Denken ohne Geländer: „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ in der Bundeskunsthalle in Bonn

„Tape That“ heißt das Triple-Porträt von Hannah Arendt, das Stephan Meissner, Stefan Busch und Nicolas Lawin für das Foyer der Bundeskunsthalle Bonn aus Anlass der aktuellen Arendt-Ausstellung aus Klebeband und Folie geschaffen haben. Am Kopf der Seite ein Blick in die Ausstellung – dort auf der rechten Seite ein Ausschnitt aus dem berühmten Interview mit Günter Gaus. Fotos: Bücheratlas

Das Wagnis der Öffentlichkeit scheint mir klar zu sein“, sagt Hannah Arendt (1906-1975) im rauchgeschwängerten Fernsehinterview mit Günter Gaus im Jahre 1964. „Man exponiert sich.“ Dieses Wagnis ist die politische Theoretikerin zeitlebens eingegangen. Dabei hat sie mehr als einmal erfahren, dass die Öffentlichkeit zu harschem Widerspruch imstande ist. Zumal dann, wenn die Kritik das je eigene Handeln betrifft. Das macht die Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle, die zuvor im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen war, schlaglichtartig deutlich. Vor allem aber zeigt die Schau die Faszination des freien Denkens und Urteilens.

Hannah Arendt wurde 1906 als Kind jüdischer Eltern in Linden (heute Hannover) geboren. Sie studierte bei Martin Heidegger, mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte, und bei Karl Jaspers, der ihr ein Freund fürs Leben war.  Nachdem sie 1933 acht Tage lang in Gestapo-Haft verbracht hatte, floh sie, die Zeichen der Zeit glasklar erkennend, umgehend aus Deutschland. Die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihr 1937 aberkannt. Als Staatenlose gelang ihr 1941 mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher die Flucht nach New York.

„Als ob der Abgrund sich öffnete“

Dann der Schock. „Das Entscheidende“ sei der Tag im Jahre 1943 gewesen, sagte sie im ikonischen Gaus-Gespräch, als sie „von Auschwitz“ erfahren habe: „Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnete. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gut gemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gut gemacht werden kann. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen.“ Diese „Fabrikation der Leichen und so weiter“ sei etwas, „womit wir alle nicht fertig werden.“ 

Als Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht wurde, saß Hannah Arendt zeitweise als Reporterin des Magazins „New Yorker“ im Publikum. Ihr fünfteiliger „Bericht von der Banalität des Bösen“ provozierte. Denn die meisten Zeitgenossen sahen in dem ehemaligen Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt, in Nazi-Deutschland verantwortlich für die Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager, ein Ungeheuer. Arendt hingegen schrieb: „Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind.“ Später sagte sie: „Ich war wirklich der Meinung, dass Eichmann ein Hanswurst war.“

Widerspruch kam auch von jüdischen Gemeinden in den USA, weil Arendt die Judenräte in den Gettos wegen deren Kooperation mit den Nazis kritisiert hatte. Widerspruch zudem in Israel – in diesem Fall, weil sie Einwände gegen die Prozessführung formuliert hatte. Schließlich gab es Empörung in der Bundesrepublik über die Feststellung, dass sich der deutsche Widerstand erst spät und dann an der Kriegsfrage entzündet habe.

„Zauber und Inspiration“

Die Arendt-Losung „Denken ohne Geländer“ leuchtet an der Außenfront der Kunst- und Ausstellungshalle auf. Was das bedeutet, ist anhand von 18 Stationen zu erleben. Der Rundgang beginnt mit Arendts Jugendwerk, ihrer Biografie der Rahel Varnhagen (1771-1839), die sie 1931 begonnen hatte. Darin schildert sie das „Beispiel einer geglückten jüdischen Emanzipation“ vor dem Hintergrund des eskalierenden Antisemitismus.

„Mit diesem Buch“ schreibt die Literaturwissenschaftlerin Liliane Weissberg im Essayband zur Ausstellung, „begann Arendt ihre politische Theorie zu entwickeln.“ Und der Philosoph Wolfram Eilenberger hält an gleicher Stelle fest: „Ihre Schriften haben über die Jahrzehnte nichts von ihrem Zauber und ihrer Inspiration eingebüßt.“

Vieles ist von andauernder Aktualität. Das gilt für ihre Überlegungen zum Postkolonialismus, zu Flucht und Emigration oder zu den Ursprüngen totaler Herrschaft, denen ihre große Untersuchung von 1951 galt. Um die Restitution von jüdischem Besitz, die noch heute auf der Agenda der Museen steht, kümmerte sich Arendt bereits 1949 als Geschäftsführerin der Jewish Cultural Reconstruction. Auch zum Rassismus in den USA äußerte sie sich. Und die Frauenfrage? Zwar trat sie 1959 als erste Gastprofessorin der Princeton University an, war somit ein Role Model der Emanzipation, doch für den Feminismus der 60er und 70er Jahre machte sie sich nicht stark.

Die goldenen Initialen H. A. B.

Der Rundgang endet im Privaten. Mit Aufnahmen von Fred Stein (1909-1967), der Hannah Arendt immer wieder porträtiert und das Bild der Intellektuellen mitgeprägt hat. Sie selbst fotografierte häufig ihre Freunde und Verwandten mit einer Kleinstbildkamera. Die passte locker in ihre schwarze Aktentasche, auf der so dezent wie auffällig die goldenen Initialen H. A. B. (für Hannah Arendt-Blücher) eingraviert waren. Und die Farben der Brosche, die sie im Schwarzweiß-Fernsehen trug, kann man jetzt in einer Vitrine sehen – eine Blüte aus Gold, Brillanten und Perlmutt.

Die Ausstellung ist nicht reich an solchen originalen Exponaten. Doch wer sich einlässt auf die Tafeln, die „Hörinseln“ und die Szenen aus der  Fernsehsternstunde, der lernt eine spektakuläre Intellektuelle des 20. Jahrhunderts kennen. Ihre Brillanz und ihre Geradlinigkeit sind begeisternd. Ein Pop-Star der Intelligenz. Dass sie auch mal irrte, gehört zum Leben. Und dass nicht alle Urteile gefielen, passt in ihre politische Theorie. Denn: Zu einer lebendigen Demokratie, heißt es in der Ausstellung, gehöre das eigene Urteil, „besonders wenn es der Mehrheit widerspricht.“

Martin Oehlen

„Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ in der Bundeskunsthalle Bonn ist bis 16. Mai (außer Montag) geöffnet. Es gelten begrenzte Besucherzahlen. Zeitfenster-Tickets sind über bonnticket.de buchbar.

Im Literaturhaus Köln stellt Hildegard E. Keller am 23. März ihren Hannah-Arendt-Roman „Was wir scheinen“ (Eichborn) im Livestream vor. Eine Besprechung des Romans folgt in Kürze.

Das Katalogbuch zur Ausstellung mit zahlreichen Essays, hrsg. von Dorlis Blume, Monika Boll und Raphael Gross, ist bei Piper erschienen, hat 286 Seiten und kostet 22 Euro.

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