„Dieses Glas zwischen mir und der Welt“: Simone Scharbert erzählt in „Rosa in Grau“ von einer Frau in einer psychiatrischen Anstalt der 1950er Jahre

Der spanische Bildhauer Jaume Plensa schuf die Figur „Nomade“, die im südfranzösischen Antibes in aller Öffentlichkeit Eindruck macht. Eine Figur, für die Buchstaben und Worte so wichtig sind wie für die Ich-Erzählerin in „Rosa in Grau“. Foto: Bücheratlas

Wer kennt schon sein Ich. Weiß genau, was sich dahinter verbirgt. Woraus es besteht. Wo seine Grenzen sind.“ So formuliert es die namenlose Frau, die in den 1950er Jahren als Patientin in der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt in Eglfing-Haar bei München untergebracht ist. Die Leute sagen, sie habe den Verstand verloren. Die Diagnose der Ärzte: Schizophrenie. Doch wer weiß schon genau, was sich dahinter verbirgt.

„Irgendwann hören alle zu zählen auf“

Simone Scharbert, Autorin von „du, alice – eine anrufung“ (HIER findet sich unsere Besprechung), versieht den Roman „Rosa in Grau“ mit dem  mehrdeutigen Untertitel „Eine Heimsuchung“. Ihre Ich-Erzählerin wähnt sich abgetrennt von allem: „Ich bin wieder hinter der Scheibe, aber sie ist nicht zu sehen, keiner sieht sie, dieses Glas zwischen mir und der Welt.“ Mit dem Kopf schlägt sie an die Klinikwand, bis die Haut aufplatzt. Vielleicht tut sie es, um sich zu spüren. Um sich den Schmerz zuzufügen, den ihr dann kein anderer mehr zufügen kann. Um die tröpfelnde Zeit zu besiegen, den Moment, wenn man nicht mehr weiß, wohin mit sich. Um sich zu befreien. Ihr Anstaltsleben wartet mit vielen Ängsten und Nöten auf.

Es ist ein fremdbestimmter Alltag mit Isolierzelle und Elektroschocktherapie. Die Zeit vergeht nicht und vergeht doch: „Irgendwann hören alle zu zählen auf. Die Tage, die Wochen, die Monate. Die Jahre. Man denkt nicht mehr in Zeit. Spürt sie aber.“  Wenn es besonders schwierig wird, ist Rosa an der Seite der Erzählerin. Sie taucht „aus dem Nichts“ auf. Rosa ist bei der Lektüre nicht zu greifen, aber lässt sich von der Erzählerin an die Hand nehmen. Vermutlich gab oder gibt es tatsächlich eine Rosa da draußen. Eine, die „Mama“ zu der Frau sagte. In der Klinik allerdings ist Rosa nur ein Gespinst.

„Schneller als gedacht“

So viel wir über die aktuellen Ängste und Nöte der Protagonistin erfahren, so wenig über ihren familiären Hintergrund. Das liegt zumal daran, dass der Roman keine zweite Erzählebene hat, sondern es bei der Wahrnehmung der Anstaltsinsassin belässt. Ihre Sicht ist eingeschränkt, so dass der Weg in die Krankheit nur angedeutet wird. Einerseits mag man den Verzicht auf eine breitere Darstellung bedauern. Andererseits lässt er sich gut begründen: Hier wird nicht über die Patientin gesprochen, wie es in der Klinik üblich ist, sondern sie kommt selbst zu Wort.Vom Objekt zum Subjekt.

Das immerhin scheint gewiss zu sein: Die Frau wurde 1921 geboren, war Stenotypistin, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Einmal, im Jahre 1954, wird sie aus der Pflegeanstalt nach Hause entlassen. Aber dann folgt schon bald die abermalige Einlieferung, „schneller als gedacht.“

Kunstwerke aus der Psychiatrie

Mehr als 1000 Personen befinden sich in dieser Heil- und Pflegeanstalt. Einige von ihnen rücken in den Fokus der Erzählerin. So hören wir vom Maler Paul, der den Durchblick zu haben scheint, oder von der Textilkünstlerin Agnes, die hellwach ist in ihrer Zurückgezogenheit. Für einige Romanfiguren werden Anleihen bei realen Vorbildern gemacht. In diesem Falle sind es Eugen Gabritschevsky und Agnes Richter, die während ihrer Zeit in Pflegeanstalten künstlerisch tätig waren (wenngleich nicht – wie im Roman – am selben Ort). Ihre Werke wurden und werden öffentlich ausgestellt.

Eine Künstlerin ist auch die Ich-Erzählerin. Eine Meisterin des Wortes. Im leisen Ton und mit hohem Sprachbewusstsein schildert sie, was sie wahrnimmt im Innen und Außen ihrer Existenz. Da gibt es poetische Verdichtungen und schöne Sprachbilder – „den Tag zieht sie an einem Zipfel hinter sich her.“ Es stechen Wörter aus ganz privater Schöpfung heraus: Warmklang, Sprachschaukeln, Finsterland, Vokalwinken, Hirntheater. Und die Erzählerin horcht den Worten nach, justiert diese bei Bedarf und hat einen Hang zur Alliteration: „Ein Schnarren, Scharren, ein Schnalzen“.

