Hekla spricht Vulkanisch: Audur Ava Olafsdottirs „Miss Island“ erzählt vom Aufbruch einer Schriftstellerin

Foto: Bücheratlas

Gibt es auf Island noch einen anderen Beruf als den der Schriftstellerei? Betrachtet man nur die Zahl der Bücher, die alljährlich in deutscher Übersetzung von der saga-umwobenen Insel zu uns gelangen, dann müsste dort gefühlt jede Familie einen Dichter oder eine Dichterin in ihren Reihen haben. Dieser Eindruck, der vor zehn Jahren beim Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse bestätigt wurde, erhält nun weitere Nahrung durch Audur Ava Olafsdottirs sommerlichen Roman „Miss Island“. Die Pointe ist allerdings: Im Kanon mögen bereits sehr viele literarische Stimmen versammelt sein, doch hätten es noch viel mehr sein können, wären die Zeiten nicht gewesen, wie sie waren.

Mit dem „Ulysses“ im Gepäck

In einem Dorf an der Westküste steigen wir im Jahr 1963 mit der Romanheldin Hekla in einen Überlandbus. Im Gepäck der jungen Frau: Eine Schreibmaschine, der „Ulysses“ von James Joyce und ein Wörterbuch – denn des Englischen ist die begierige Leserin nicht mächtig. Auf staubig-rumpeliger Fahrt geht es in die Hauptstadt Reykjavik. Heklas Ziel: Sie will Schriftstellerin werden. Ganz und gar. Zwar hat sie schon einige wenige Texte veröffentlicht. Allerdings unter dem männlichen Pseudonym Sigtryggur von Schlick und einmal unter Stella Maris.

Womit wir bei dem Punkt angekommen sind, den Audur Ava Olafsdottir zu diesem Roman inspiriert hat: Islands literarische Welt war lange Zeit patriarchalisch getrimmt. „Männer werden als Dichter geboren.“ sagt Heklas Freundin Isey. „Ungefähr im Konfirmationsalter bekennen sie sich zu ihrer unvermeidlichen Rolle, Genies zu sein.“ Von Frauen hingegen werden keine Verse erwartet, sondern eine kräftigende Mahlzeit oder eine gute Figur. Das erfährt Hekla sofort, als sie sich der Hauptstadt nähert. Noch im Bus wird sie auf ihr fabelhaftes Aussehen angesprochen – und ob sie nicht gewillt sei, eine Einladung zur Wahl der „Miss Island“ anzunehmen.

Ausflug zum Ausbruch

Allerdings muss man wissen, dass Hekla einen eigenen Kopf hat. Sie trägt lieber Hose als Rock, sie liest Sylvia Plath und Simone de Beauvoir. Dass ihr Selbstbewusstsein mit dem Vornamen zu tun hat, glauben wir nicht. Aber es passt selbstverständlich sehr gut, dass der von einem Vulkan herrührt. Der Vater, begeistert vom vulkanischen Rumoren, hat sich 1942 für diesen Namen entschieden – gegen den Willen der Mutter. Und als dann der Vulkan Hekla 1947 massiv in Wallung gerät, eilt er mit der Tochter zum Ort des Geschehens und kehrt mit versengten Schuhsohlen zurück. Seit diesem Ausflug, so heißt es, sei Hekla eine andere gewesen: „Du sprachst anders. Du sprachst Vulkanisch und sagtest spektakulär, imposant und kolossal. Du hattest das Oben entdeckt und blicktest zum Himmel.“

Die Einladung zur Miss-Wahl lehnt sie also ab. Stattdessen wird sie Kaltmamsell – so die Übersetzung von Tina Flecken – in einem vornehmen Hotel der Hauptstadt. Doch die Herren, die dort ihren Kaffee einnehmen, sind so vornehm nicht. Ihre Neigung zu verbalen wie körperlichen Übergriffen ist ausgeprägt. Es ist absehbar, dass Hekla diesen Job nicht lange machen wird.

Sie haben alle einen Traum

1963 ist auch das Jahr, in dem Martin Luther King seine historische Freiheitsrede hält: „I have a dream“. Da wird man ja wohl auch auf Island träumen dürfen. So träumt Hekla von der Emanzipation und der Freiheit des Schreibens. Ihr schwuler Jugendfreund Jón John träumt von einer liberaleren Gesellschaft, in der er von homophoben Belästigungen verschont bleibt. Freundin Isey träumt in ihr Tagebuch hinein, was in ihrer Ehe geschieht und was nicht, was gesagt wird und was nicht. Schließlich träumt der junge Dichter Starkadur, bei dem Hekla für eine kurze Weile einzieht, von der öffentlichen Wahrnehmung seiner Lyrik. Er gehört der Reykjaviker Boheme an – dort wird viel geredet und getrunken, zumal im Poeten-Café „Mokka“, aber es wird wenig veröffentlicht. Ein Literaturnobelpreisträger wie ihr berühmter Landsmann Halldor Laxness, der die Auszeichnung als Erneuer der isländischen Erzählkunst im Jahre 1955 erhalten hat, wird von ihnen keiner werden.

Immer wieder kommt der Roman auf die abgeschiedene Lage der Insel zu sprechen. Das Island der frühen 60er Jahre zählte kaum 180.000 Einwohner und war weitaus isolierter als es heute mit seinen 320.000 Einwohnern ist. Als Audur Ava Olafsdottir vor zwei Jahren in Frankreich den Prix Medicis Etranger für „Miss Island“ erhielt, wies sie im Interview darauf hin, dass um 1963 nur zwei Passagierflugzeuge im Einsatz waren – wovon auch noch eines abgestürzt ist. Die Abgeschiedenheit nahm nicht wenigen im Lande die Luft. Das Ausland wurde zum Sehnsuchtsziel – auch für Hekla und Jón John.  

Faszination von Vulkanismus und Dichtung

Audur Ava Olafsdottir, von der bereits zwei Romane auf Deutsch vorliegen, erzählt ihre Geschichte von Freiheit und Kreativität in vielen kurzen Kapiteln. Die sorgen für ein flottes Tempo. Zwar hätte man sich da und dort etwas vitalere Dialoge gewünscht. Doch allemal ist dies eine unterhaltsame Lektüre, die die Faszination und Schöpferkraft von Vulkanismus und Dichtung feiert.

Komische Momente steigern das Lesevergnügen. Dazu gehört die Verblüffung des Möchtergern-Poeten Starkadur darüber, dass Hekla ihm literarisch weit überlegen ist. Eben noch freute er sich, einen Platz am Tisch der Literaten zu haben, da stellt er fest: „Ich schreibe keine Gedichte mehr, denn ich habe nichts zu sagen.“ Seitdem fährt er Taxi. Ein Buch wird er dennoch veröffentlichen – aber diese Schlusspointe auf Seite 236 des Romans ist zu speziell, um hier verraten zu werden.

Martin Oehlen

Audur Ava Olafsdottir: „Miss Island“, dt. von Tina Flecken, Insel, 240 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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