Shibasaki Tomokas Blick auf Tokio vor den Spielen von 2020

 

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Shibasaki Tomoka Foto: Bebra/Bungeishungu

Ein japanisches Kammerspiel  erzählt Shibasaki Tomoka in ihrem Roman „Frühlingsgarten“, der auf Japanisch tendenziell so zu lesen ist: „Haru no Niwa“. Auf den ersten Blick ereignet sich nur wenig in dieser Geschichte um Taro, die Manga-Zeichnerin Nishi und das hellblaue Haus in Tokio. Doch bald schon spürt der Leser, dass sich im Hintergrund die Welt weiterdreht, Altes zurücklässt und Neues ermöglicht. Unerbittlich.

Das Viertel nämlich, in dem sich die wenigen handelnden Personen eingemietet haben, steht vor einem radikalen Strukturwandel. Die alten Appartements müssen Neubauten weichen – und Taro gehört zu den letzten Mietern im View Palace Saiki III, in einem Gebäude, das von oben betrachtet dem Schriftzeichen für „Reisfeld“ gleicht. Alles andere als angenehm ist der bevorstehende Umzug für den Angestellten einer PR-Agentur, von dem es heißt, dass bei allem, was er mache, die Bequemlichkeit an erster Stelle stehe. Seine Ex-Ehefrau hatte diesen Hang, dem Unbequemen auszuweichen, als einen Scheidungsgrund angeführt.

Von ganz anderer Natur ist da   die Manga-Zeichnerin, die eines Tages in eine der Nachbar-Wohnungen einzieht. Sie kippt die Biere herunter, als wäre es Wasser, und steckt voller Neugier. Die richtet sich zentral auf ein hellblaues Haus in der Nachbarschaft, das vor 50 Jahren im westlichen Stil erbaut worden ist. Ein Relikt aus einer anderen Zeit. Ein Künstlerpaar hatte dieses ganz und gar nicht normierte, also für Japan untypische Haus bewohnt und sein Leben darin in einem Bildband dokumentiert. Nishi hatte dieses Buch mit dem Titel „Frühlingsgarten“ schon als Schülerin kennengelernt. Jetzt erwirbt sie gleich zwei antiquarische Ausgaben im Netz.

Tatsächlich gelingt es Nishi, deren Name „Westen“ bedeutet, Zugang zu den neuen Mietern und ins Innere des Gebäude zu bekommen. Sie schert sich nicht einmal um Glassplitter in ihrem Arm, wenn sich die Gelegenheit bietet,  auch noch den letzten Winkel zu erkunden.

Selbst Taro zeigt plötzlich Interesse an der Immobilie, die er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Er entwickelt zudem ein Interesse für leerstehende Häuser. Und er nimmt wahr, wieviel „Wildnis“ mitten in der japanischen Metropole anzutreffen ist – Vögel, Larven, Flechten, Blattläuse oder Sakekrug-Wespen. Es ist nicht alles Glas und Beton.

Ein Sehnsuchtsort ist dieses blaue Haus ganz ohne Frage, wenngleich offen bleibt, welche Sehnsucht es ist. Nach einem vergangenen oder nach einem neuen Leben? Womöglich nach dem Westen?

Man mag den Roman als Kritik am Bauboom in Tokio lesen, der von den Olympischen Spielen 2020 ausgelöst worden ist, als Sorge davor, sich in Zeiten des Wandels zu verlieren. „In Tokio wird gebaut wie verrückt, überall schießen neue Geschäfte aus dem Boden“, sagt Nishi beim siebten Bier. „Jedes Mal, wenn man jemanden trifft, heißt es, dieses sei toll, jenes sei neu, es geht alles so schnell.“ Man kann „Frühlingsgarten“ aber auch als poetisches Stillleben genießen, als ein Werk, das von einem ganz eigenen, ruhigen Rhythmus getragen wird. Eine Einladung zum bewussten Hinsehen, zum genauen Beobachten.

Shibasaki Tomoka, 1973 in Osaka geboren, wurde für „Frühlingsgarten“ im Jahre 2014 mit dem Akutagawa-Preis geehrt, der bedeutendsten literarischen Auszeichnung des Landes. Zuvor hatte sie den Roman „A day on the Planet“ veröffentlicht, dessen Verfilmung in Japan erfolgreich war.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Shibasaki Tomoka: „Frühlingsgarten“, dt. von Daniela Tan, bebra Verlag, 208 Seiten, 22 Euro.

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Lesungen der Autorin

Zürich, 22. Januar 2019, im Literaturhaus (Limmatquai 62), Moderation: Sieglinde Geisel. Der Eintritt kostet 20 Schweizer Franken.

Köln, 24. Januar, im Japanischen Kulturinstitut  (Universitätsstraße 98) um 19 Uhr, Moderation: Harald Meyer. Der Eintritt ist frei.

Berlin, 29. Januar 2019, im Japanisch-Deutschen Zentrum (Saargemünder Straße2) um 19 Uhr, Moderation: Irmela Hijiya-Kirschnereit.

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