Tatort Südfrankreich (2): Mit Sophie Bonnet in der Provence

 

Sophiebonnet

Sophie Bonnet  Foto: Marco Grundt Fotografie

„Hier irgendwo könnte die Épicerie von Charlotte liegen.“ Sophie Bonnet biegt in eine schmale Gasse am Fuße von Gordes ein. Links und rechts trutzige Häuser aus schwerem Stein. Unter unseren Schuhen buckelt sich hunderte Jahre altes Pflaster. Kein Feinkostgeschäft. Erst recht keines, dessen Besitzerin Charlotte heißt. Denn die existiert allein in der Fantasie der Krimiautorin Sophie Bonnet.

Die Gasse führt steil bergan, vorbei an einer ehemaligen Herberge, in der einst die Jakobspilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela Rast machten, an Andenkenläden mit Seife aus Marseille und rot bemalten Keramikhühnern. Knapp 2000 Menschen leben in dem alten Dorf hoch über der weiten Ebene des Luberon-Tals. Während des Zweiten Weltkriegs beherbergte es den Maler Marc Chagall und später dessen Kollegen Jean Deyrolle und Victor Vasarely. Heute kommen die Touristen in Scharen.

Sainte-Valérie – so heißt Gordes in den Krimis von Sophie Bonnet. Und auch die Autorin selbst trägt im wahren Leben einen anderen Namen. Heike Koschyk steht in ihrem Pass, ein Name, der zu Hamburg passt, wo sie seit vielen Jahren lebt, doch nicht zu Orten wie Gordes, Ménerbes und Roussillon. „In Hamburg bin ich Heike, in der Provence bin ich Sophie“, sagt sie, und so wollen wir sie auch weiterhin nennen. Sophie Bonnet, Autorin einer Serie erfolgreicher Provence-Krimis, deren fünfter Band („Provenzalische Schuld“) kürzlich erschienen ist.

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Die Gasse(n) von Gordes im Abendlicht Alle Fotos: Bücheratlas

 

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Die Burg von Gordes im Abendlicht

Wir stehen vor dem Château de Gordes, einem steinernen Klotz, der das Dorf überragt wie ein mächtiger Fels. Heute sind in dem mehrfach umgebauten Renaissancegebäude ein Museum und das örtliche Fremdenverkehrsamt untergebracht. Frankreich sei ihr Seelenland, sagt Sophie Bonnet. Hier fühle sie sich so frei und lebendig  wie sonst nirgendwo. „Ich war immer auf der Suche nach einer Welt, die zu mir passt. Einer Welt des Genusses und der Lebensfreude. Hier habe ich sie gefunden.“ Kein Wunder also, dass die Autorin ihr Urlaubs- und „Seelenland“ irgendwann zum Schauplatz eines ersten Krimis machte. 2014 erschien „Provenzalische Verwicklungen“ und eroberte gleich die Bestsellerlisten. Seitdem folgt jedes Jahr im Frühling ein weiterer Band.

Im Zentrum des Geschehens: Kommissar Pierre Durand, den es aus Paris in die Provinz verschlagen hat. Ihm zur Seite steht eben jene Charlotte, Besitzerin einer kleinen Épicerie, deren Vorbild indes nicht in Gordes zu finden ist, sondern im rund 40 Kilometer entfernten Saint-Rémy-de-Provence. Eins zu eins habe sie die Gegebenheiten in Gordes nicht auf ihr erfundenes Örtchen übertragen wollen, sagt Sophie Bonnet. „Die Fiktion macht mich frei. Ich kann mit meinem Dorf spielen und die Probleme der Welt darauf projizieren, ohne dass jemand den Finger hebt und sagt: Das  stimmt jetzt aber nicht.“

