Vom Manuskript zum Buch: „Kalmann“-Autor Joachim B. Schmidt spricht an der Kölner Universität über Wege und Umwege

Joachim B. Schmidt antwortet in einem Zoom-Seminar auf die Fragen von Germanistik-Studierenden der Kölner Universität. Screenshot: Bücheratlas

Gammelhai und Raufarhöfn, „Forrest Gump und „cultural appropriation“ – das waren nur einige Eckpunkte des Seminars an der Kölner Universität, in dem Joachim B. Schmidt über Leben und Schreiben informierte. Im Jahre 1981 in Graubünden in der Schweiz geboren, lebt Schmidt schon seit einigen Jahren in Island. Vor wenigen Tagen wurde er für seinen Roman „Kalmann“, der im Diogenes Verlag erscheint, mit dem Crime Cologne Award 2021 ausgezeichnet. Zur Jury gehörte auch Professor Christof Hamann, der den Autor nun in sein Seminar am Institut für deutsche Sprache und Literatur (I) an der Universität Köln eingeladen hatte. Schmidt war zum Zoom-Gespräch aus Island zugeschaltet und gab bereitwillig Auskunft auf die vielen munteren Fragen der Studierenden. Einige Antworten fassen wir hier zusammen. Und was soll man sagen: Ein Hochschul-Seminar kann ganz schön ergiebig sein.

Der Urknall: „Da hat es mich gepackt“

Im Jahr 2004 hielt sich Joachim B. Schmidt ein Jahr lang in Island auf, um herauszufinden, ob er es dort aushalten könnte. Tatsächlich war das Land – wie nicht anders zu erwarten – im Winter sehr dunkel und abgeschieden. In dieser Zeit sei das Bedürfnis gewachsen, sagt er, seine Erfahrungen und Erlebnisse festzuhalten – „und plötzlich hatte ich ein Buch geschrieben.“ Zwar ist es nicht zu einer Veröffentlichung gekommen, weil das Manuskript, wie Schmidt meint, „ziemlich schlecht“ gewesen sei. „Aber da hat es mich gepackt!“

Der Aufbruch: „Absage um Absage eingesteckt“

Das erste Manuskript, das er veröffentlichen wollte, hat Schmidt sehr vielen Verlagen angeboten. Er habe gewusst, sagt er, dass dies nicht der richtige Weg sei, weil mittlerweile alles über Literaturagenturen laufe. Die knüpften die Kontakte zu den Verlagen. Trotzdem ist er den anderen Weg gegangen: Er habe bei den ganz großen Namen angefangen und „Absage um Absage eingesteckt, bis ich dann beim kleinsten Schweizer Verlag gelandet bin“. Das sei der Landverlag in Langnau gewesen, ein Eine-Frau-Betrieb. Dort sind nach dem Debüt „In Küstennähe“ auch noch die Romane „Am Tisch sitzt ein Soldat“ und „Moosflüstern“ veröffentlich worden.

Der Einspruch: Kalmann verdrängt die Kommissarin

Dann ging es ans nächste Werk. „Ich wollte einen Kriminalroman schreiben, aber die Figur des Kalmann hat mich immer wieder auf Abwege gebracht.“ Der „Dorfsheriff“ war zunächst eine Randfigur in der Geschichte. Doch gleich nach dem ersten Verhör, das er niedergeschrieben hatte, musste Schmidt feststellen, „dass er für mich viel interessanter ist als die Kommissarin“. Also habe er sich darauf eingelassen, mit Kalmann durch das abgeschiedene Dorf zu gehen. Gleichwohl: „Man kann den Roman immer noch als Kriminalroman anschauen.“  

Der Wechsel: „Sehr, sehr verliebt in das Buch“

Mit dem Roman „Kalmann“ hat Schmidt noch einmal einen Schritt zurück und damit nach vorn gemacht. „Mit dem Manuskript habe ich die Literaturagenten beworfen. So bin ich bei Diogenes gelandet. Die hatten von meinen vorangegangenen drei Büchern bis dahin noch nichts gehört. Insgesamt gab es fünf oder sechs Angebote von Verlagen, darunter große, namhafte deutsche Verlage. Die Vorschüsse waren teilweise auch höher.“ Doch da war ja noch diese Beobachtung: „Bei Diogenes stand man von Anfang an sehr hinter diesem Buch.“ Ihn habe überzeugt, sagt Schmidt, „dass die Lektorin sehr, sehr verliebt war in das Buch. Sie wollte nur wenig am Manuskript ändern, weil der Text so delikat sei.“

