Mann-o-Mann (2): Thomas Mann war in der Schule „so faul wie der Westerwald“, ermahnte im Krieg „Deutsche Hörer!“ und würde heute twittern

Weiter geht es mit den Manns durch Lübeck. Nach dem Besuch im Buddenbrookhaus, das derzeit ausgebaut wird, setzten wir unsere kleine Dezemberreihe fort mit der Frage: Hatten Thomas Mann und seine Geburtsstadt Krach?

Durchs Holstentor geht es hinein in die Lübecker Altstadt. Foto: Bücheratlas

Lübeck kommt gar nicht vor. Zwar sind die „Buddenbrooks“, Thomas Manns literarischer Welterfolg aus dem Jahre 1901, untrennbar mit der Topographie, dem bürgerlichen Selbstbewusstsein und dem Kaufmannsgeist der Hansestadt verbunden. Doch man kann in dem Roman blättern so lange man will: Der Name „Lübeck“ taucht auf den 800 Seiten kein einziges Mal auf.

„Meine Kindheit war gehegt und glücklich.“ schreibt Thomas Mann (1875 -1955) im Rückblick auf seine Lübecker Jahre. „Mit vier Geschwistern wuchs ich auf in einem eleganten Stadthause, das mein Vater sich und den Seinen erbaut hatte, und erfreute mich eines zweiten Heimes in dem alten Familienhaus aus dem 18. Jahrhundert, mit dem Spruche ‚Dominus providebit‘ (Der Herr wird vorsorgen, Anm. d. Red.) am Rokoko-Giebel, welches meine Großmutter väterlicherseits allein bewohnte und das heute als ‚Buddenbrook-Haus‘ einen Gegenstand der Fremdenneugier bildet.“

Diese „Fremdenneugier“ hält auch im dritten Jahrtausend an. Was eben auch an den „Buddenbrooks“ liegt. Seinen Roman hat Thomas Mann allerdings nicht in Lübeck geschrieben. Zwar absolvierte er am dortigen Katharineum eine allenfalls mäßig zu nennende Schulkarriere (die der des Felix Krull im Spätwerk ähnlich ist); aber bis zum Abitur hat er es nicht geschafft, sondern ging in der Obersekunda ab. „Ich war schon in der Sekunda so faul wie der Westerwald“, schreibt er 1907. „Faul, verstockt und voll liederlichen Hohns über das Ganze.“ Nach dem Tod seines Vaters Thomas Johann Heinrich Mann im Jahre 1891 folgt er 1893 der Mutter Julia (geborene da Silva-Bruhns) nach München.

„Nicht von euch ist die Rede“

Seinen großen Gesellschaftsroman über Heimsuchung, Verfall und Zusammenbruch nimmt er noch weiter südlich in Angriff, im Jahre 1897 in Palestrina bei Rom. Gleichwohl blieben ihm die Lübecker Verhältnisse höchst vertraut. Das legt nicht zuletzt die verschnupfte Reaktion am Geburtsort nahe, nachdem der „Roman deutscher Bürgerlichkeit“, wie Thomas Mann selbst ihn nannte, im Jahre 1901 erschienen war.

Schlüssellisten gelangten in Umlauf, auf denen spekuliert wurde, welche Romanfigur welchem Lübecker und welcher Lübeckerin entsprechen könnte. Genervt formulierte Thomas Mann im Jahre 1906 in dem Essay „Bilse und ich“: „Nicht von euch ist die Rede, gar niemals, seid des nun getröstet, sondern von mir, von mir…“ Die Kluft zwischen der Stadt und ihrem berühmten Sohn währte eine Weile. Doch der Nobelpreis für genau diesen Roman im Jahre 1929 mag ihn gekittet haben. Die Ehrenbürgerwürde der Stadt Lübeck erhielt Thomas schließlich im Mai 1955, kurz vor seinem Tode am 12. August desselben Jahres.

„Er will die Wenigen und die Vielen“

Den literarischen Kniff, mit dem Thomas Manns Roman zum Dauererfolg wurde, beschreibt Birte Lipinski, die Leiterin des Buddenbrookhauses, im Gespräch: „Thomas Mann schafft eine Oberfläche, die sehr gut lesbar ist. Die Abgründe, das Moderne und die Ironie, die es da auch noch gibt, laufen dann so mit.“

Hans Wißkirchen nickt zustimmend. Der Präsident der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft und Leitende Direktor des Museumsverbundes der Lübecker Museen meint, dass es sich dabei um ein „Alleinstellungsmerkmal“ von Thomas Mann handele: „Er will die Wenigen und die Vielen erreichen – und das ist ihm sehr gut gelungen.“ Ein Autor für Breite und Spitze, also für E und U.

„Betrachtungen eines Unpolitischen“

Thomas Mann ist heutzutage immer noch im Gespräch. Nicht nur als Autor von „Buddenbrooks“, „Der Tod in Venedig“, „Der Zauberberg“, „Joseph und seine Brüder“, „Doktor Faustus“ oder „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Birte Lipinski hat beobachtet, dass er in den letzten Jahren stärker als zuvor als politischer Zeitgenosse gewürdigt wird. Dabei war er in seiner Frühzeit, noch über das Ende des Ersten Weltkriegs hinaus, ein Anhänger des wilhelminischen Kaiserreiches gewesen. Anders als sein Bruder Heinrich unterstützte er auch die kaiserliche Kriegspolitik. „Der Weltkrieg wird zum Bruderkrieg“, schreibt Dieter Borchmeyer in seiner frisch erschienenen Monographie „Thomas Mann – Werk und Zeit“.

