„Bob Dylan ist wie Picasso“: Interviewband „Forever Young“ würdigt den Musiker, der heute 80 Jahre alt wird

Wenn man erst einmal auf dem Bob-Dylan-Trip ist, stößt man allenthalben auf seine Spuren. Foto: Bücheratlas

Über Bob Dylan ist schon alles gesagt. Zwar noch nicht von allen, aber doch schon von vielen. Darunter meistens Richtiges und Gutes und nur selten Schlechtes und Falsches. So gesehen muss man also nicht noch etwas draufsatteln. Eigentlich. Aber 80 Jahre alt wird auch so ein Sänger nicht alle Tage.

Daher greifen wir zu einer Neuerscheinung aus dem Verlag Hoffmann und Campe, der sich dem Werk und der Person des Musikers als Literaturnobelpreisträger schon einige Male gewidmet hat. Dort wird nun aus Anlass von Dylans rundem Geburtstag an diesem 24. Mai 2021 ein Interviewband veröffentlicht. Nicht mit Dylan, versteht sich, werden da Interviews ausgebreitet. Der Künstler selbst verhält sich austerngleich verschlossen, wenn es um Stellungnahmen in eigener Sache geht – sieht man einmal ab von seinem enormen Lieder-Ausstoß auf seiner Never Ending Tour, die nur vom Virus unterbrochen werden konnte.

Nein, der Literaturnobelpreisträger selbst meldet sich nicht zu Wort in dem beredten Band „Forever Young“. Vielmehr sprechen Prominente aus Kunst und Politik über – so der Untertitel – „unsere Geschichte mit Bob Dylan“. Stefan Aust, Herausgeber der „Welt“, und Martin Scholz, Interview-Experte der „Welt am Sonntag“, haben die Gespräche geführt. Die souverän aufbereiteten Texte vermitteln einen guten Überblick über das komplexe Dylan-Universum. Dass dem Ganzen eine Vita und eine Diskographie nicht geschadet hätten – geschenkt.

Wir hören mal rein in die Gespräche und spießen einige Passagen auf. Dabei sei erwähnt, dass es in diesem Band noch einige Personen mehr als die hier erwähnten gibt, die ihre Erfahrungen mit Bob Dylan preisgeben. Unsere subjektive Short List reicht – nehmen wir mal die Dylan-Vertrautheit als Maßstab – von Ursula von der Leyen bis Joan Baez.

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Patti Smith

über die Reaktion auf Musiker wie Bob Dylan, den Rolling Stones oder sie selbst, die nicht mehr die Jüngsten sind:

„Ich spüre als Performerin inzwischen eine andere Form der Wertschätzung vonseiten des Publikums. Die Zuschauer wissen auch, dass wir alle sterben werden, umso mehr scheinen sie sich dieser Tage zu freuen, wenn sie uns bei guter Gesundheit sehen. Ich finde das wundervoll.“

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T. C. Boyle

hört Musik von Bob Dylan „inzwischen jeden Tag, eigentlich höre ich ihn den ganzen Tag“. Sein Fazit:

„Bob Dylan ist wie Picasso, der hat auch bis ins hohe Alter große Kunst gemacht. Warum auch nicht. Bob Dylan ist lebendige Geschichte. Jeder hat Erinnerungen daran, wann er ihn das erste Mal live gesehen hat und welcher seiner Songs ihn durchs Leben getragen hat. Allein dadurch, dass Bob Dylan immer weitermacht, gibt er uns allen Hoffnung.“

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Gene Simmons

von Kiss erzählt, wie die weiße Schminke auf den Gesichtern seiner Band den großen Kollegen animiert hat, diese selbst einmal auszuprobieren. Aber hier wollen wir das Großeganze ins Licht rücken:

„Wir alle haben unsere Helden, Menschen, zu denen wir aufschauen. Das ist für mich Bob Dylan. Im Bereich der englischsprachigen Populärmusik ist Dylan wahrscheinlich derjenige, den die meisten meiner Kollegen nennen würden, wenn man sie fragte, wer sie vom Songwriting und der Musik her am stärksten beeinflusst hat.“

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Carla Bruni

über jene Seite des Künstlers, die für sie herausragend ist:

„Er war und ist für mich vor allem als Songwriter sehr wichtig. In dieser Hinsicht ist Dylan einfach perfekt. Bis zum heutigen Tag schreibt er Songs, die wie kleine Juwelen sind.“

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Daniel Cohn-Bendit

wüsste gerne mehr über Bob Dylans Beziehung zum Judentum und antwortet auf die Frage, ob Dylan in seinen Augen „politisch“ sei:

„Ich glaube, dass Dylan das Politische gehasst hat. Seine Songs waren zwar politisch in ihrer Ausdrucksform. Aber sie waren nicht zielgerichtet politisch, er wollte jetzt nicht eine große Kapitalismuskritik formulieren. Er hat vielmehr seine Empfindungen über Unmenschlichkeit, Rassismus oder den Vietnamkrieg zum Ausdruck gebracht.“

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Martina Gedeck

äußert sich über Bob Dylan als Filmschauspieler (u.a. in „Pat Garrett jagt Billy the Kid“). Das ist ein Aspekt, der in der Dylan-Forschung nicht im Zentrum steht – und darum reizvoll ist:

„Er ist behutsam in seiner Performance und beteiligt sich – wenn überhaupt – eher en passant am Geschehen. Und eigentlich nur dann, wenn es gar nicht anders geht. Er hört genau zu, das ist auffallend, und es ist etwas, was viele Schauspieler vergessen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Das ist er nicht.“

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Die Besonderheit des Dylan-Konzerts vom 18. Juni 1991 stellt Wolfgang Niedecken heraus. Foto: Bücheratlas

Wolfgang Niedecken

hat gerade selbst eine Dylan-Hommage bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlicht (eine Besprechung dazu findet sich HIER auf diesem Blog). Daher an dieser Stelle nichts Grundsätzliches, sondern nur die Antwort auf die Frage nach dem schlimmsten Dylan-Konzert. Das Zitat wählen wir – so viel Eitelkeit muss eigentlich nicht sein – aus eigenem Erleiden in der Essener Grugahalle. Wir stellen fest: Es war noch viel schlimmer. Aber hier Wolfgang Niedecken auf die Frage nach dem schlimmsten Dylan-Auftritt, das er erlebt hat:

„Ein Konzert in Essen in den frühen neunziger Jahren gehört dazu, das war ganz bitter. Da hatte er eine winzige Band mit Musikern aus einer US-Talkshow um sich, die immer blitzartig reagieren mussten. Dylan wusste den ganzen Abend eigentlich nie, in welchem Song er sich gerade befand. Er war in einer ganz üblen Verfassung.“

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Ursula von der Leyen

über ihr erstes Dylan-Konzert in Berlin:

„Es war ambivalent. Ich war einerseits fassungslos, aber zugleich überwältigt. Denn natürlich hatte ich erwartet, all meine Sehnsüchte in Melodieform aufleben lassen zu können. Und was macht er? Er kommt auf die Bühne. Er spricht kein Wort mit uns. Kein einziges Lied hat er uns geschenkt – jedenfalls nicht so, wie ich es kenne und liebe. Er hat uns nur einen knarzenden Sprechgesang gegeben. Ich war aber gekommen, um jenen Dylan zu hören, den ich kannte. Ich musste mich in dem Konzert erst mal zurechtfinden, mich damit auseinandersetzen. Das hat etwas gedauert. (…) Im Rückblick fand ich das grandios.“

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Robert Plant

war Frontmann von Led Zeppelin. Er kann Dylans Rastlosigkeit ebenso nachempfinden wie seine Neigung zur Variation:

„Wenn du einen Song 50 Jahre nachdem du ihn aufgenommen hast immer noch exakt so spielst wie damals – Mann, dann hast du ein Problem.“ 

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Joan Baez

muss hier das letzte Wort haben. Sie ist Teil der Dylan-Historie wie keine andere Person, die in diesem Buch auftritt. Über die heißen 60er Jahre sagt sie:

„Ohne Bob Dylan wäre alles ganz anders gewesen. Er ist für mich ein Symbol für das Beste jener Musik, die in den sechziger Jahren entstanden ist. Die Texte seiner Lieder waren damals Wegbereiter für große gesellschaftliche Veränderungen. Es gibt für mich keine ausdrucksstärkeren, mächtigeren Songtexte als die von Bob Dylan.“

Martin Oehlen

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Auf diesem Blog

findet sich ein Beitrag über den gemeinsamen Auftritt von Joan Baez und Patti Smith (HIER) in Köln im Jahre 2018, wovon in dem vorgestellten Band auch die Rede ist.

Außerdem gibt es HIER die Besprechung von Wolfgang Niedeckens Hommage auf Dylan, die im Frühjahr 2021 bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist.

Eine Lektüre-Empfehlung von T. C. Boyle, die er für den Bücheratlas geschrieben hat, können wir auch empfehlen, wenngleich der Name Dylan darin nicht vorkommt – HIER . Die Besprechung seines im Februar erschienenen Romans „ „Sprich mit mir“ gibt es HIER .

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Stefan Aust und Martin Scholz: „Forever Young – Unsere Geschichte mit Bob Dylan“, Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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