Das Lektorat: Denken und Sprechen

Tatsächlich habe bei der Arbeit am Manuskript Behutsamkeit vorgeherrscht. Da ging es im Kern nur noch darum, sagt Schmidt, ob die Hauptperson dieses oder jenes Wort kennen könne oder nicht. Kalmann sollte nicht zu clever und nicht zu schlicht klingen. Auch der Unterschied zwischen der „Denksprache“ und der „Sprechsprache“ der Figur wurde genau überprüft.  

Das Cover: Out of Lofoten

Der Titel sollte ursprünglich „Kalmann und Mauser“ heißen – das eine die Hauptfigur und das andere die Pistole. Aber bald bestand Einigkeit, es bei „Kalmann“ zu belassen. Nur beim Umschlagsmotiv musste der Autor Einspruch erheben. Da nämlich hatte man zunächst „ein Bild von den Lofoten draufgeknallt“. Die liegen vor der Küste Norwegens. Island aber ist etwas anderes. Nun ist auf dem Cover eine isländische Landschaft zu sehen. Allerdings nicht der Ort Raufarhöfn, wo Kalmann eines Tages eine Blutlache im Schnee entdeckt.

Der Tatort: „Da ist wirklich nichts“

Den Ort der Handlung gibt es wirklich. Raufarhöfn liegt im Nordosten Islands. Joachim B. Schmidt schildert mit einiger Begeisterung, dass er diese Ortschaft besucht habe, „wo nichts ist, die von allen guten Geistern verlassen ist“. Das sei der Gegenentwurf zum Postkarten-Klischee von Island. „Ich weiß, wie trostlos es da ist. Das ist wirklich unglaublich, da ist wirklich nichts.“

Das Feedback: Warten auf Raufarhöfn

Tatsächlich habe er das Dorf im Roman „etwas kleiner gemacht“ als es in Wirklichkeit ist, sagt Schmidt. Auch die Protagonisten entsprechen nicht den realen Vorbildern. (Dies nur am Rande: Schmidt hat seine Recherche-Reise nach Raufarhöfn in einem Blog-Tagebuch beschrieben. Darin heißt es: „Ich stelle mit ungutem Gefühl fest: Die kauzigen Bewohner dieses Kaffs wachsen mir ans Herz. Es wird schwierig werden, mich in meinem Werk von ihnen zu distanzieren.“) Schmidt mag, wie er jetzt im Germanistik-Seminar sagt, den echten Dorfdichter mit seiner Bibliothek: „Die wird einmal in der Woche für fünf Stunden geöffnet – und es kommt keiner hin.“ Die Bürgermeisterin habe ihn ebenfalls beeindruckt. „Dass das Buch keine genaue Beschreibung der Dorfgemeinschaft ist, wissen sie, denke ich. Aber gelesen haben sie es noch nicht.“ Jetzt liegt allerdings eine isländische Übersetzung vor. Joachim B. Schmidt ist gespannt, ob er aus Raufarhöfn ein Feedback erhalten wird. In diesem Zusammenhang erwähnt er einige „schlaflose Nächte“.

Die Anreger: „Forrest Gump“ und Markus Werner

„Ich mache Bücher wie Filme“, sagt Schmidt. „Das Bild ist mir sehr wichtig.“ Wer in „Kalmann“ Spuren von „Forrest Gump“ oder „Fargo“ zu entdecken meine, der liege nicht falsch. Gerade das Gespräch über das Alltägliche, das gar nicht zur Haupthandlung zu passen scheine, gefalle ihm in diesen Filmen. (Noch etwas am Rande: Wenn wir die Verlagsankündigung für Schmidts im Februar 2022 erscheinenden neuen Roman richtig lesen, dann spielen in „Tell“ filmische Einflüsse erneut eine erhebliche Rolle.) Und wie stets es um die Leseerfahrungen? „Markus Werner (1944-2016) hat mich als Jugendlichen in die Literatur reingezogen. Das ist mein Schweizer Vorbild.“ Mittlerweile ist Schmidt auch sehr vertraut mit den Autorinnen und Autoren seiner Wahlheimat. Da bleibt kaum ein Name ungenannt: „Ich mag die isländischen Autoren sehr.“

Die Erzählperspektive: Darf das der Autor?

