Es geschah mitten in der Stadt: „Sichtbar machen“ ist ein neues Projekt, das an Alltag und Verfolgung von Jüdinnen und Juden während der NS-Zeit in Köln erinnert

Fassadenprojektion in der Venloer Straße in Köln in Erinnerung an die Opfer des Holocausts. Foto: Bücheratlas

Mitten in Deutschland, mitten in der Stadt, mitten in der Nachbarschaft vollzog sich der Terror gegen die Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Daran erinnerte jetzt eine aufwendige, gleichwohl nur einmalige Fassadenprojektion in Köln. In der Venloer Straße 23 hatte einst die jüdische Familie Schönenberg gewohnt. Ihre Geschichte wurde nun über die gesamte Hausfront hinweg in Ton und Bild erzählt, mitten im sommerlich trubeligen Stadtgarten-Viertel und gleich über einem geschäftigen Supermarkt.

Deportation vor 80 Jahren

Es geschah vor genau 80 Jahre: Der Arzt Max Schöneberg und seine Ehefrau Erna wurden am 15. Juni 1942 von Köln aus in das Ghetto Theresienstadt verbracht. Max kam dort ums Leben, Erna wurde in Auschwitz ermordet.

Der Sohn Leopold überlebte den Holocaust, da er in den 1930er Jahren nach Palästina emigriert war. Ihm ist die umfangreiche Korrespondenz mit den Eltern zu verdanken. Die Briefe, die sie ihm geschickt hatten, übergab er im Jahre 1999 dem NS-Dokumentationszentrum, weil er der Ansicht war, dass sie dort am rechten Platz seien. Später kamen noch 750 Foto-Negative hinzu, die bis auf das Jahr 1933 zurückgehen. Das üppige Material machte diese öffentliche Erinnerung möglich – und ist zudem die Basis für eine weitaus größere Initiative.

Von Köln aus wurden die Eheleute Schönenberg ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Foto: Bücheratlas

Das Schicksal von vielen

Mit dieser Intervention in den Stadtraum, der im Laufe des Jahres noch weitere Projektionen an anderen Orten in Köln folgen sollen, wurde auf ein komplexes und nachhaltiges Erinnerungsprojekt aufmerksam gemacht. „Verschwundenes sichtbar machen, Einblicke in vernichtete Gedankenwelten geben, zerstörte Kommunikationsräume rekonstruieren“ – das ist das Ziel eines Web-Portals, das der Museumsdienst und das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln auf den Weg bringen. Sie werden dabei entscheidend gefördert durch die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) des Bundesministeriums der Finanzen.

Im Netz soll die Geschichte der Familie Schönenberg als Exempel dargestellt werden. Es sei ein Schicksal von vielen, sagte der Historiker Martin Rüther als Leiter des Projektes: „So erging es ungeheuer vielen Jüdinnen und Juden in Köln.“

Zeitzeugen von Alltag und Verfolgung

Daher werden die Auskünfte über die Familie Schönenberg umfassend ergänzt von Lebensgeschichten zahlreicher Zeitzeugen, die ein Team zusammenstellt. Daraus entsteht ein vielstimmiges Mosaik, das Einblick in den Alltag und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zwischen 1933 und 1945 gewähren soll. Eine Preview-Seite des Web-Portals, dessen Veröffentlichung für Ende des Jahres geplant ist, steht unter http://sichtbar-machen.online .

Die Namen der Opfer ziehen über die Fassade. Die Venloer Straße war für die Projektion gesperrt worden. Foto: Bücheratlas

Am Ende der Fassadenprojektion an der Venloer Straße 23 liefen die Namen all derer über die Hauswand, die dort einmal gewohnt hatten und Opfer des Holocaust geworden sind. Ganz zum Schluss dann noch eine kleine, aber entscheidende Zeile: „Wehret den Anfängen.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich ein Beitrag über Karikaturen des ehemaligen Zwangsarbeiters Philibert Charrin, denen das NS-Dokumentationszentrum in Köln eine Ausstellung gewidmet und die Werner Jung in einem Band vorgestellt hat – und zwar HIER.

Außerdem gibt es einen Beitrag über die Einrichtung des Gedenkorts am ehemaligen Deportationslager in Köln-Müngersdorf – und zwar HIER.

Die Sonderausgabe zum Tagebuch von Anne Frank, das sie als Dreizehnjährige vor 80 Jahren begonnen hatte, wird HIER vorgestellt.

Die Preview-Seite des Web-Portals steht unter http://sichtbar-machen.online

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