Von der NS-Diktatur ins Nachkriegs-Deutschland

Simone Scharbert belässt es nicht bei einer individuellen Psychostudie. Vielmehr verbindet sie den Fall mit NS-Zeit und Nachkriegsgeschichte. Die Anstalt, die hier zum Schauplatz wird, war während der Hitler-Diktatur Teil des mörderischen „Euthanasie“-Programms. Die sogenannte T4-Aktion der Nazis, an die seit 2014 ein Gedenkort am Berliner Tiergarten erinnert, hinterließ auch hier ihre grausame Spur. Berüchtigt sind zumal die „Hungerhäuser“, in denen genau das geschah: man ließ Patientinnen und Patienten verhungern. Nicht wenige der Verantwortlichen, die Täter oder Zeugen waren, haben nach Kriegsende ihre Karriere am selben Ort fortgesetzt.

Darauf wird im Roman angespielt. Dort sagt Eugen, der Maler, über den nach Kriegsende amtierenden Klinikchef Anton von Braunmühl (1901 – 1957), dass er „nicht ganz so schlimm“ sei. Tatsächlich war von Braunmühl zur Nazi- und zur Nachkriegszeit in Eglfing-Haar in leitender Position tätig. Bei Wikipedia finden wir den Hinweis, dass nach diesem Mediziner im Jahre 1976 eine Straße in der Gemeinde Haar benannt worden ist. Dieser Schritt wurde 2019 revidiert, nachdem neue Forschungen aufgezeigt haben, dass Braunmühl „tiefer in die Verbrechen verstrickt war als bislang bekannt.“ Nun trägt die Straße den Namen des Münchner Neurologen Max Isserlin, der nach Hitlers Machtergreifung im Jahre 1933 ins Exil ging.

In einer Villa an der Tiergartenstraße 4 in Berlin befand sich in der NS-Zeit die „Zentraldienststelle T4“, die für die Ermordung von Patientinnen und Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten zuständig war. Daran erinnert ein Gedenkort, den Nikolaus Koliusis, Heinz W. Hallmann und Ursula Wilms entworfen haben. Die hellblaue Glaswand ist 30 Meter lang, auf der linken Seite sind die Informationstafeln zu sehen. Foto: Bücheratlas

„Konventionen der Wirtschaftswunderzeit“

Simone Scharbert fügt ihrem Roman ein Nachwort an. Dieses erhellt auch, warum sie ihren Roman zwischen 1951 und 1956 angesiedelt hat. In der Nachkriegszeit, schreibt sie, sei bei viel mehr Frauen als Männern die Diagnose Schizophrenie gestellt worden. Sie vermutet, dass sich manche Frauen „nicht in den Konventionen der Wirtschaftswunderzeit einfinden“ konnten und „immer wieder an der gesellschaftlichen Verortung“ scheiterten, an neuen und alten Rollenverständnissen. Und Simone Scharbert schreibt weiter: „Meine Oma, die ich nie kennenlerne, die ich in vielem nur vermuten kann, ist eine von ihnen.“

„Rosa in Grau“ ist ein einnehmendes Psychogramm von Mensch und Zeit. Es ist zweifellos eine besondere Herausforderung, aus der Sicht einer kranken Person zu schreiben. Dass diese Perspektive so überzeugend und kunstvoll eingenommen wird, ist beeindruckend. Wie schon in „du, alice“, der poetischen Biografie der Alice James (1848 – 1892), widmet sich Simone Scharbert einer Romanfigur, die durch Krankheit gefesselt wird. Die Beklemmung, die einen bei der Lektüre der „Heimsuchung“ zuweilen überkommt, ist nichts als ein literarischer Qualitätsnachweis.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir Simone Scharberts Roman „du, alice – eine anrufung“ HIER besprochen.

Gedichte und Collagen

von Simone Scharbert sind in diesem Jahr in der Lyrik-Edition Rheinland erschienen: „Wie es auch ist – Fund- und Flutstücke“ (32 Seiten, 5 Euro).

Lesung

von Simone Scharbert aus „Rosa in Grau“ am 11. 12. 2022 um 17 Uhr im Foyer der VHS Erftstadt (Eintritt frei). Weitere Lesungen folgen im kommenden Jahr: Am 9. und 10. 2. 2023 auf Burg Ranis in Thüringen und in der Villa Rosenthal in Jena, am 23. 2. 2023 in der Buchhandlung Karola Brockmann in Brühl und am 3. 3. 2023 im Café Waldmühle in Bissingen-Bietigheim.

Simone Scharbert: „Rosa in Grau – Eine Heimsuchung“, edition Azur, 184 Seiten, 22 Euro. E-Book: 10,99 Euro.

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