„Vielleicht bist Du verrückt, aber du bist kein Idiot“: Bob Dylan stellt in seiner „Philosophie des modernen Songs“ die Kunst der Anderen vor

Riesig ist der Katalog mit Dylan-Songs – doch über diese spricht er in dem vorliegenden Band nicht. Vielmehr würdigt er die Kunst der Anderen. Foto: Bücheratlas

Bob Dylan dichtet und komponiert, singt und spielt – und dann analysiert er auch noch die Kunst seiner Kolleginnen und Kollegen. Über das eigene Werk spricht er gar nicht so gerne, jedenfalls nicht öffentlich, aber über das der Anderen sehr wohl. Wenn Bob Dylan einem solchen Song auf den Grund geht, dann tut er das auf seine eigene, also gar nicht konfektionierte, mit anderen Worten sehr reizvolle Weise. Nämlich mit Liebe, Neugier und einem brunnentiefen Wissen, das nur einer haben kann, der als Meister des Metiers gilt. Das hat er schon in 100 Radiosendungen (und zwei Zugaben) zwischen 2006 und 2009 bewiesen. Nun gibt es 66 Songbetrachtungen in Text und Bild.

Blick in den privaten Plattenschrank

„Die Philosophie des modernen Songs“ ist ein Hit. Denn hier handelt es sich nicht um einen Abklatsch der „Theme Time Radio Hours“. Vielmehr ist das Buch eine ganz eigenständige Attraktion. Es gibt auch – anders als ehedem – keine systematische Abhandlung der Themen von „Weather“ (Folge 1)  bis „Goodbye“ (Folge 100), sondern eher ein Blick in den privaten Plattenschrank. Vor allem aber sind es blitzende Beiträge zur Kulturgeschichte der populären Musik.

Allein schon die Bildauswahl zu den Songs ist eine Ruhmestat. Anstatt diese mit leergeguckten Plattenhüllen und ebensolchen Starporträts zu illustrieren, tauchen wir tief in die Fotoarchive zur Kulturgeschichte im Allgemeinen und zur Popgeschichte im Besonderen ein. Plötzlich sind es auch Songs zum Schauen. Der New Yorker Verlag Simon and Schuster, bei dem die Originalausgabe in diesem Jahr erschienen ist, war von der Kraft der Aufnahmen derart überzeugt, dass er auf erklärende Bildzeilen verzichtet hat. Dabei belässt es auch der Verlag C. H. Beck, der uns den schönen Band in der deutschen Übersetzung von Connie Lösch zugänglich macht.

„Dont’t Let Me Be Misunderstood“

Im Vordergrund steht selbstverständlich, was Bob Dylan zu den ausgewählten Songs zu sagen hat, zu deren „Themes, Dreams and Schemes“. Meistens ist das sauber sortiert – zum einen die Nacherzählung des Inhalts und zum anderen ein paar Gedanken zu Interpretation und Komposition, zu Produzenten und Künstlern. Apropos Künstler: Ja, it’s leider a man’s world! Interpretinnen sind rar. Immerhin: Cher („Gypsies, Tramps & Thieves“, 1971), Rosemary Clooney („Come On-a My House“, 1951), Judy Garland („Come Rain Or Come Shine“, 1956) und Nina Simone („Dont’t Let Me Be Misunderstood“, 1964) sind dabei.

Es geht um „Klassiker“ der Rock-und-Pop-Ära. Mit Rückgriffen auf die Vorzeit. Der älteste Song stammt von Uncle Dave Macon aus dem Jahre 1924: „Keep My Skillet Good And Greasy“. Am nächsten dran an der Gegenwart ist Warren Zevon mit „Dirty Life And Times“ von 2003. Die Kernphase liegt in den 1950er bis 1970ern – von Elvis Presley (‚Money Honey“, „Viva Las Vegas“) bis Elvis Costello („Pump It Up“). Perry Como und Frank Sinatra sind auch dabei. Aber nichts – beispielsweise – von den Beatles oder den Rolling Stones. Derart cool darf man sein, wenn man Lionel Messi oder Bob Dylan heißt.

„Du loderst wie ein Komet“

Es muss nicht immer angelsächsisch sein. So findet der Italo-Hit „Volare“ (1958) von Domenico Modugno und Franco Migliacci seine verdiente Würdigung. Wie Dylan das darin singende Ich deutet, ist eine literarische Perle, die selbst schon wieder einen feinen Song ergeben könnte: „Du loderst wie ein Komet, rast hinauf zu den Sternen. Vielleicht bist Du verrückt, aber du bist kein Idiot.“

Der Interpret des American Songbook (nebst Trabanten) leistet sich ein paar Späße. Bei „On the Street Where You Live“ von Vic Damone bemerkt er als erstes die „Drei-Silben-Reime“ („bother me / rather me“). Das ist dann die Gelegenheit zur Parodie: „Vic Damone. / Sick at home“. Auch ein paar Einblicke ins Persönliche meint man da und dort zu erhaschen. So fällt dem einst dauertourenden Bob Dylan zu Willie Nelsons „On the Road Again“ ein, wie es ist, in einem bestens ausgestatteten Tourbus (gerne auch mit Dampfbad) unterwegs zu sein: „Eigentlich fährt man nirgendwohin, man bleibt einfach im Bus, steigt aus, spielt ein paar Stunden und fährt weiter.“

Wenn dann auch noch der Plattenschrank im Bus so gut bestückt ist wie dieses Dylan-Buch, dann kann die Fahrt gar nicht lang genug dauern. Weiter und immer weiter.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir schon einigen Spuren von Bob Dylan – äh – nachgespürt!

Der Interviewband „Forever Young“ von Stefan Aust und Martin Scholz, in dem sich Prominente zu Bob Dylan äußern, findet sich HIER.

Wolfgang Niedeckens Monografie über Dylan in der KiWi-Musikbibliothek gibt es HIER.

Als Patti Smith und Joan Baez gemeinsam Dylan sangen, waren wir HIER dabei.

Und dann noch eine Petitesse zu einem Dylan-Auftritt in Florenz – HIER.

Bob Dylan: „Die Philosophie des modernen Songs“, deutsch von Conny Lösch, C. H. Beck, 352 Seiten, 35 Euro. E-Book: 27,99 Euro.


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