Hausbesuch bei Rolf Dieter Brinkmann: Ulrike Pfeiffers Fotografien aus dem Jahre 1969

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Rolf Dieter Brinkmann beim Presse-Studium in seiner Wohnung in der Kölner Engelbertstraße. An der Wand klebt ein Foto, das Brigitte Friedrich ebenfalls im Jahr 1969 gemacht hat: RDB schaut durch die Beine seiner Frau Maleen in die Kamera.  Foto: Ulrike Pfeiffer / belleville Verlag

Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) hatte nicht viel Freude an seiner Umwelt. Jedenfalls gilt dieser Befund, wenn man sich seinen Werken anvertraut, seinen Briefen, seinen Reden – und auch dem, was an Zeugnissen von Weggenossen über ihn überliefert ist. Ein bemerkenswerter Autor, das steht außer Frage, war er gewiss. Vielleicht war er es gerade deshalb, weil ihm die Realität „ramponiert“ und nahezu alles in der Bundesrepublik Deutschland der 60er und 70er  „verrottet“ erschien. Wo der Leidensdruck groß ist, wächst der Drang zu Schreiben – so die literaturgeschichtliche Binsenweisheit.

An den Autor, der vor 80 Jahren in Vechta geboren und vor 45 Jahren bei einem Verkehrsunfall in London ums Leben gekommen ist, erinnert der Verlag belleville von Michael Farin mit einem sehenswerten Band. Darin versammelt sind die erstaunlichen Aufnahmen, die Ulrike Pfeiffer im Jahre 1969 in Brinkmanns Kölner Wohnung in der Engelbertstraße 65 gemacht hat. Für RDB-Fans: ein Schatz. Für Literaturfreunde: ein Gewinn.

Erwartungsgemäß gibt es da Porträts des Autors an seinem Arbeitstisch –  rauchend, redend, Haare raufend. Doch speziell wird es bei den Details und beim Rundumblick.

Die Fotografin war bei ihrem Einsatz, wie sie selbst schreibt, von Brinkmanns ästhetischer Programmatik inspiriert. Da geht es um das „unkontrollierte Schreiben“ und den „Hyperrealismus“. Deshalb wandte Ulrike Pfeiffer ihre Aufmerksamkeit auch jenen Dingen zu, „die man für alltäglich-trivial hält oder von denen man meint, sie als zu intim oder eher peinlich übersehen zu müssen.“ Also hat sie das Kameraobjektiv in alle Winkel der Wohnung im vierten Stock gerichtet. Manche Unschärfe deutet darauf hin, dass sie einiges in Eile fotografiert hat, gleichsam „unkontrolliert“, vielleicht aus Sorge, dem Autor könnte es dann doch nicht behagen, was sie alles entdeckte. Vielleicht.

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Rolf Dieter Brinkmann in seiner Wohnung Foto: Ulrike Pfeiffer / belleville Verlag

Eines steht fest: Brinkmann hat seine Wohnung für diesen Foto-Termin nicht eigens aufgeräumt. So sehen wir abschüssige Zeitungs- und Zeitschriftenhügel, zerknüllte Papierkugeln, ein trauriges Arrangement aus leeren Milch- und Bierflaschen auf dem Fensterbrett, zerknautschte Kissen, Kartons, auch einen Blick ins Klo – es wird tatsächlich wenig ausgelassen. Mittendrin Brinkmann, der sich keine Zurückhaltung auferlegt: Einmal ist zu sehen, wie er sich das Gesicht über dem Becken wäscht, in dem ein Topf und einige Gläser für den Abwasch bereitstehen.

Friedrich Wolfram Heubach, der auf einem der Fotos zu sehen ist, hat für den Band ein Nachwort verfasst. Er erinnert sich an seine damalige Verblüffung beim Besuch in Brinkmanns Wohnung: „Was soll denn das für ein Zuhause sein … wie kann man es in einem solchen Durcheinander nur tagtäglich aushalten.“ Brinkmann habe doch seine Umwelt als einen genau solchen „Verhau“ empfunden und das dann auch „immer wieder wortreich wütend bekundet.“ Mehr als 50 Jahre später formuliert der habilitierte Psychologe Heubach eine Hypothese: Bot diese desolate Wohnung dem Autor die Inspiration für seine Schmähungen? Friedrich Schiller benötigte beim Dichten ein paar faule Äpfel in der Schreibtischschublade. Womöglich benötigte Brinkmann seinerseits die chaotische Wohnung als Stimulanz für seine Kunst.

Eine These, mehr nicht. Eine Gewissheit allerdings ist, dass diese Wohnung nicht zwingend dazu taugte, Wut und Entsetzen über die Welt da draußen in Harmonie zu verwandeln. Ulrike Pfeifer hat dies unverkennbar dokumentiert.

Martin Oehlen

Ulrike Pfeiffer (Fotos) und Friedrich Wolfram Heubach: „Rolf Dieter Brinkmann – Engelbertstraße 65, vierter Stock, Köln 1969“, belleville, 124 Seiten, 24 Euro.

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2 Gedanken zu “Hausbesuch bei Rolf Dieter Brinkmann: Ulrike Pfeiffers Fotografien aus dem Jahre 1969

  1. Hallo liebe Bücheratlas-Reisende: Wer weiteres Anschauungsmaterial zu Brinkmanns Werk & *(Nach)Wirken sucht, lade ich zu einem Besuch auf meinem Literaturblog „Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums“ ein (www.brinkmann-wildgefleckt.de)! Dort gibt es zahlreiche Töne, Texte und Bilder zum Thema . Herzlich Roberto Di Bella

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