Lesende Frauen in der Geschichte: Monika Hinterberger beschreibt die Folgen und findet „Eine Spur von Glück“

Bücher sind eine gute Stütze – in jeder Hinsicht. Die Frauenskulptur schmückt einen Sarkophag aus dem 19. Jahrhundert, der in Pisa zu besichtigen ist. Auf die Motive aus dem Band von Monika Hinterberger haben wir aufgrund der Bildrechtelage verzichtet. Foto: Bücheratlas

„Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt“, notierte die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach Ende des 19. Jahrhunderts. Dem stimmt Monika Hinterberger, die sich bereits mehrfach mit der Geschichte der Frauen befasst hat, entschieden zu. In ihrem Buch „Eine Spur von Glück“ schreibt sie: „Lesen zu können, schuf Frauen Voraussetzungen, selbstbestimmt zu handeln.“

Ausgangspunkte für Hinterbergers Betrachtungen sind Bilder, auf denen Frauen bei der Lektüre festgehalten sind. Das geht quer durch die Zeiten – von der griechischen Vase aus der Antike bis zum Ölgemälde aus dem Jahre 1861. In zehn Kapiteln wird ein engagierter Überblick zur Frauengeschichte geboten. Schade nur, dass die Autorin ihre Zeit- und Bildungsreise nicht fortgeführt hat bis ins 20. und 21. Jahrhundert. Hier die Stationen im Schnelldurchlauf.

Den Weg mit Blumen säumen

1.

Los geht es mit einer Athenerin, die auf einer vorchristlichen Vase eine Buchrolle in den Händen hält. Viele Fragen bleiben notgedrungen unbeantwortet. Wer ist diese Frau, was liest sie, war sie Lehrerin, bereitete sie ein Frauenfest vor? Mit der Lust zur Spekulation tritt Hinterberger dort vor, wo gesicherte Antworten nicht zu finden sind: „Ich lese die Vasenbilder (…) als Wertschätzung weiblicher Lebenswelten.“

2.

Auch beim Fresko „Colloqiuo di donne“ aus Pompeji ist vieles ungewiss. Da Hinterberger vermutet, die Damen unterhalten sich über ihre Lektüre, nimmt sie dies zum Anlass, nach Schriftstellerinnen der römischen Antike zu suchen. Über die Autorin Sulpicia erfahren wir, dass sie mit ihren Liebeselegien „ein Zeugnis weiblichen Selbstverständnisses“  hinterlassen habe. Sulpicia habe „gesellschaftliche Normvorstellungen ihrer Zeit und insbesondere die Rollenerwartungen an eine Frau“ zurückgewiesen und „den Wunsch nach freier Selbstgestaltung ihres Lebens und ihrer Liebe“ formuliert.

3.

Die Benediktinerinnen auf einem Steinfries aus dem Kloster Werden führen uns ins Mittelalter. Hier ergibt sich die Gelegenheit, über die Rolle der Frau in der alles dominierenden Kirche zu sprechen. Zwar seien Frauen vom Klerus stetig zurückgedrängt worden, heißt es, doch sei die Kirche nicht ohne „die Stimmen der Frauen“ ausgekommen. Ihr spiritueller Einfluss sei elementar gewesen.

4.

Fromm geht es weiter mit dem hochmittelalterlichen Altarbild der Heiligen Anna, die ihrer Tochter Maria das Lesen beibringt. Ein Werk voller „Anmut und Würde“ ist dies für Monika Hinterberger, und „Sinnbild einer weiblichen Bildungstradition“.

5.

Dass Annas Lesekurs gefruchtet hat, belegt das nächste Kapitel, das sich um Stefan Lochners Altar der Kölner Stadtpatrone rankt. Auf dessen Außenseite ist die lesende Maria zu sehen, die gerade Besuch vom Verkündigungsengel erhält. Hier blickt Hinterberger auf die real existierenden Geschlechterverhältnisse in einer großen Stadt. Köln sei „vom Wirken irdischer Frauen geprägt“ gewesen, schreibt sie, und verweist auf die Frauenzünfte, auf Garn- und Seidenmacherinnen. Eine Botschafterin der Frauen

6.

Einen weiteren Auftritt erhält die Heilige Maria in Christine de Pizans „Livre de la cité des Dames“ von 1405. In dieser Stadt der Frauen ist sie die Königin. Christine de Pizan selbst ist für Hinterberger eine „Botschafterin der Frauen“, die sich eingesetzt habe für Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.

7.

Aus dem 16. Jahrhundert stammt Sofonisha Anguissolas Kreidezeichnung „Eine alte Frau lernt das Alphabet“. Dort bemerkt Hinterberger zu ihrer großen Überraschung, wie sie einräumt, dass die Künstlerin aus Cremona der Frau auf ihrer Zeichnung eine Brille auf die Nase gesetzt habe. Ja, so fortschrittlich war die Renaissance (was auch nachzulesen ist – Achtung: Teaser! – in dem furiosen Band „Die Welt der Renaissance“ aus dem Verlag Galiani Berlin, auf den wir demnächst eingehen werden).

8.

Weiter, immer weiter geht es zu der lesenden Frau, die Pieter Jannssens Elinga im 17. Jahrhundert in einer niederländischen Wohnstube entdeckt hat. Hinterberger hat ihrerseits herausgefunden, dass die Frau in einen Ritterroman versunken ist. Ob diese Lektüre im calvinistischen Umfeld als Tugend oder Laster angesehen wurde, ist für sie nicht ausgemacht.

9.

Maurice Quentin de La Tour hat dann im 18. Jahrhundert „Mademoiselle Ferrand meditiert über Newton“ gemalt. Hinterberger verweilt auch hier nicht nur bei dieser Philosophin und Naturwissenschaftlerin, sondern schweift umher und stößt auf Emilie du Châtelet. In deren „Rede vom Glück“ heißt es selbstbewusst und frohgemut: „Entscheiden wir uns für den Weg, den wir für unser Leben einschlagen wollen, und versuchen wir, ihn mit Blumen zu säumen.“

10.

Schließlich ist die Schlusskurve mit Henri Fantin-Latours „Die Lesende“ erreicht. „Es waren ungemein frauenbewegte Jahre“ sagt Hinterberger über das 19. Jahrhundert, in dem dieses Gemälde entstanden ist.

Ungemein frauenbewegt ist auch diese Tour des Femmes. Es ist keine umfassende Untersuchung, sondern eine sehr persönliche Reise, die aufschlussreiche Schlaglichter auf die Geschichte der Frauen in Kunst und Welt wirft. Wer liest, liest das gerne.

Martin Oehlen

Monika Hinterberger: „Eine Spur von Glück – Lesende Fauen in der Geschichte“, Wallstein, 256 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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