Jessica J. Lee erkundet eine unruhige Insel: „Zwei Bäume machen einen Wald“ ist das poetische Porträt Taiwans

Natürliche Schönheit in Fülle bietet der Taroko-Nationalpark, der älteste in Taiwan. Foto: Bücheratlas

„Taiwan ist ein Ort“, schreibt Jessica J. Lee, „der Zeit und genaues Hinschauen verlangt, den aber ein unterirdisches Beben jeden Moment auslöschen kann.“ Mit der Autorin stehen wir auf einem Grund, der sich stetig millimeterweise weiterbewegt, steigen über glitschige Felsen und bücken uns zur angenehm duftenden „Persicaria chinensis“. Wir fahren durch die Hauptstadt Taipeh und gehen ins Nationalmuseum für Literatur in Tainan. Dort ist gerade eine Sonderausstellung zu sehen: „Nature Writing“.

Dieses „Nature Writing“, längst auch auf dem deutschen Buchmarkt eine feste Größe, ist immer dann besonders attraktiv, wenn es über die empfindsame Schilderung der Natur hinausgeht. Dann weisen die Texte spannende Einschlüsse der historischen oder philosophischen Art auf. Dieses literarische Genre ist überdies immer eine sehr persönliche Sache. Gut, wer schreibt, schreibt immer subjektiv. Doch beim „Nature Writing“ wird so oft „ich“ gesagt wie sonst nur bei Facebook oder Instagram.

Dort konnte sich Jessica J. Lee am Mittwoch dieser Woche über die Zuerkennung des kanadischen Weston Writers‘ Trust Prize for Nonfiction freuen: „I am completely overwhelmed.“ Ausgezeichnet wird ihr Buch „Zwei Bäume machen einen Wald“, in dem sie die Möglichkeiten des Genres eindrucksvoll ausreizt. Die Autorin, die in London Landschaftsgeschichte studiert und über den Hampstead Park promoviert hat, veröffentlichte 2017 im Berlin Verlag ihre Erfahrungen beim Schwimmen in Berliner Seen: „Mein Jahr im Wasser“. Nun wechseln wir den Kontinent und lernen viel über Flora und Fauna auf Taiwan – und zumal über die Gebirgsketten und zahlreichen Flüsse, von denen die Insel durchzogen wird.

Darüber hinaus – und das meinen wir mit „ausreizen“ – erzählt uns Jessica J. Lee drei große Geschichten. Zum einen die Geschichte der Insel, die „immer schon ein Spielball von Macht und Willkür“ gewesen sei und „mehrfach die Besatzer gewechselt“ habe. Dann die der naturwissenschaftlichen Forschung, zu der der japanische Botaniker Hiroyoshi Ohashi erheblich beigetragen hat: mehr als 1600 taiwanische Pflanzennamen tragen sein Kürzel. Und schließlich geht es immer wieder um Lees Familie, die einst aus China nach Taiwan gelangt und dann nach Kanada emigriert ist, nicht zuletzt um die Großeltern Po und Gong.

Von besonderer Bedeutung ist hier die Identitätsfrage. Wer spricht welche Sprache, wer gehört wohin, was macht dieses „ständige Navigieren zwischen den Welten“ mit einem? Eine Frage, die sich nicht zuletzt Jessica J. Lee stellen kann. Sie kam 1984 als Tochter einer Taiwanerin und eines Walisers in Ontario zur Welt. Später zog sie nach London und lebt seit 2014 in Berlin.

„Zwei Bäume machen einen Wald“ ist eine weitere liebevoll gestaltete Attraktion in der von Judith Schalansky herausgegebenen „Naturkunden“-Reihe bei Matthes & Seitz. Ein Text von unaufdringlicher Schönheit, lehrreich und poetisch. Eine Identitätssuche, die nicht zu dick aufträgt. Und eine unaufdringliche Liebeserklärung an eine Insel, die einst als „Penglai“ bekannt war – als „ein gesegneter Ort, an dem die Becher nie trocken, die Schüsseln nie leer wurden.“

Martin Oehlen

Eine dreiteilige Reisereportage über Taiwan findet sich auf diesem Blog: Teil 1 über eine Autofahrt quer durchs Land gibt es HIER ,

Teil2 über die Fülle der Speisen HIER und

Teil 3 mit lauter Bücherspuren HIER.

Jessica J. Lee: „Zwei Bäume machen einen Wald“, dt. von Susanne Hornfeck, Matthes & Seitz, 216 Seiten, 28 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

2 Gedanken zu “Jessica J. Lee erkundet eine unruhige Insel: „Zwei Bäume machen einen Wald“ ist das poetische Porträt Taiwans

  1. Was für eine schöne Rezension. Danke Martin. Es weckt bei mir großartige Erinnerungen. Die Autorin scheint den Zauber der Insel, der Carolines ganze Liebe gilt, einzufangen. Ich werde es ihr empfehlen, oder schenken. Liebe Grüße Janna

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