Ein Fest für Thomas Kling: Marcel Beyer, Jörg Ritzenhoff, Ulrike Almut Sandig und Gabriele Wix erinnern an den Dichter – und Pudel Tui stürmt die Bühne

Thomas Klings Geburtstagsgeschenk für Jörg Ritzenhoff: „Troubadour“-Libretto mit eingeklebtem Rheinbahn-Ausweis. Foto: Bücheratlas

Am Ende feiert auch Tui mit, der Pudel von Ulrike Almut Sandig. Das passte bestens zum familiären „Fest für Thomas Kling“, das von der Kunststiftung NRW im Theater im Ballsaal in Bonn ausgerichtet wurde. Zwei Anlässe gab es dafür. Zum einen besteht die Poetikdozentur, die den Namen des 2005 im Alter von 47 Jahren verstorbenen Dichters trägt, seit zehn Jahren an der Bonner Universität. Zum anderen galt es, die Werkausgabe vorzustellen, die in vier prächtigen Bänden im Suhrkamp Verlag erschienen und auf diesem Blog HIER präsentiert worden ist.

„das KLINGDING“

Jörg Ritzenhoff eröffnete den Abend mit der Uraufführung seiner szenischen Installation „das KLINGDING“. Und das kam so: Der Kölner Komponist hatte seinen Freund Thomas Kling ehedem mit dem Hinweis bedacht, dass Gedichte schön und gut seien, doch was wirklich zähle, sei ein Libretto. Da ließ sich Kling nicht lumpen. Zu Ritzenhoffs Geburtstag überreichte er einen Band mit Giuseppe Verdis „Der Troubadour“ – allerdings versehen mit diversen Interventionen, mit Kritzeleien und Materialien. So hat Kling an einer Stelle auch seinen Ausweis für die Düsseldorfer Rheinbahn vom 1. Juni 1979 eingeklebt. Ein Sammlerstück.

Ritzenhoff nahm dieses Geburtstagsgeschenk nun als Inspiration für einen künstlerischen Dialog. Dazu kombinierte er ein beharrliches Hintergrundrauschen mit Auszügen aus einer Kling-Aufnahme von 1987, auf die er muszierend und parlierend reagierte. Dabei wird dann auch mal Verdi zitiert: „In dem bunten Kampfgewühle / Spielen wir bald andere Spiele“. Gegen Ende sprechen Kling und Ritzenhoff wie aus einem Mund. Dann aber tritt Stille ein – erst weichen die Stimmen, dann, nach einer Weile, weicht auch das elektronische Rauschen. Ein starkes Stück.

„Merkwürdige Schleichwege“

Gabriele Wix und Marcel Beyer im Gespräch über Thomas Kling und die Werkausgabe Foto: Bücheratlas

Büchnerpreisträger Marcel Beyer und Literaturwissenschaftlerin Gabriele Wix, die zu den vier Herausgebern der Werkausgabe zählen, plauderten sodann über die Arbeit an der Edition und die Klasse des Autors. „Wir haben Funde gemacht, mit denen wir nicht gerechnet haben“, sagte Beyer. Da spielten „merkwürdige Schleichwege“ keine unerhebliche Rolle, sagte Wix. So habe sie in Aachen einen Buchhändler getroffen, der die Vermieterin kannte, bei der Kling in Wien zur Untermiete gewohnt hatte, mit deren Hilfe dann ein Altamira-Gedicht zugeordnet werden konnte, weil ein Bild der Höhle eben in der damaligen Wohnung hing.

Gabriele Wix lobte die „Welthaltigkeit“ der Gedichte. Das Werk biete eben nicht nur einen „fantastischen Umgang mit der Sprache“. Auch sei es reich an historischen Schichtungen. Damit unterstützte sie eine Einlassung von Moderator Thomas Fechner-Smarsly, Germanist an der Bonner Uni, wonach möglicherweise „die Entdeckung des Dichters Thomas Kling als Autor für das Anthropozän“ noch bevorstehe. Marcel Beyer verwies darauf, dass Kling den Gestus gepflegt habe, dieses und jenes „schon vor 20 Jahren gesagt“ zu haben. Wenn man nun den Essayband durchlese, stelle man fest: „Das stimmt.“ Viele seiner Themen „treiben ihn schon um, da hat er gerade Abitur gemacht.“

Gedichte wurden auch geboten. Marcel Beyer meinte, dass der Freund und Kollege  für alle Künste offen gewesen sei. Aber ab und an musste auch mal gesagt werden, was Sache ist: „ich bin hier Prometheus – / ist das schon mal klar? / Prometheus, an den Kaukasus / aus Sprachen angeschlossen. / kein leberthema, keine werte hier. / ich mach der sprache / feuer unterm hintern. flammende“.   

„So viele Wörter“

Zum Ende der Veranstaltung trat Jörg Ritzenhoff ein zweites Mal auf – diesmal gemeinsam mit Ulrike Almut Sandig, der aktuellen Bonner Poetikdozentin. Über ihre Antrittsvorlesung haben wir auf diesem Blog HIER berichtet.

Ausdrücklich war dieses akustisch-szenische Duett als Klangimprovisation angekündigt. Daran hatte auch Pudel Tui seinen Anteil. Denn der hielt es im Hintergrund nicht aus, als er die Stimme seiner Halterin vernahm. Mal bellend, mal jaulend machte er seinen Standort bekannt. Schließlich integrierte Sandig einen ihrer Bühnenläufe, um das Tier zu befreien und auf die Bühne zu holen. Tui folgte fortan aufmerksam der „hörbaren Dichtung“, wie sie Ulrike Almut Sandig seit einigen Jahren in Bild und Ton pflegt. Eine Performerin in der Tradition des Thomas Kling: „So viele Wörter“, „so viele Stimmen“.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich eine Vorstellung der Thomas-Kling-Werkausgabe HIER;

einen Beitrag über Ulrike Almut Sandigs Bonner Poetikdozentur gibt es HIER;

einen Besuch auf der Raketenstation Hombroich, wo Thomas Kling lebte, statten wir HIER ab.

2 Gedanken zu “Ein Fest für Thomas Kling: Marcel Beyer, Jörg Ritzenhoff, Ulrike Almut Sandig und Gabriele Wix erinnern an den Dichter – und Pudel Tui stürmt die Bühne

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