Heiner Müller zählt Neonröhren, die Duras verlangt hohe Miete: Verleger Rudolf Rach legt zweiten Band seiner Autobiographie vor

Der Theaterverlag L’Arche Editeur befindet sich in Paris in der Rue Bonaparte 86. Davon haben wir gerade kein Bild zur Hand. Daher entscheiden wir uns für die Rue Bonaparte 42. Hier lebte einige Jahre lang Jean-Paul Sartre – der war ja nicht nur Philosoph, sondern auch vom Theaterfach. Foto: Bücheratlas

Ein Glücksspiel – das war für Rudolf Rach der Kauf des Verlags L’Arche Editeur in Paris. Das Risiko zu scheitern, war nicht gering. Abgesehen von den gewöhnlichen Herausforderungen, einen Theaterverlag rentabel zu halten, kam in diesem Falle hinzu, dass der neue Verleger ein Deutscher war und mit der französischen Sprache zunächst fremdelte. Wie Rudolf Rach dieses Glücksspiel dann doch zu seinen Gunsten entschieden hat, schildert er im zweiten Teil seiner Autobiographie. Handelte „Alles war möglich“, der erste Band ( HIER geht es zur Besprechung), von der Geburt in Köln im Jahre 1939 bis zur Trennung vom Suhrkamp Verlag im Jahre 1986, so steht nun „gleich nebenan“ ganz im Zeichen der Pariser Jahre.

Der Autor bleibt sich treu. Auch diesmal geht er forsch ans Werk, erlaubt sich keine Zeit für Sentimentalitäten oder stilistische Feinheiten, sondern schleudert heraus, was ihm der Schilderung wert erscheint. Nicht wenig Raum gewährt er den eher bürokratischen Problemen, also die Finanzen zu ordnen, sich mit der Autorengesellschaft SACD auseinanderzusetzen und Rechtefragen (Brecht-Erben!) zu klären. Auch gibt es allerlei Anmerkungen zur französischen Hauptstadt: „Das Komplizierteste in Paris sind die Buslinien.“

Pina Bausch als Mater Dolorosa

Rach punktet abermals mit seinen Beobachtungen von Zeitgenossen. So trifft er zu Beginn des zweiten Bandes Marguerite Duras. Allerdings ging es dabei nicht um das Werk, sondern um die Wohnung, die sie zu vermieten hatte. Doch leider – die Duras („Große dunkle Augen, die einen durchdringend anblickten.“) forderte eine Miete, die nichts ins Budget des Neu-Parisers passte. Ja, die größte Herausforderung in Paris waren wohl doch nicht die Buslinien, sondern die Suche nach einer angemessenen Wohnung. Immer wieder. 

Rach nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch nicht bei Pina Bausch, mit der er lange zusammengearbeitet hat: „Je berühmter sie wurde, umso weniger ertrug sie, dass jemand ihre Meinungen nicht teilte.“ Bausch habe es nicht fertiggebracht, schreibt er, ihren Erfolg zu genießen: „Das Leiden stand ihr im Gesicht und im Laufe der Jahre wurde sie zur Mater Dolorosa.“  Mit Heiner Müller ging er nach dem Mauerfall einmal durch Köln. Am Hotel angekommen, sagte Müller, der sehr schweigsam war, zum Abschied: „drei“. Was er damit meinte? „In Ostberlin zähle ich die Neonröhren, die brennen, hier die kaputten.“ Wir wollen jetzt nicht alle Promi-Stellen aufführen, nicht den Wodka mit Jon Fosse und den Morgenmantel von Patrick Modiano, sondern nur noch diese: Peter Handke „hat ein fabelhaftes Talent, die Leute in Rage zu bringen.“

Plötzlich rutscht Corona ins Manuskript

Ein Kuriosum des Bandes ist das 89. Kapitel von insgesamt 113 Kapiteln. Da geht es plötzlich um eine Abendessen bei Freunden, wo man am Bildschirm der  ersten Corona-Ansprache des französischen Staatsprädienten lauscht. Nach ein paar Einschätzungen und Abschweifungen geht es dann aber wieder aus dem Jahr 2020 zurück und weiter mit dem Jahr 1998. Das liest sich so, als wäre dem Autobiografen versehentlich die Gegenwart in sein Manuskript gerutscht.

Noch eine Kuriosität: Rach schildert, wie die Verlags-Lektorin Caroline Boidé einen Schlüsselroman über ihre einstige Beziehung zum Verlags-Autor Fabrice Melquiot verfasst hat. Darin integrierte sie die Briefe des Dramatikers, ohne dessen Zustimmung eingeholt zu haben. Parbleu! Rach selbst hat aus dieser für ihn als Verleger aufreibenden Episode seinen ersten Roman gemacht, der 2010 bei Weissbooks erschienen ist: „Ein französische Geschichte“. Weissbooks-Verleger Rainer Weiss, ehedem Programmgeschäftsführer bei Suhrkamp, ist nun der Lektor der zweibändigen Autobiografie, die im Verlag der Kölner Buchhandlung Bittner erscheint.

„Teil eines besonderen Volkes“

„Wir wollten“, heißt es am Anfang, „uns bis zur Ununterscheidbarkeit einfügen. Wir wollten so werden wie Franzosen, ohne zu ahnen, was das bedeutete.“ Immerhin – Rach gewöhnte sich daran, dass Pünktlichkeit nicht zwingend geboten war. Ansonsten stellt er rückblickend fest, dass er sich nie als Franzose hätte fühlen können. Die Prägung durch die Herkunft sei zu stark. Und dann sei in Frankreich kein Tag vergangen, an dem ihm nicht seine deutsche Herkunft auf die Nase gedrückt worden wäre.

So war das Kriegskind Rudolf Rach noch im fortgeschrittenen Alter in die Nazi-Verbrechen „verwickelt“, wie er schreibt: „War Teil eines besonderen Volkes, das sich zu einmaligen Taten bekannte und in das Gedächtnis der Welt eingegraben hatte.“

Martin Oehlen

Eine Besprechung des ersten Bandes der Autobiographie, „Alles war möglich“, findet sich HIER .

Im Literaturhaus Köln stellt Rudolf Rach am 10. November 2020 den zweiten Band im Gespräch mit Rainer Weiss vor. Die Veranstaltung ist ausverkauft.

Rudolf Rach: „gleich nebenan – Pariser Jahre 86 bis 20“, Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner, 294 Seiten, 22 Euro.

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