„Wer guckt sich so etwas überhaupt an?“: Ulrike-Almut Sandigs muntere Vorlesung zum Start ihrer Thomas-Kling-Poetikdozentur an der Universität Bonn

Darum ging es bei der Antrittsvorlesung von Ulrike-Almut Sandig. Screenshot: Bücheratlas

Vorlesungen sind auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Das machte Ulrike-Almut Sandig auf beglückende Weise hörbar und sichtbar, als sie jetzt ihre Antrittsvorlesung als Thomas-Kling-Poetikdozentin an der Universität Bonn hielt. Mit der Berufung der Dichterin feiert die Poetikdozentur, die von der Kunststiftung NRW eingerichtet und finanziert wird, im Sommersemester 2021 ihr zehnjähriges Bestehen. Sandigs Vorgängerinnen und Vorgänger waren Stefan Weidner, Barbara Köhler, Oswald Egger, Norbert Scheuer, Marion Poschmann, Esther Kinsky und Christoph Peters.

Die Schriftstellerin, vor allem als Lyrikerin und mittlerweile auch als Romanautorin bekannt, nutzte die Corona-Zwangslage perfekt. Nicht live, aber oho! Bei ihrem Video-Auftritt schöpfte sie die Möglichkeiten des Mediums reichlich aus. Vor schwarzem Hintergrund performte sie ihre Gedanken zur Lyrik. Mit starker Bildschirmpräsenz und auf kurzweilige Art sprach sie über Werkgenese, pastorales Besserwissen, das Mit-sich-sein-verkleinern (aus ihrem Projekt „Landschaft“) und Wegweisende. Geradezu spielerisch leicht wirkte das Gedankenklickern. Und wann wurden in einer Vorlesung schon einmal selbstgestaltete, überdies originelle Musikclips integriert, in einem Falle gar mit einem Sprechgesang als Welturaufführung? Das war entschieden mehr Bühnen- als Kathedershow.

Thomas Kling hätte an einer solchen Sprachinstallation seine Freude gehabt. Wie wichtig für Kling das Gedicht als Partitur war, als Kombination aus Text und Stimme, wurde zuletzt noch einmal in der Suhrkamp-Werkausgabe des früh verstorbenen Dichters herausgearbeitet. Ulrike-Almut Sandig sieht dies prinzipiell genauso – auch wenn sie nicht mehr vom Gedichtvortrag als Happening oder Event sprechen möchte. Sie sieht in einem Gedicht „die Körperbewegung des Geistes“, „mehr dynamisch als statisch“, „die Kunst des Stattfindens der Sprache“.

„Ich bin nicht mein Text“, formulierte die Autorin und sprach damit tendenziell allen Kolleginnen und Kollegen aus der Seele. Gleichwohl fügte sie an: „Aber ich mag es, den Unterschied zwischen mir und dem Text auszuloten und ein bisschen damit zu arbeiten.“  Für sie sei Dichtung „eine Form des gemeinsamen Nachdenkens über die Gegenwart“. Dass ihre Gedichte im Laufe der Zeit „politischer“ geworden seien, ganz offensichtlich unter dem Eindruck der Flüchtlingskatastrophe, bestätigte sie in einem nachfolgenden Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Thomas Fechner-Smarsly. Sie habe keine Zeit, sich mit „Weltferne“ zu beschäftigen, sagte sie, weil die Zeiten nicht danach seien, „ganz ehrlich“.

„Was ist da eigentlich so für eine Click-Zahl zu erwarten?“ fragte Ulrike-Almut Sandig im neckischen Prolog zu ihrer Antrittsvorlesung. „Wer guckt sich so etwas überhaupt an?“ Wir wissen es nicht mit Bestimmtheit. Aber wir können dieses Video über die Hörbarkeit und Sichtbarkeit der Dichtung nur empfehlen.

Martin Oehlen

Die Antrittsvorlesung ist abrufbar unter http://www.germanistik.uni-bonn.de

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