Alle (außer Thomas Gottschalk) auf Sendung beim „Online-Literaturfestival in Zeiten der Quarantäne“


Thomas Gottschalk ist in der Garderobe geblieben. Alle hatten sich auf seine Lesung gefreut. Auch Yannic Han Biao Federer. Der Schriftsteller hatte sogar schon ein paar Fragen parat. Denn er ging davon aus, dass der Starmoderator nach seiner Online-Lesung – mutmaßlich aus den Memoiren – noch für eine Gesprächsrunde zur Verfügung stehen würde. Aber Thomas Gottschalk ist in der Garderobe geblieben. Stimmt, das hatten wir schon erwähnt.

Doch auch ohne den Knüller-Auftritt war die „Viral“-Lesung, bereits die vierte ihrer Art, ein amüsant-intimes Fest. Jetzt, da so viele Literatur-Veranstaltungen im Virus-Aus landen, präsentiert das Literaturmagazin „Glitter“ im Netz seine Initiative. Einerseits wird den Autorinnen und Autoren eine Öffentlichkeit und werden der Öffentlichkeit Auftritte von Autorinnen und Autoren ermöglicht. Anderseits sind freiwillige Spenden willkommen, die dann auf die Mitwirkenden verteilt werden sollen. Die wechseln sich ab im Halbstunden-Takt und quer durchs deutschsprachige Literaturareal mit den Standorten Zürich, Leipzig, Berlin, Montricher und Ostwestfalen-Lippe.

Den abendlichen Auftakt machten jetzt Julia Weber und Heinz Helle, die zugleich einen Einblick in ihr Familienleben gaben. Denn auch die kleinen Kinder wirkten in tragenden Rollen mit – mal als Tiger beziehungsweise Löwe und mal lautstark um Aufmerksamkeit heischend. Da war man als Betrachter vor allem darauf konzentriert, ob Helle die angeblich leichter gestimmten Passagen seines Suhrkamp-Bandes „Eigentlich müssten wir tanzen“ und Weber das Ende aus dem Limmat-Band „Immer ist alles schön“ ohne Unterbrechung würden lesen können. Nein, konnten sie nicht, aber lustig war’s.

Akustisch entspannter die Vortragslage bei Isabelle Lehn. Auch die Bildqualität war besser. Sie las aus „Frühlingserwachen“, im vergangenen Jahr bei S. Fischer veröffentlicht. Der Titel klingt heiterer als es die Geschichte ist. Und weil Lesen auch Performen bedeutet, sorgte Lehn zu Anfang und Ende für Katzen-Content. Sie hielt das sympathisch-graue Tier in die Kamera: „Sag‘ tschüss!“ Tat es aber nicht.

Kathrin Bach stellte anschließend und sofort fest, in der vergangenen Woche sei „alles total irre“ gewesen. Ja, ist richtig so. Sie selbst saß währenddessen in der Badewanne (mit Plastikente, ohne Wasser) und trug ihre fein-suggestiven Gedichte („ohne Ton und hört nicht auf damit“) vor. Auch solche sind darunter, die unter dem Titel „Schwämme“ in der Kölner Parasitenpresse erschienen sind. Einen real existierenden Schwamm hält sie sogar einmal ins Bild. Klar, darum geht es: Alles aufsaugen.

Von Marius Hulpe, der nächste im Bunde, ist zuletzt bei DuMont der Band „Wilde grüne Stadt“ erschienen. Er las irgendwo in der Nähe des Genfer Sees, den man bei der Preview hätte sehen können, wäre da nicht dieser tiefe Wolkenvorhang gewesen. Er hielt eine rote Trinkdose in die Kamera, auf der wir den Schriftzug „Gotthard“ erkennen konnten. Das erwähnen wir nur deshalb…

… weil zum Finale Yannic Han Biao Feder eine Flasche Bier der Marke „Detmolder“ hochhielt, während hinter ihm ein Holzfeuer glimmte. Federer ist aktuell der Regionenschreiber von Ostwestfalen-Lippe mit dem Standort Bellersen. Dabei handelt es sich den Angaben zufolge um das „Dorfe B.“ in Annette von Droste-Hülshoffs Novelle „Die Judenbuche“, woraus er zu Beginn seines Sets las. Was folgte, waren prägnante Alltagsbeobachtungen aus seinem aktuellen Wirkungskreis. Alles arbeite hier, auch das Moos, das die Bäume hochklettere. Es gebe Totholzhaufen, und die letzte Haltestelle des Busses heiße „Wendeplatz“. Irgendwann habe er dann auch den ersten Menschen getroffen.

„Viral – das online Literaturfestival in Zeiten der Quarantäne“ ist eine tolle Initiative der Schweizer Literaturzeitschrift „Glitter“. Schon an diesem Sonntagabend geht es mit der fünften Folge auf Facebook weiter.  Vermutlich bleibt Thomas Gottschalk wieder in der Garderobe.

Martin Oehlen

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