Hausbesuch bei Nina George in der Bretagne

 

Bretagne 4 (2)

Bretonische Szenerie   Fotos: Bücheratlas

„Da drüben liegt mein Sehnsuchtsort.“ Nina George weist über das Meer: ein paar Häuser aus grauem Stein. Ein  winziger Hafen. Eine Katze, die sich in der Sonne räkelt. Langsam gleiten wir mit dem Boot  am Ufer entlang.  Kerdruc  heißt der  Weiler  an der Mündung der   Avène, in den sich Nina George vor  zwölf  Jahren  spontan verliebte.  „Wir hatten uns verfahren und sind durch Zufall an der Hafenmole  gelandet. Als wir ausstiegen, musste  ich weinen, weil dieser Ort so  schön war. Der Duft  des  nahen Waldes. Das Glucksen des Wassers.“ Noch heute gerät die 44-Jährige ins Schwärmen, wenn sie an ihre erste Begegnung mit ihrem Sehnsuchtsort denkt.

Inzwischen lebt Nina George, Journalistin, Publizistin und Bestsellerautorin, zusammen mit ihrem Ehemann Jens J. Kramer viele Monate im Jahr in der Bretagne:  In einem weißen  Haus mit drei Gauben und einem Garten, in dem sich die Katzen der Nachbarn tummeln.   Von   ihrem  Arbeitszimmer  mit dem gemütlichen Sofa, den Steinen und Muscheln und  dem Elefanten mitten auf dem Schreibtisch  blickt sie  hinaus auf den Atlantik. Nach Kerdruc  sind es zu Fuß  kaum  neun  Kilometer.

Glück habe sie bislang gehabt im Leben, sagt Nina George. Trotz einiger  Tiefschläge, wie sie wohl jeder Mensch kenne. Wir sitzen inzwischen auf einer sonnigen Terrasse am Meer.  Nina George hat die  auffällige  rote Brille, die für einen klaren Blick in die Welt sorgt, ins Haar geschoben. Die Augen sehen ein wenig müde aus. Vor wenigen Wochen hat sie ihren  Roman „Die Schönheit der Nacht“ beendet (Knaur, 256 Seiten, 18,99 Euro).  Ein wenig bange sei ihr schon vor der Reaktion der Leserinnen und Leser, sagt sie. „So wie jedes Mal beim  Start eines neuen Buches.“ Noch immer stecke ihr eine bitterböse Kritik von Dennis Scheck in den Knochen, der ihren Erfolgsroman „Das Lavendelzimmer“ als „Schmachtfetzen“ und „albern und  klischeebeladen“  abtat.  Das kränkt bis heute – und bestärkt Nina George darin, möglichst keine Kritiken  zu lesen, egal, ob sie positiv oder negativ sind.

„Das Lavendelzimmer“, die Geschichte des  traurigen Buchhändlers  Jean Perdu,  der aus Liebeskummer zu leben vergisst, machte Nina George 2013 weltweit als Autorin frauenbewegter Liebesromane bekannt. Das Buch schoss auf Anhieb auf Platz vier der „Spiegel“-Bestsellerliste und rockte selbst die Charts der „New York Times“. Inzwischen ist es in 36 Länder verkauft und hat Nina George zu einer wohlhabenden Frau gemacht.

Der Roman sei in einer „Phase tiefen persönlichen Kummers“ entstanden, erzählt die Autorin. Ihr Vater war  gestorben, sie selber litt an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls, von dem noch heute „ein Stück Titan“  im Nackenbereich zeugt. „Ich war  damals voller Angst. Schmerz und Trauer. Es gab keinen Grund mehr zu lachen.“ Das Schreiben half zumindest gegen den Seelenschmerz.  „Ich hatte dieses Buch mit niemandem abgesprochen und einfach angefangen.  Was sollte schon groß passieren? Das Schlimmste, was  einem Menschen zustoßen kann, war mir ja schon  passiert.“

2016 folgte „Das Traumbuch“. Auch der bereits 2010  erschienene Roman   „Die Mondspielerin“ wurde ein kommerzieller Erfolg und verkauft sich in 15 Ländern. Im Zentrum von  Nina Georges Romanen stehen Menschen auf der Suche nach sich selbst  – Männer wie  Jean  Perdu, dessen Leben von der Vergangenheit bestimmt wird. Frauen wie die 60-jährige Marianne in „Die Mondspielerin“, die  ihrem  drögen Hausfrauen-Dasein mit einem beherzten Sprung in die Seine ein Ende setzen will und in der Bretagne wieder zu leben lernt.   „Wie finden wir unseren Platz im Leben“ und  „wie sind wir die geworden, die wir  sind“ – das seien die  Fragen, die  sie beschäftigten, sagt Nina George. Wobei  ihre Sympathie in der Regel  ihren Protagonistinnen gilt. „Frauen haben unendlich mehr Schichten als  Männer und verschweigen und verbergen die Dinge besser.“

Der Erfolg, gibt Nina George zu, sei überraschend gekommen und habe sie und auch Ehemann Jens überrollt. Bislang war die gebürtige Bielefelderin vor allem als Autorin  von Krimis  und „erzählenden Sachbüchern“ bekannt, die sie unter dem Pseudonym Anne West veröffentlichte.  Dazu zählten Titel wie „Sag Luder zu mir“ und „Handbuch für Sexgöttinnen“  – Bücher, die Frauen Mut machen sollen, zu ihren eigenen Wünschen und Begierden zu stehen.