Eine der Topfragen im aktuellen Kulturdiskurs zielt auf die „kulturelle Aneignung“. In diesem Fall geht es um den Ich-Erzähler, für den sich Schmidt entschieden hat. Die Hauptfigur Kalmann Odinsson ist offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Ob es das Down-Syndrom ist oder eine Form des Autismus – das wird im Buch offen gelassen. Dass der Ich-Erzähler eine Behinderung hat, steht allerdings fest. Darf sich also ein Autor anmaßen, so die Frage eines Studenten, eine solche Perspektive einzunehmen? Oder ist das ein Fall von „cultural appropriation“? Schmidt versichert: „Ich habe mir viele solche Gedanken gemacht.“ Er habe immer versucht, „den Kalmann ernst zu nehmen und zu respektieren“. Jedenfalls habe ihn bislang keine Reaktion erreicht, in der diese Erzählperspektive kritisiert worden sei.  „Manchmal wünschte ich mir, ich könnte dem Kalmann das Buch schicken und sagen: Schau mal, das ist es!“

Neue Heimat: Ein besonderer Geschmack

Und wie lebt es sich so in Island? „Meistens sehr gut. Manchmal habe ich meine Zweifel. Das hat meistens mit dem Wetter zu tun. Heute zum Beispiel gab es Schneeregen von allen Seiten und es war noch um zehn Uhr dunkel. Dann aber sehe ich in den Nachrichten, dass Schweizer und Deutsche die Impfung gegen Corona verweigern und sich anschreien. Da denke ich dann: Alles tipptopp hier in Island. Da steht man zusammen. Zwar ist Island eines der korruptesten Länder in Nordeuropa. Aber am Ende des Tages bin ich mit meiner Entscheidung zufrieden.“ Den Gammelhai, eine kulinarische Spezialität Islands, mögen seine Kinder durchaus. Seine Partnerin ebenso. Und auch Joachim B. Schmidt hat sich mittlerweile an den sehr besonderen Geschmack gewöhnt.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich eine Besprechung von Joachim B. Schmidts Roman „Kalmann“ – HIER. Auch gibt es einen Beitrag zum Crime Cologne Award, den Schmidt soeben für „Kalmann“ erhalten hat – und zwar HIER.

Christof Hamann, 1966 in Überlingen geboren, ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Kölner Universität. Er gehörte der Jury zum diesjährigen Crime Cologne Preis an, gemeinsam mit dem Buchhändler Mike Altwicker (Vorsitz), der Journalistin Petra Pluwatsch (ja, hier vom Bücheratlas), der Journalistin Birgitt Schippers sowie der Literaturkritikerin und Autorin Margarete von Schwarzkopf.

Wer sich die Longlist zum diesjährigen Wettbewerb um den Preis der Crime Cologne ansehen will, auf der sich gewiss einige Lesetipps finden lassen, der gelangt von HIER dorthin.

Joachim B. Schmidt: „Kalmann“, Diogenes, 352 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro. 

Ein Gedanke zu “Vom Manuskript zum Buch: „Kalmann“-Autor Joachim B. Schmidt spricht an der Kölner Universität über Wege und Umwege

  1. Das korrupteste Land
    in Europa
    ist wohl
    die Schweiz selbst

    Isländer brauchen
    keine Bücher

    die Natur dort draussen
    und die im Innern
    sprechen dem Menschen
    auf der Insel Bände

    dazu hat jede Frau
    jedes Kind
    jeder Erwachsene
    tagtäglich etwas
    zu erzählen

    was jemandem
    vom Festland
    nie zu ergründen
    sein wird

    den Menschen
    in Island
    in seinem Dasein
    in seiner Bindung
    an die isländische Kultur
    nicht wirklich
    je verstehen kann

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