IMG_7331 (2)Gordes liegt hinter uns. Wir fahren vorbei an Olivenhainen und schier endlosen Weinfeldern. An den Rebstöcken reifen Millionen Trauben der Ernte entgegen. Lavendelfelder dehnen sich bis zum Horizont. Die Straßen sind gesäumt von alten Platanen mit fleckigen Stämmen. Im Hintergrund erhebt sich der Luberon, eine langgezogene Kette aus Kalksteinfelsen, deren höchste Erhebung, der Mourre Nègre, gerade mal 1125 Meter hoch ist.  Der Luberon ist die Region des Weins und der kleinen Dörfer. Wie Vogelnester sitzen sie auf den Kuppen der Hügel und Berge. Ménerbes, wo der Schriftsteller Peter Mayle einst lebte und das heute eine Hochburg des Tourismus ist. Roussillon, das Ockerdorf, dessen Häuser rostrot in der Sonne leuchten. Hier, in einem grünen Haus am Ortseingang, verbarg sich Samuel Beckett in Zeiten des Krieges und gewann Eindrücke für ein Stück, das er später „Warten auf Godot“ nannte.

Wir kehren in der Weinkellerei „Aureto“ ein, zu der ein luxuriöses Fünf-Sterne-Hotel gehört. Im Weinkeller ist es kühl und dunkel. Deckenhohe Stahlfässer säumen die Wände. Es riecht nach Feuchtigkeit und vergorenen Trauben. In diesem Keller hat Sophie Bonnet in „Provenzalische Verwicklungen“ den Dorfcasanova von Sainte-Valérie in einem Fass voller Wein zu Tode kommen lassen. Auch wenn das Anwesen im Buch selbstverständlich nicht „Aureto“, sondern „Domaine des Grès“ heißt. Sie recherchiere viel vor Ort, sagt Sophie Bonnet. Mindestens einmal im Jahr reist sie durch die Provence auf der Suche nach neuen „Tatorten“.

Ihr jüngster Roman „Provenzalische Schuld“ führt nach Banon, ein winziges Dorf nordöstlich von Gordes, das für seinen gigantischen Buchladen berühmt ist. Bibliophile aus der ganzen  Welt reisen an, um in der „Librairie le Bleuet“, einem verwinkelten Haus mit himmelblauen Fensterläden, herumzustöbern. Und genau hier verliert sich die Spur von Nanette Rozier, der Frau des Bürgermeisters, die von einem auf den anderen Tag verschwunden ist. Ihr Auto wird auf einem Parkplatz in Sisteron, einer   (sehenswerten) Stadt an der Durance, gefunden.

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Blick in die Verdonschlucht

Ermittler Pierre Durand folgt den Spuren der Vermissten  bis ins wunderschön gelegene Bergdorf Moustiers-Sainte-Maire – auch  dieser Ort zählt offiziell zu „den schönsten Dörfern Frankreichs“  – und weiter zum wildromantischen Grand Canyon du Verdon, einer 21 Kilometer langen und bis zu 700 Meter tiefen Schlucht. Wer Durands Weg nachfahren will: Vorsicht, die Straßen im Luberon sind schmal, die Kurven zahlreich und die Autofahrer waghalsig.  Und: Die Entfernungen sind meist größer als gedacht.

In ein paar Tagen wird Sophie Bonnet zurückkehren nach Hamburg.  Die Recherchen für ihren sechsten Provence-Krimi sind abgeschlossen. Dann wird sie wieder Heike Koschyk sein. Oder auch nicht. „Ich werde immer mehr zu Sophie“, sagt sie. Zu Sophie Bonnet, der Chronistin des Luberon.

Petra Pluwatsch

 

Die Krimis von Sophie Bonnet:  „Provenzalische Verwicklungen“ (2014), „Provenzalische Geheimnisse“ (2015), „Provenzalische Intrige“ (2016), „Provenzalisches Feuer“ (2017) und zuletzt

„Provenzalische Schuld“, Blanvalet, 336 Seiten, 15 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

Bonnet

 

Was bisher geschah:

Tatort Südfrankreich (1): Mit Yann Sola an der Côte Vermeille

Werner Köhler (2)

Yann Sola alias Werner Köhler Foto: Privat

 

 

 

 

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3 Gedanken zu “Tatort Südfrankreich (2): Mit Sophie Bonnet in der Provence

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