Zum Geburtstag: Volker Brauns Texte über sein Leben mit dem Widerspruch

 

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Foto: Bücheratlas

Oft sind die kürzesten Fragen die heikelsten: „Lebe ich wirklich? Habe ich es verwirkt?“ Volker Braun formuliert dieses Doppel in seinem neuen Prosaband „Handstreiche“. Darin enthalten sind Notate und Miniaturen, keinesfalls „Maximen und Moritzen“, wie er zu scherzen weiß. Veröffentlicht werden sie nun zum 80. Geburtstag des Schriftstellers, der in Dresden geboren wurde und der in der DDR aufgewachsen und zu literarischem Ruhm im Osten wie im Westen gelangt ist. Seine schmale neue Prosasammlung zeugt von alledem – von der Utopie und dem Vergehen eines Staates, vom Schreiben und vom Alter. Einmal heißt es: „Der Enkel sagt, wenn ich erzählen muss: weiter! weiter! Er weiß noch nicht, dass die Geschichten enden. Und ich weiß keinen Anfang mehr.“ Doch gemach – dieser Band ist nicht in Resignation getunkt, ganz und gar nicht. Die Feder ist noch gespitzt. Der politisch-kritische Kopf rege wie eh und je. Fast flehentlich der Wunsch: „Einmal noch, einmal eine Gesellschaft, die aufbricht. Nicht dass es besser wird, dass es anders wird, ist der Fortschritt.“

Einerseits darf auch dieser Ich-Erzähler des Buches nicht mit dem leibhaftigen Autor Volker Braun gleichgesetzt werden. Darauf deutet ja schon hin, dass ab und an von einem gewissen Flick die Rede ist (der schon durch die früheren Braun-Bände „Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ und „Flickwerk“ bekannt ist). Allerdings gibt es dann doch auch sehr viele Hinweise, dass diese „Handstreiche“ Stichworte liefern zu einem Porträt des Autors – zu einer „Autobiografie aus Steckbriefen“.

Dazu gehört Persönliches – etwa in der Variante feiner Selbstkritik: „Er erträgt nicht, hervorgehoben zu werden. Nie ist ein Satz stimmiger: Ich ist ein anderer! Er windet sich vor Unbehagen. Nicht weniger beschämend, wenn ein anderer vorgezogen wird.“ Dazu gehört auch Politisches – wie denn nicht bei einem bekennenden Brecht-Schüler. Der Verdruss über die Art der deutsch-deutschen Wende vor 30 Jahren, so scheint es, sitzt weiterhin tief: „Andere tauschen die Glotze aus, wir haben den Staat gewechselt. Es sind aber die immer gleichen Programme.“ Das ist zwar eine Pointe, aber es ist eine solche, die auf Kosten der tatsächlichen Verhältnisse gemacht wird. Und es verhält es sich kaum anders mit einem benachbarten Satz: „Aus der Oase der Utopien in die Wüste des Wohlstands.“

Der Leser sieht sich nicht selten zum Widerspruch animiert. Aber das ist ja durchaus keine schlechte Eigenschaft eines Textes. Bei Braun klingt der manchmal, als ginge es ihm darum, Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“ fortzuschreiben: „Was erwartet ihr von mir? Widerspruch. Widersprüchliches werdet ihr hören.“ Und manchmal sind die Einlassung nur wortwitzig, aber eben auch nicht mehr: „Man kann es sich nicht aussuchen, aber man kann sich etwas herausnehmen.“ Gewiss gibt es daneben auch manch Schönes und Wahres: „Ich lebe, als hätte ich keine Zeit. So vertu ich sie.“

Zeitgleich zu diesen „Handstreichen“ erscheint ein Band mit Schriften und Reden des Lyrikers, Dramatikers, Romanciers und Essayisten: „Verlagerung des geheimen Punkts“. Die Mehrzahl der Texte stammt aus Nach-Wende-Zeiten. Braun, der 1988 den Nationalpreis der DDR und 2000 den Büchnerpreis erhalten hat, vermag darin zumal dann zu packen, wenn er sich auf Personen einlässt. So in den Beiträgen über Christa Wolf, der er in seiner Totenrede von 2011 nachsagte, sie habe „der deutschen Literatur wie wenige Würde und Weltbewusstsein gegeben“.

Prominent an den Beginn des Bandes gesetzt ist eine Rede, mit der er sich 1997 in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vorstellte. Darin heißt es: „Wir waren eine Generation, die der Widerspruch großzog“. Nämlich „soziale Revolution“ auf der einen und „politische Bedrückung“ auf der anderen Seite. Diese konträren Wirklichkeiten hätten das Dichten diktiert. „Wir hatten ein Vaterland in zwei Welten, und unsere Lehrer waren Emigranten, die jetzt Kompromisse lehrten.“ Bei dieser Gelegenheit auch bekannte er sich zu Brecht als einem seiner geistigen Ziehväter und erinnerte daran, dass Helene Weigel ihn einst ans Berliner Ensemble geholt hatte.

Die beiden neuen Bände ergänzen sich nicht selten. So schildert Braun (in einer Rede zur Vereinigung der beiden deutschen Shakespeare-Gesellschaften im Jahre 1993) seinen Eindruck nach der Lektüre der Stasi-Akten: „Man weiß plötzlich mehr“, ja, „auf einen Schlag ‚alles‘.“ Nun gibt es in „Handstreiche“ eine nicht unwesentliche Ergänzung „Als er die Akten gelesen hatte, wusste er mehr über sich und sie, beinahe alles. Das war aber nichts Richtiges.“

Martin Oehlen

Volker Braun: „Handstreiche“, Suhrkamp, 98 Seiten, 18 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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Volker Braun: „Verlagerung des geheimen Punkts – Schriften und Reden“, Suhrkamp, 320 Seiten, 28 Euro. E-Book: 23,99 Euro.

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