Dorf-Sheriff Kalli ist ein Philosoph wie Forrest Gump: Joachim B. Schmidts wunderbar anrührender Island-Roman „Kalmann“

Foto: Bücheratlas

Kalmann ist der Sheriff von Raufarhöfn hoch oben im Nordosten von Island. Wir können ihn uns klein und ein wenig untersetzt vorstellen. Auf dem Kopf trägt er einen Cowboyhut, an seiner Jacke steckt ein Sheriffstern. Und die Mauser, die einst seinem amerikanischen Großvater gehörte, ist geladen. Auch wenn jeder im Ort glaubt, dass es sich dabei um eine Spielzeugpistole handelt. „Peng“, sagt Kalmann, wenn er auf etwas zielt, aber nicht abdrückt. Und alle lachen über Kalli, den „Dorfdeppen“, der mit Stühlen wirft und sich in die Hand beißt, wenn ihn jemand so nennt: einen Depp.

„Er ist etwas ganz Besonderes“

Denn Kalmann, der Titelheld des gleichnamigen Romans von Joachim B. Schmidt, ist zwar anders als andere Menschen. Ein Depp ist er nicht. Das hat schon sein isländischer Großvater immer gesagt, bevor der ins Heim musste und jetzt manchmal nicht mehr weiß, wie sein Enkel heißt: „Kalmann ist etwas ganz Besonderes.“

Joachim B. Schmidt, in der Schweiz geboren und seit einigen Jahren in Island zu Hause, hat seinem liebenswerten Protagonisten ein ebenso besonderes Buch gewidmet. Das allenfalls einen Fehler hat: Es ist nach nur 352 Seiten zu Ende. Dabei möchte man doch immer weiterlesen. Möchte erfahren, wie es weitergeht mit Kalmann und seinem Wunsch, endlich eine Frau zu finden. Mit dem Großvater, der nur dann einen lichten Moment hat, wenn er ein Stück Gammelhai riecht. Mit dem Städtchen Raufarhöfn, das gerade vor die Wand fährt, weil das Meer leergefischt ist und ohnehin niemand mehr im Ort eine Lizenz zum Fischen hat.

Wie kommt die Hand in den Bauch des Haifischs?

Die wunderbare Geschichte des Kalmann Óðinsson beginnt an einem kalten Frühlingstag gleich hinter Raufarhöfn. Dort entdeckt er bei einem seiner Streifzüge durch das Hinterland im Schnee eine große, noch warme Blutlache. „Ich dachte an Großvater, während ich zuschaute, wie das Blut die Schneeflocken aufsog, bis die rote Stelle unterm Neuschnee verblasste.“ Das Blut gehört, wie sich schnell herausstellt, Robert McKenzie, dem König von Raufarhöfn.

Der reichste Mann der Stadt ist spurlos verschwunden. Lediglich eine Hand von ihm findet sich Tage später im Bauch eines Hais, den ausgerechnet Kalmann, der zweitbeste Gammelhai-Produzent von ganz Island, gefangen hat. Kein Wunder also, dass er ins Zentrum der Ermittlungen um den Tod McKenzies gerät. Alle verrückt, so lautet sein Urteil, als im Ort die Hölle losbricht.

Ein Schlag ins eigene Gesicht

Joachim B. Schmidt erzählt all das aus der Sicht Kalmanns, der sich schnell als Philosoph im Sinne eines Forrest Gump entpuppt. Mit Gelassenheit registriert er die Aufregung um sich herum und kommentiert die Vorgänge im Ort und seine eigene Befindlichkeit mit der ihm eigenen Logik. In der Welt des Kalmann Óðinsson haut man sich schon mal selber ins Gesicht, wenn man überfordert ist von den Turbulenzen dieser Welt. Man boxt Löcher in die Wand und zerdeppert Tassen und Stühle, denn das beruhigt. Alles ganz normal, „also kein Grund zur Sorge“. 

Behutsam entführt Schmidt seine Leserschaft in die Welt eines Menschen, dessen Kopf und Herz anders ticken als beim Gros seiner Mitmenschen, der dabei jedoch von einer seltenen Klarsicht und Lebensklugheit ist. Wenn es einen Preis gäbe für das anrührendste Buch der vergangenen Monate – Joachim B. Schmidt und Kalmann Óðinsson hätten ihn verdient.

Petra Pluwatsch

Joachim B. Schmidt: „Kalmann“, Diogenes, 352 Seiten, 22 Euro. E-Book 18,99 Euro. 

5 Gedanken zu “Dorf-Sheriff Kalli ist ein Philosoph wie Forrest Gump: Joachim B. Schmidts wunderbar anrührender Island-Roman „Kalmann“

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