Mit 21 habe sie sich das erste Mal ihren Frust  „über die  Klischees, denen Männer und Frauen ausgesetzt sind“, von der Seele geschrieben, sagt Nina George. Vier Jahre später erschien das  erste Buch von „Anne West“:  „Gute Mädchen tun’s im Bett – böse überall“. Ihr  „erstes kleines feministisches Manifest“ nennt die Autorin das Werk heute mit einem kleinen Augenzwinkern.

Damals arbeitete sie noch  für das Männerjournal „Penthouse“. Hinter ihr lagen ein Schulabbruch nach der zwölften Klasse, eine abgeschlossene Ausbildung in der Gastronomie und der Abschied von einem alten Traum. „Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden, aber keine Schule hat mich genommen“, erzählt Nina George. Der einen sei sie „als Persönlichkeit bereits zu fertig gewesen“. Eine andere  habe  bei ihr nach dem Vorsprechen ein  psychisches Problem diagnostiziert. „Die sagten, das höre man meiner Stimme an. Dieter Bohlen ist nichts gegen das, was ich mir  damals sagen lassen musste.“

2005 lernt sie ihren zukünftigen Ehemann kennen: Jens J. Kramer, 16 Jahre älter als sie,  Schriftsteller auch er. Drei  Monate später sind sie verheiratet. Eine gemeinsame Wohnung beziehen sie erst acht Jahre später – zwei Freiheitsliebende, die das Alleinsein brauchen, um sie selbst sein zu können.  „Wir hatten unsere festen Tage. Dienstag, Freitag und Samstag waren wir zusammen, die restliche Zeit hat jeder in seiner Wohnung gesessen und geschrieben.“ Heute leben sie abwechselnd in Frankreich und Berlin, mal gemeinsam, mal für mehrere Wochen getrennt. „Diese Erholungsphasen sind wichtig“, sagt Nina George. „Alleinsein zu wollen  hat ja nichts mit der Abwesenheit von Liebe zu tun, ganz im Gegenteil.“

Und: Es schließt  eine berufliche Zusammenarbeit nicht aus. Zwei Jahre nach ihrem Kennenlernen, sagt Nina George, habe sie mit dem Partner einen Pakt geschlossen. „Wir wollten wieder mehr Romane schreiben.“ Jens J. Kramer hatte  im Jahr  2000 seinen ersten und bis  dahin einzigen Roman  veröffentlicht („Die Stadt unter den Steinen“). „Ich selber  hatte mich etwas verlaufen mit meiner journalistischen Arbeit und den Sachbüchern“, erinnert sich Nina George.

Der Kreativpakt trug schnell Früchte.  2010  erschien „Die Mondspielerin“.  Kramer veröffentlichte zwischen 2007 und 2010 zwei historische  Romane („Das Delta“, „Der zerrissene  Schleier“).  Inzwischen schreibt das Ehepaar unter dem Pseudonym Jean Bagnol Kriminalromane, die in Südfrankreich spielen.  Im  vergangenen Jahr ist der dritte Band der Reihe erschienen: „Commissaire Mazan und die Spur des Korsen“.

Und jetzt also „Die Schönheit der Nacht“, die  Geschichte von Claire, der coolen Biologieprofessorin  aus Paris, die während eines Bretagne-Urlaubs mit ihrem bisherigen Leben bricht und kurzfristig eine Beziehung mit der Freundin ihres Sohnes  beginnt.  Was dem Roman übrigens schnell  Platz eins auf der Amazon-Bestsellerliste „Erotikratgeber für Lesben“ eingebracht hat.

 Im Zentrum des Romans stehe die Frage: „Bin ich die Frau geworden, die ich hätte sein können“, sagt Nina George. Eine Frage, die sie auch sich selber schon oft gestellt habe.   „Als ich jünger war, habe ich oft mit mir gehadert, weil ich nicht so war, wie ich sein wollte: Eine Frau, die weiß, was sie will und entsprechend  handelt.“ Das sei  heute  anders. „Immer, wenn ich zögere, das zu tun, was ich tun möchte, überprüfe ich mich selber und sage: »Na, hast du wieder Angst?«.“ Nina George blickt hinaus aufs Meer.  45 wird sie in diesem Jahr. Ein Alter, in dem ihr zunehmend „wurscht“ sei, ob sie jemand zu dick oder zu dünn findet. „Diese innere Freiheit genieße ich sehr. Ich glaube, ich bin zumindest auf dem Weg, die zu  werden, die ich einmal sein könnte.

Petra Pluwatsch

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Nina George: „Die Schönheit der Nacht“, Knaur, 256 Seiten, 18,99 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

http://www.ksta.de

 

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