„Mein Großvater war Goethe“ – Kölner Literaturnacht revisited (2)

Die 1. Kölner Literaturnacht, veranstaltet vom Verein Literaturszene Köln, bot 137 Veranstaltungen an 42 Orten. Eine stimulierende Leistungsschau, bei der viele Facetten berücksichtigt wurden. Weil immer alles so schnell verrauscht, soll hier in einer kleinen Reihe an einige Veranstaltungen erinnert werden.

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Joachim Geil im Literaturhaus Köln Foto: Bücheratlas

 

2. Literaturhaus Köln

Wer es darauf anlegte, konnte in der 1. Kölner Literaturnacht alle vier bisher ausgewählten Dieter-Wellershoff-Stipendiaten erleben. Aus dem aktuellen Jahrgang 2019 waren dies Bastian Schneider bei Bücher Weyer und Ulrike Anna Bleier in der Fuck-up-Night im Hostel Weltempfänger. Und im Literaturhaus die ersten Stipendiaten, also die von 2018: Tina Ilse Maria Gintrowski und Joachim Geil.

Martin Mittelmeier, Moderator des Abends, zitierte aus dem Exposé, mit dem Joachim Geil sein Romanprojekt „Angespannt“ vorgestellt hatte: „Das meiste ist historisch, der Rest ist Goethe.“ Ob er denn Lust oder Skrupel empfunden habe, als er sich auf die Geistesgröße eingelassen habe? Die schnelle Antwort: „Lust – mein Großvater war Goethe.“ Tatsächlich ließ Geil zwei Sekunden verstreichen, ehe er der verblüffenden Auskunft zum Verwandtschaftsverhältnis erläuternd hinzufügte, dass sein Großvater dem Dichter sehr zugetan gewesen sei. Eine einschlägige Gipsbüste habe es in der Wohnung gegeben. Und im Alter habe der Großvater die Gestalt von Goethe angenommen. Allein schon wie er die Hände auf dem Rücken gehalten habe! So sei in seiner Kindheit, sagte Geil, die Zuversicht gewachsen, etwas mit Goethe zu tun zu haben. Mittelmeier ergänzte fürs Publikum: „Aber es ist kein Familienroman.“

Stimmt. Das Romanprojekt – mit „Angespannt“ durchaus mehrdeutig betitelt – führt in eine unruhige Zeit. Goethes Kutschfahrt an einem langen Tag des Jahres 1819, die Geil in einem „ironisch-herzlichen Sicherheitsabstand“ imaginiert, macht nämlich auch Station bei Nationalismus und Antisemitismus. Das Jahr 1819 habe ruhig angefangen, sagte Geil im Literaturhaus, aber dann geschehen schreckliche Dinge. Goethe freilich bleibt in der Komfortzone. Mehr dazu demnächst im Roman.

Martin Oehlen

Weitere Beiträge der Reihe „Literaturnacht revisited“: Teil 1. Außerdem eine Umfrage unter Autoren hier (Bleier, Geil, Köhler) und hier (Geltinger, Raabe, Trompeter). Und dann noch ein Interview mit den Initiatoren Bettina Fischer und Uwe Kalkowski.

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