Thomas Mann versichert in seinen ominösen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) „tief überzeugt, dass das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grunde, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und dass der vielbeschrieene ‚Obrigkeitsstaat‘ die dem deutschen Volke angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt.“ Der Essay sei „ein schönes Monstrum“, so Borchmeyer, und den Thomas-Mann-Fans „eine schmerzliche Scham“.

Lübecker Mann-Experten von links nach rechts: Hans Wißkirchen, Präsident der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, Britta Dittmann, Vizepräsidentin der Heinrich-Mann-Gesellschaft, Birte Lipinski, Leiterin des Buddenbrookhauses, und Caren Heuer, Kuratorin der aktuellen Ausstellung zu Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Foto: Bücheratlas

„Die stärkste deutsche Stimme der Opposition“

Doch kurz darauf die radikale Wende zu demokratischen Positionen. In den frühen 1920er Jahren habe er sich, sagt Birte Lipinski, klar für die Weimarer Republik und damit für die Demokratie entschieden. Er habe sich zudem dafür ausgesprochen, diese wehrhaft zu verteidigen. Den Nationalismus verwarf er, ein künftiges gemeinsames Europa lobte er. Thomas Mann selbst sah in alledem nur einen Ausdruck von Kontinuität: „Ich weiß von keiner Sinnesänderung“, sagt er 1922 in der Rede „Von deutscher Republik“. Vielmehr sei es so: „Ich habe vielleicht meine Gedanken geändert – nicht meinen Sinn.“ Und geändert hat sich daraufhin auch das Verhältnis der Brüder – und zwar zum Besseren.

Schon im Februar 1933, gerade hat Adolf Hitlers NSDAP die Macht übernommen, beginnt sein Exil. 1936 nimmt er die tschechische Staatsbürgerschaft an, verliert im selben Jahr die deutsche und wird 1944 Bürger der USA. Dieter Borchmeyer meint, Thomas Mann habe „wie kaum ein anderer Autor seines Rangs den Ungeist des Faschismus schon von dessen ersten Regungen an erkannt, durchschaut und gebrandmarkt.“ Er sei „die stärkste deutsche Stimme der Opposition gegen das Dritte Reich“ gewesen. Seine ganze „Joseph“-Tetralogie (erschienen 1933, 1934, 1936 und 1943) gilt als Sympathieerklärung für das Judentum und Abrechnung mit dem Faschismus.

Die Aberkennung des Ehrendoktorats an der Bonner Universität aus dem Jahre 1936 führt zu seinem viel beachteten „Briefwechsel“ mit dem Dekan. Thomas Mann verweist darin auf die „schwere Mitschuld“ der deutschen Universitäten „an allem gegenwärtigen Unglück“. Während des Zweiten Weltkriegs wendet er sich in insgesamt 55 Radioansprachen der BBC an „Deutsche Hörer!“. Nicht zuletzt informierte er darin unmissverständlich über den Massenmord an Jüdinnen und Juden. Ende 1945 stellt er fest: „Mich hat der Teufelsdreck, der sich Nationalsozialismus nennt, den Hass gelehrt.“

„Positiv gegenüber der Queer-Bewegung“

Als Fürsprecher der Demokratie, sagt Birte Lipinski, werde Thomas Mann heutzutage mehr und mehr wahrgenommen. Ein Autor für unsere Zeit? In mancherlei Hinsicht. Hans Wißkirchen rühmt die Modernität des Thomas Mann. Er sei allem Neuen zugetan gewesen. Mutmaßlich würde er auch die Sozialen Medien nutzen. Er wäre vielleicht nicht bei Instagram unterwegs, vermutet Wißkirchen, aber doch bei Twitter – auch wenn ihm die begrenzte Zeichenzahl missfallen hätte. Zudem sei sein Frauenbild nicht so konservativ wie das seines Bruders Heinrich gewesen. Und auf jeden Fall hätte Thomas Mann „der Queer-Bewegung positiv gegenübergestanden.“

Ja, Thomas Mann ist weiter im Bewusstsein. Nicht nur im germanistischen Seminar. So informierte Patti Smith, die Rockmusikerin mit dem Literaturfaible, bei ihrem Kölner Konzert am 6. Juni 2022 das verdutzte Publikum darüber, dass an diesem Tag der 147. Geburtstag von Thomas Mann sei.

Und wie steht es um den Bruder? Aktuell gibt es eine kleine Ausstellung zu Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ im sehr schönen St. Annen Museum. Davon mehr im dritten Teil.

Martin Oehlen

Fortsetzung folgt

auf diesem Blog in Kürze.

Der erste Teil

über das Buddenbrookhaus findet sich HIER .

Unser Foto

am Kopf der Seite zeigt einen goldenen Druckbleistift (Made in USA), den Thomas Mann zu seinem 80 Geburtstag am 6. Juni 1955 von seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer erhalten hat. Mann selbst schenkte das Präsent weiter an Fritz Landshoff vom Querido-Verlag.

Ausstellung

„Buddenbrooks im Behnhaus“, Museum Behnhaus Drägerhaus, Di – So von 10 – 17 Uhr. Bis 31. 12. 2022.

Dieter Borchmeyer: Thomas Mann – Werk und Zeit, Insel, 1552 Seiten, 58 Euro. E-Book: 49,99 Euro.

Thomas Mann: „Buddenbrooks“, S. Fischer, 848 Seiten, 14 Euro. E-Book: 1,99 Euro.

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