Anna träumt vom Glück: Lilly Bernsteins Roman „Trümmermädchen“ erzählt eine Familiengeschichte aus dem Kriegs-Köln

Vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg: Die Madonna mit Kind von Christoph Stephan (1797-1864) gehörte zum neugotischen „Wohnhaus Erben“ in Köln. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1952 abgerissen. Aber die Madonna ist noch heute in der Kölner Südstadt zu sehen. Foto: Bücheratlas

„Trümmermädchen“ sei Lioba Werrelmanns persönlichster Roman, heißt es im Klappentext. Womit sogleich klar ist, wer sich hinter dem Pseudonym „Lilly Bernstein“ verbirgt: Die Kölner Journalistin und Krimiautorin Werrelmann, die ihren Leserinnen und Lesern im vergangenen Jahr mit ihrem wunderbaren Berlin-Krimi „Hinterhaus“ das Herz erfreute (ein Besprechung des Romans auf dem Bücheratlas gibt es HIER ).

„Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück“ ist da ein ganz anderes Kaliber. Der Roman spielt im Köln der Kriegs- und Nachkriegszeit. Anna wächst bei ihrer Tante Marie auf. Marie hat einen Bäcker geheiratet, Onkel Matthias mit den knallroten Haaren, der im Kölner Martinsviertel eine Bäckerei betreibt.

Die Zeiten sind hart, das Überleben gleicht einem Glücksspiel. Die jüdischen Nachbarn sind bei Nacht und Nebel verschwunden. Ein Globus mit einer gestrichelten Linie quer über den Atlantik, zurückgeblieben in der verlassenen Wohnung, legt nahe, dass sie die Flucht in die USA gewagt haben. Onkel Matthias wird überraschend eingezogen – jahrelang gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Irgendwann ist auch die Bäckerei verloren, und Marie, Anna und der kleine Karl, die Frucht einer letzten, verzweifelten Liebesnacht, müssen sich durch den Hungerwinter 1945/46 schlagen.

Eindringlich schildert Lilly Bernstein alias Lioba Werrelmann die Nöte der kleinen Familie. Zurückgreifen kann sie dabei auf zahlreiche Erzählungen der eigenen Mutter, die sich noch gut an die harten Nachkriegsjahre erinnern kann. Die Autorin, die selber aus einer Bäckersfamilie stammt, hat viel hineingepackt in dieses prima recherchierte Buch, das mit Emotionen nicht spart. Fast fühlt man selbst die Kälte durch die verschlissenen Plastikschuhe kriechen, wenn sie von Annas Streifzüge durch das bitterkalte Köln erzählt, von ihren vergeblichen Versuchen, auf dem Schwarzmarkt zu reüssieren, und vom nächtlichen „Fringsen“ auf dem Bahndamm.

Einige wenige Handlungsstränge hätte man kürzen, vielleicht sogar weglassen können. Muss der kleine Karl wirklich an offener Tuberkulose erkranken? Und ist es wahrscheinlich, dass er innerhalb kurzer Zeit wieder auf den Beinen ist? Egal. Alles in allem überzeugt „Trümmermädchen“ als gut erzählter Roman, der uns eine Zeit näherbringt, die wir nicht vergessen sollten.

Petra Pluwatsch

Eine Besprechung von Lioba Werrelmanns Kriminalroman „Hinterhaus“ findet sich HIER .

Lilly Bernstein: „Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück“, Ullstein, 502 Seiten, 10,99 Euro. E-Book 8,99 Euro.  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s