Kroetz wütet, Bernhard schikaniert: Rudolf Rach über seine Theater-Zeit bei Suhrkamp

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Foto: Bücheratlas

Rudolf Rach hatte sich die erste Begegnung ganz anders vorgestellt. Als der Leiter des Suhrkamp-Theaterverlags dem jungen Dramatiker Franz-Xaver Kroetz in München einen Vertragsentwurf vorlegte, polterte der Bayer los: „Ausbeuter seids, ranzige Ausbeuter.“ Der Furor war umso erstaunlicher, da Kroetz zu dem Zeitpunkt noch nichts veröffentlicht hatte und auch noch keines seiner Werke aufgeführt worden war. Rach stellt nun im ersten Teil seiner Autobiografie „Alles war möglich“ fest: „Der Mann saß auf einem hohen Ross.“ Aber Kroetz war nicht der einzige Autor, der die Verlagsarbeit zu erschweren verstand.

Rudolf Rach, 1939 in Köln geboren und viele Jahre lang in Frankfurt zuständig für den Theaterverlag, erzählt hier von Kindheit und Jugend und Ehe-Turbulenzen. Von der Theaterwissenschaft an der Kölner Universität, wo seine Habilitationsschrift zweimal abgelehnt wurde, und von seinen Theatererfahrungen in Münster und Essen. All das ist keineswegs belanglos, ja, gesellschaftlicher Muff und Aufbruch werden vielfach spürbar. Gleichwohl wendet sich der Leser doch mit vorzüglichem Interesse den Anekdoten um die Größen der Kunst zu.

„Sie müssen zu Walser fahren“

Die Tür dorthin stieß Jürgen Becker auf, selbst ein Kölner wie Rach. Der Schriftsteller rief 1971 eines Abends an und sagte, er sei gerade beim Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der einen neuen Leiter für seinen Theaterverlag suche. Daraufhin reichte Becker den Hörer weiter. Da hatten Unseld und Rach noch nie zuvor ein Wort gewechselt. So können Karrieren beginnen. Schon beim ersten Treffen im Edelhotel „Frankfurter Hof“ machte Unseld alles klar. Auch die Dienstreise, die am vordringlichsten war: „Sie müssen zu Walser fahren.“

Unselds Eile war wohl begründet. Denn Karlheinz Braun, der bisherige Leiter des Theaterverlags, hatte gemeinsam mit einigen Kollegen den Aufstand der Lektoren gewagt und den Verlag verlassen. Da ging es, beflügelt von der 68er-Bewegung, um Gewinnbeteiligung und Mitbestimmung. Als Braun auch noch den Verlag der Autoren gründete, der sich auf Theaterstücke kaprizierte (Drehbücher und Hörspiele kamen später hinzu), war das eine Kampfansage. Rachs Position ist eindeutig: Wenn die Demokratisierung dazu führe, dass die Mitarbeiter über das Geld der Eigentümer entscheiden, werde es schwierig. Und kann man über Kunst abstimmen? „Ja, man kann es; dann wird zur Kunst erklärt, was der Mehrheit gefällt.“ Ein spannendes Kapitel.

Mit Franz-Xaver Kroetz konnte Rach am Ende, nach viel Wodka und Bier, doch noch einen Vertrag abschließen. Schwieriger, wohl auch tückischer verhielt sich Thomas Bernhard. „Er kannte sich in Demütigungen aus.“ schreibt Rach. „Die einen gegen die anderen auszuspielen, das war sein Schönstes.“ Peter Weiss war umgänglicher – aber auch er „eine komplexe, widersprüchliche Person.“ Max Frisch „war Architekt und trimmte seine Gedanken wie seine Zeichnungen auf Genauigkeit.“ Der große Schauspieler Bernhard Minetti „biederte sich an, wenn es ihm nützlich schien, und war unausstehlich, wenn er es sich erlauben konnte.“ Als Rach zum ersten Mal auf Rainer Werner Fassbinder trifft, ist der für ihn „ein finsterer, vor sich hin schweigender Mann“ – später freilich erkennt er, dass dieser RWF „ein Genie“ gewesen ist. Und Walter Bockmayer, die Kölner Theaterkultfigur aus der „Filmdose“, wirkte auf ihn „sympathisch“ und „hellwach“. Dann noch Pina Bausch: „So wie sie sich für ihr Werk opferte, hatten die anderen sich für sie zu opfern.“

„Siegfried Unseld wankte nicht“

Und immer wieder Siegfried Unseld. Der Respekt ist nicht zu überlesen: „Wenn es schwierig wurde, stand er und wankte nicht.“ Rach beschreibt hier eine Männerwelt der alten Ordnung. Sobald er dabei auf Frauen zu sprechen kommt, klingt dies nicht immer, aber auch nicht selten („gut gewachsen“, „kurvig“) wie aus der Zeit gefallen.

Rachs Stil ist knapp und schnörkellos. Immerzu wirkt es so, als wolle er schnell voranschreiten. Auch die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg werden ohne Umschweife auf den Punkt gebracht. Dabei prägt ihn diese Erfahrung, die er als kleiner Junge machte, ein Leben lang: „Bis heute kann ich Feuerwerken nicht viel abgewinnen und mag keine Toaster, in denen Brot anbrennt.“ Noch in den 50er Jahren, so schreibt er, hätten die Straßen der Kölner Innenstadt „nach den Brandnächten gestunken“.

„Es ist eine Liebhaberei“

Rachs Erinnerungen, die mit der Trennung von Suhrkamp im Jahre 1986 und der Übernahme des Pariser Verlags L’Arche abbrechen, erscheinen im Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner. Den gibt es nun schon seit 1986. „Es ist eine Liebhaberei“, sagt der Buchhändler, die perfekt zum Kerngeschäft passe. Es sind Bücher mit dem Touch des Besonderen. Dafür stehen auch Kooperationspartner wie die Universität zu Köln mit ihrem TransLit-Programm, die Thyssen-Stiftung mit ihren Europa-Lectures und die Stadtbibliothek Köln mit der exquisiten Reihe zur „Literatur in Köln“, in der zuletzt Gabriele Ewenz einen Band über „Heinrich Böll und die Bildende Kunst“ veröffentlicht hat. Ja, eine Liebhaberei ist das Ganze.

Aber gerade überlegt Klaus Bittner, ob er seinen Verlag nicht auf der nächsten Frankfurter Buchmesse platzieren sollte. Dann läge wohl auch schon der zweite Band der Erinnerungen von Rudolf Rach vor.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Rudolf Rach: „Alles war möglich – 39 bis 86“, Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner, 294 Seiten, 22 Euro.

 

 

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