude und Blitzgescheitheit prägen Hannah Arendts Auftritte in diesem Roman. Sei es in der Begegnung mit wichtigen Weggefährten wie Jaspers und Heidegger, mit der jungen Ingeborg Bachmann in New York oder mit dem „deutschen Freundschaftswunder“ Johannes Zilkens in Köln, mit Studierenden oder Zufallsbekanntschaften. Oder sei es bei der Schilderung ihrer Männer, ihrer Flucht vor den Nazis in die USA, ihrer Erkundung von Totalitarismus, Antisemitismus und Zionismus. Ein Glas Wein ist immer willkommen, eine Zigarette erst recht.

Die überlieferten Fakten mischt Keller mit allerlei fiktiven Gedanken und Gesprächen. Will sagen: dies ist keine Biografie, wie die Schweizer Literaturwissenschaftlerin sie im April über die Dichterin Alfonsina Storni veröffentlichen wird, sondern ihr erster Roman. Durchweg deutlich wird Kellers große und nichts als nachvollziehbare Bewunderung für die Denkerin. Dabei bedient sie sich eines leicht zugänglichen Stils. Nur gelegentlich meint man dem Text anzumerken, wie sehr die Autorin bemüht ist, möglichst viele Fakten und Namen zu integrieren.

Joseph R. Biden bittet ums Manuskript

Keller erlaubt sich auch den Spaß, den jungen Senator Joseph R. Biden Jr. um das Manuskript einer Rede bitten zu lassen, in der Arendt klargemacht hatte, dass sich die Wahrheit eines Tages durchsetzen werde. Damals ging es um die Präsidenten Nixon und Ford. Und einmal räsoniert Arendt darüber, wie es sei, als Romanfigur aufzutreten. In Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ agiert sie als Gräfin Seydlitz, nachdem sie dem Schriftsteller – und dies ist nichts als die historische Wahrheit – untersagt hatte, sie im Roman mit ihrem Klarnamen vorzustellen. Das wäre ihr dann doch zu weit weg von aller Diskretion, an der ihr so viel lag. Was sie wohl dazu gesagt hätte, dass sie nun von Hildegard E. Keller in aller Privatheit präsentiert wird, lässt sich denken.  Da muss man sich nur das titelgebende Gedicht anschauen: „Was wir sind und scheinen, / ach wen geht es an.“

„Was wir scheinen“ ist der Roman einer Lichtgestalt. Engagiert, kenntnisreich und stimulierend. Die Biofiction legt sich erfolgreich ins Zeug, um das Interesse an Leben und Werk der Hannah Arendt zu entfachen. Das ist viel wert. Dieses Ziel verfolgt im Übrigen auch eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, die wir auf diesem Blog HIER vorgestellt haben: „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“. Aus alledem wird offenbar: Hannah Arendt passt in unsere Zeit. Im Roman sagt sie: „Stop and think. Denken ist nicht ungefährlich, aber ich halte das Nicht-Denken für gefährlicher.“ Goldene Worte.

Martin Oehlen

Lesung im Literaturhaus Köln

Hildegard E. Keller stellt ihren Roman am Dienstag, 23. März 2021, im Literaturhaus Köln vor. Die virtuelle Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr. Moderation: Stefan Koldehoff. Veranstaltungspartner ist die VHS Köln. Den Link gibt es über die Homepage des Literaturhaus Köln: literaturhaus-koeln.de .

Die Werke der Schriftstellerin Alfonsina Storni gibt Hildegard E. Keller im Verlag Maulhelden heraus. Eine Besprechung der beiden ersten Bände findet sich auf diesem Blog ( HIER ).

Auf diesem Blog gibt es ebenfalls eine Besprechung der Hannah-Arendt-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn ( HIER ).

Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen“, Eichborn, 544 Seiten, 24 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

8 Gedanken zu “„Stop and think“: Die große Denkerin Hannah Arendt als Romanheldin in „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller

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