Die Genderdebatte auf der „Seite für die Frau“: Werkausgabe von Alfonsina Storni beginnt mit Kolumnen und Geschichten aus Argentinien

Alfonsina Storni feiert die Blautöne des Nahuel-Huapi-Sees in Argentinien: „All seine unendlich blauen Launen: Wasser, Fels, Himmel, ohne dass irgendeine Farbnuance fehlt.“ Foto: Bücheratlas

Wenn ich in eine vollbesetzte Straßenbahn steige und mir ein Herr seinen Sitz anbietet,“ schreibt Alfonsina Storni im Jahre 1919, „halte ich es grundsätzlich so, dass ich sein Angebot nicht annehme.“ Diese Haltung erläutert Storni dann noch ein wenig in einer Kolumne für die argentinische Zeitung „La Nota“. Keine Frage: Mit einer solch feministischen Position ist die Schriftstellerin, die als Lyrikerin bekannt geworden ist, weit vorne im Kampf um die Gleichberechtigung von Mann und Frau. An diesem Kampf hat sie sich in vielen Zeitungsartikeln beteiligt – meist auf der „Seite für die Frau“, erst in „La Nota“ und dann in „La Nacion“, dort oft unter dem Pseudonym Tao Lao.  

Wer diese Facette von Stornis Werk kennenlernen möchte, findet dazu Gelegenheit bei der Edition Maulhelden, die 2019 von Hildegard E. Keller und  Christof Burkard in der Schweiz gegründet wurde. Die Literaturwissenschaftlerin, die soeben den Hannah-Arendt-Roman „Was wir scheinen“ bei Eichborn veröffentlicht hat, gibt dort die Werke von Alfonsina Storni in vier Bänden heraus. Auf die jetzt vorliegenden Ausgaben „Chicas – Kleines für die Frau“ und „Cuca – Geschichten“ folgen im Juni ein Band mit Lyrik, Briefen und Interviews sowie ein weiterer zu den Theaterstücken. Eine zweibändige Biografie ist auch vorgesehen.

Geboren im Tessin, gestorben im Meer bei Mar del Plata

So viel Storni gab es noch nie. Zwar ist 2013 eine Leseausgabe mit einigen ausgewählten Texten auf Deutsch erschienen. Doch 2021 ist das wahre Storni-Jahr. Und das ganz ohne kalendarischen Anlass.

Wer war Alfonsina Storni? Sie wird am 29. Mai 1892 im Tessin geboren, zieht 1896 mit der Familie nach San Juan in Argentinien, tourt mit einer Schauspieltruppe durchs Land, ist Lehrerin in Rosario, begeht einen Selbstmordversuch, bringt 1912 in Buenos Aires ihren unehelichen Sohn Alejandro zur Welt, veröffentlicht 1916 den ersten von insgesamt sieben Gedichtbänden („Die Unruhe des Rosenstocks“), schreibt außerdem Kolumnen, Erzählungen und Theaterstücke. Am 25. Oktober 1938 stürzt sie sich in Mar del Plata von einer Mole aus in den Atlantik.

Drei Tage zuvor hatte sie das Gedicht „Voy a dormir“ (Ich gehe schlafen) geschrieben und zur Post gebracht. Zwei Tage nach ihrem Selbstmord erschien es in der Zeitung „La Nacion“. Auf ihren Tod hat Félix Luna das Gedicht „Alfonsina y el Mar“ geschrieben. Populär wurde es in der Vertonung von Ariel Ramírez und der Interpretation von Mercedes Sosa – auf You Tube finden sich diverse Aufnahmen, eine melancholischer als die andere.

