Literaturzeitschrift „die horen“ unter neuer Leitung: Engel gesichtet, Fellini gefeiert

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Engel sind immer sehenswert. Erst recht ist dies der Fall, wenn sie von Jan van Eyck ins Bild gerückt werden. Gerne erwähnen wir an dieser Stelle noch einmal die Van-Eyck-Ausstellung in Gent, wo das Bild entstanden ist, der man sich in Corona-Zeiten anhand des Katalogs aus dem Belser-Verlag nähern kann. Eine Besprechung gibt es HIER. Foto: Bücheratlas

Es ist Frühling. Ab sofort. Da grünt’s nicht nur so grün. Da ist auch eine neue Ausgabe der Zeitschrift „die horen“ fällig. Denn die Publikation beruft sich im Titel auf die Göttinnen der Jahreszeiten, die in der griechischen Mythologie verehrt wurden, und erscheint deshalb viermal im Jahr zur jeweiligen Saison. Thallo, die fürs Blühen zuständig ist, hat soeben das Ruder übernommen – und daher ist es an der Zeit, den Frühlingsband vorzustellen.

Jetzt gibt es nicht nur neue Texte, sondern auch ein neues Leitungsteam: Andreas Erb und Christof Hamann treten die Nachfolge von Jürgen Krätzer an, der seit 2012 die „Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik“ herausgegeben hat. Ein bunt-anspruchsvolles Spektrum wird geboten. Schwerpunkte sind Federico Fellini, dessen 100. Geburtstag gedacht wird, dann die Engel, auch wenn die keinen Jahrestag haben, sowie die Gedichte von Barbara Köhler, die von vielen Seiten beleuchtet werden.

Zwischendurch blüht aber noch viel mehr. So widmet sich Alida Bremer der Kunst der Übersetzung, die in ihren Augen eigentlich die Kunst der genauen Lektüre ist: „Das Übersetzen bedeutet für mich eine höhere Art des Lesens, die höchste Kunst der Lektüre. Jedes Übertragen in die andere Sprache beleuchtet das Original in einer Tiefe, die beim ersten Lesen auch mir als einer erfahrenen Leserin häufig verborgen bleibt.“

Hierbei handelt es sich um zwei Texte, die im vergangenen Jahr entstanden sind, als Alida Bremer „Poetin in Residence“ an der Universität Duisburg-Essen war. Allerdings ist die Mehrzahl der in den „horen“ veröffentlichten Texte, so der Eindruck, eigens für diese Ausgabe geschrieben worden.

Gleich zwei Autoren verweisen genau darauf. Denn sie sahen sich mit dem nahenden Redaktionsschluss konfrontiert. Yannic Han Biao Federer (vertreten mit einem Beitrag zur Fellini-Würdigung) schildert die Sachlage so: „Das Handy vibriert, der Herausgeber fragt, wie es um den Text steht, ich schreibe, alles bestens, alles so gut wie im Kasten, melde mich morgen, dann schiebe ich das Gerät zurück in die Hosentasche.“ Und Gunther Geltinger (von ihm stammt ein Beitrag zur Engel-Betrachtung) erzählt: „Nun sitze ich seit Stunden im Licht des weißen Bildschirms und könnte schreien vor Engellosigkeit, was niemand hören will, am wenigstens der Herausgeber, von dem soeben eine Erinnerungsmail eingetroffen ist.“ Ein schöner Text ist es dann aber doch geworden.

Man kann sich durch diesen Band wunderbar treiben lassen. Und wenn sich ein Text querlegt, lockt schon der nächste. Doch vermutlich wird jede Leserin und jeder Leser bei Friederike Mayröcker Station machen. Die große österreichische Lyrikerin evoziert in einem als Typoskript abgedruckten Gedicht ihren ersten Tag auf Erden, also den 20. Dezember 1924: „(…) das / unfassbare (das blutige) war geschehen : ich war geboren : es / hatte mich vorher noch nie gegeben, wie in einem Märchen um- / schwebten mich die guten Feen und die schönen Engel (…)“.

Martin Oehlen

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Wer nun dieses Werk (oder ein anderes) erwerben will, der ist beim lokalen Buchhändler bestens aufgehoben. Nicht vergessen – sehr viele Buchhändlerinnen und Buchhändler bieten ihre Titel online an und liefern frei Haus. Der deutsche Buchhandel ist einzigartig – das soll er auch bleiben.

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Andreas Erb und Christof Hamann: „die horen“, Band 277, Wallstein Verlag, 240 Seiten, 14 Euro.

Horen

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Eine Besprechung von Gunther Geltingers Roman „Benzin“ gibt es HIER.

Eine Besprechung von Yannic Han Biao Federers Roman „Und alles wie aus Pappmaché“ gibt es HIER.

Weitere Texte zu beiden Autoren? Einfach die Suchfunktion auf dieser Seite nutzen.

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