Alfonsina Storni scheidet am 25. Oktober 1938 in Mar del Plata aus dem Leben. Foto: Bücheratlas

Fortschritt für die einen, Fluch für die anderen

Die nun vorliegenden ersten zwei Bände der Werkausgabe zeigen Alfonsina Storni zum einen als Erzählerin von leicht surrealistischen Geschichten. Um nur „Cuca“ zu erwähnen, eine Titelheldin, aus deren Hals nach einem Autounfall „ein gelber Strahl Sägemehl“ sprudelte. Aber auch durch und durch Reales wird mitgeteilt: „Dass Cuca sich teure Unterwäsche leistete, in der Farbe ihrer Augen und so leicht wie ihre Gedanken.“ Auch trank sie zu den Mahlzeiten kalte Schokolade, „um die zwei Kilos zuzunehmen, die ihr zur Perfektion ihrer Schultern fehlten.“

Zum anderen ist Storni in ihren Kolumnen eine kritisch-gewitzte Gesellschafts-Beobachterin. Das sind keine grundschürfenden Analysen, sondern lustvoll aufgespießte Alltagserfahrungen in einer patriarchalischen Welt. Allemal schreibt sie mit spitzer Feder und feiner Ironie. Am liebsten würde sie ihrer Empörung lauthals Luft verschaffen, denkt man sich bei der Lektüre, doch immer wieder wahrt sie die Contenance. Vor allem geht es um die Rolle der Frau – um „parfümierten Feminismus“, „die voluminöse Dame“ oder „das perfekte Bürofräulein“. Um Rollenbilder und Ungleichbehandlung. „Manche betrachten den Feminismus als einen großen Fortschritt, andere als einen Fluch“, schreibt sie in „Die Auserwählten“. „Die wenigsten neh­men ihn mit der Seelenruhe derer auf, die wissen, dass die Dinge keineswegs durcheinandergeraten, bloß weil Frauen in einer Bank arbeiten, eine leitende Stelle in der öffentlichen Verwaltung innehaben und hie und da auf die Straße gehen, um ein Zettelchen in eine Urne zu werfen. Ich denke, dass die Vernunft und die Wahrheit auf der Seite der letzteren sind.“ Und dann fügt sie noch an: „Ohne zu glauben, dass wir Frauen die Welt erneuern und die Jahrhunderte verblüffen müssten, bin ich der Ansicht, dass die Stimme der Frau in vielen Diskussionen fehlt und dass ihr Denken zum Ausgleich der universalen Gerechtigkeit beitragen wird.“

Die Hölle aus Erde in Patagonien

Darüber hinaus würdigt Storni die Literatur ihrer Zeit. Sie preist Gabriela Mistral („eine der hellsten Köpfe im heutigen Amerika“) und Horacio Quiroga („ein kraftvoller Anarchist“). Auch strukturelle Fragen des Literaturbetriebs beschäftigen sie: „Die Frau, die sich den Männern im Hochgebirge der Literatur wirklich stellen kann, ist zwar noch nicht geboren, aber vielleicht kommt sie morgen auf die Welt?“

Selbstverständlich öffnet sie viele Fenster in ein großes Land und eine ferne Zeit. Originell sind ihre beiden „Zugfensterhefte“, in denen sie knapp und pointiert Schlaglichter wirft auf eine Reise von Buenos Aires nach Bariloche. In Patagonien sieht sie „eine Hölle aus Erde“. Über einen staubigen Friedhof urteilt sie: „Nicht mal Jesus Christus hätte hier begraben sein wollen.“ Später aber kann sie sich erfreuen an der Schönheit des Nahuel-Huapi-Sees, mitten in der sogenannten Schweiz Argentiniens.

Die schmalen Bände sind liebevoll gestaltet und mit Anzeigen illustriert, die einst die Zeitungskolumnen der Storni begleitet haben. Sonderbar muten jedoch die Kochrezepte an, die jeweils in einem farblich abgesetzten Mittelteil vorgestellt werden. Dies ist offenbar ein Tribut an die Konzeption der Edition Maulhelden, die eine „künstlerisch-literarisch-kulinarische Werkstatt“ sein will. Die Bezüge zum Leben und Werk der Alfonsina Storni, die hergestellt werden, wirken allerdings nur freundlich bemüht.

Martin Oehlen

Alfonsina Storni: „Chicas – Kleines für die Frau“, herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller, Vorwort von Georg Kohler, Edition Maulhelden, 264 Seiten,  28 Euro.

Alfonsina Storni: „Cuca – Geschichten“, herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller, Vorwort von Elke Heidenreich, Edition Maulhelden, 264 Seiten, 28 Euro.

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