Tatort Südfrankreich (4): Mit Anne Chaplet durch die Ardèche

Chaplet

Anne Chaplet Foto: Privat

Blühende Rosensträucher begrüßen die Reisenden am Ortseingang von Laurac-en-Vivarais. Die Mauer neben dem Ortsschild ist von Moosbatzen überzogen, die golden in der Mittagssonne schimmern. Knapp 800 Menschen leben in dem Dorf, das in den Kriminalromanen von Anne Chaplet Belleville heißt. Ein schöner Flecken.

Die Straße führt vorbei an alten Häusern, die mit den Felsen verwachsen zu sein scheinen. Ein Metzger, eine kleine Bar, auf der Anhöhe eine Kirche. Vor einer Schule lärmen Kinder. Suchend streifen wir durch die Gassen. Das da, gegenüber der Kirche, das könnte das Haus von Anne Chaplet sein. Oder ist es vielleicht das dort, mit dem großen Tor und der kleinen Seitentreppe, die hinaufführt auf eine schattige Terrasse?

„Mein Haus ist Teil eines alten Forts, das nicht mehr existiert“, hatte die Autorin im Vorfeld verraten, ohne die genaue Adresse zu nennen. „Eine uralte Hütte, die teilweise aus dem 11. Jahrhundert stammt. Eigentlich besteht sie aus vier Häusern, die man zu einem zusammengebacken hat. Eines hat man einfach abrasiert und eine Terrasse darauf gesetzt.“

1970 ist die Krimiautorin – die eigentlich Cora Stephan heißt und sich als Publizistin und Historikerin einen Namen gemacht hat – das erste Mal in die Ardèche gereist. In „die wilde, elementare Landschaft des Vivarais am Fuße der Cevennen“. Holger, der ältere Bruder, und seine Freundin Susanne, zwei müde gekämpfte Vertreter der 68er-Generation, hatten „in einem winzigen Örtchen einen Geröllhaufen gefunden und mit blutenden Händen wieder aufgebaut“. Die kleine Schwester fuhr sie besuchen – und war auf Anhieb hingerissen.

Seitdem lässt Anne Chaplet „dieses Löwentatzenland mit seinen tief eingegrabenen Flüssen, seinen Vulkanen und alten Steinhäusern“ nicht mehr los. Mehrmals im Jahr zieht sie sich für ein paar Wochen oder länger zurück nach Laurac-en-Vivarais, um zu lesen und zu schreiben – und dann und wann über die karstigen Hochebenen zu wandern. Die Witwe des kürzlich verstorbenen Bruders sowie drei der Neffen leben in der Nähe. Auf der Terrasse, zwischen Blumenkübeln und Kräutertöpfen, entstehen ihre „Kriminalromane aus dem Süden Frankreichs“, kleine Liebeserklärungen an das Land und seine Bewohner.

Dass sie nicht die erste deutsche Autorin war, die auf den Tatort Frankreich setzt, das, sagt Anne Chaplet, habe sie erst mitbekommen, als „In tiefen Schluchten“ schon in Arbeit war. „Hätte ich das vorher realisiert, hätte ich mich nicht getraut, dieses Buch zu schreiben.“ Der erste Band der vierteiligen Reihe ist 2017 erschienen, der zweite („Brennende Cevennen“) kommt im August auf den Markt.

„Ich finde es spannend, mich in eine Geschichte hineinzudenken, die nicht meine eigene ist und nicht am eigenen Platz spielt“, sagt Anne Chaplet. Ihre ersten Krimis spielten in Klein-Rhoda, einem fiktiven Dorf in Hessen, wo sie seit vielen Jahren lebt. Doch die Reihe habe nach 20 Jahren nicht mehr funktioniert. Ein Verlagswechsel sei hinzugekommen. „Also dachte ich, warum nicht Frankreich? Die Ardèche ist eine tolle Gegend. Da kann man viel rühmen und loben.“ Jetzt heißen ihre Schauplätze Joyeuse, Les Vans und Balazuc statt Frankfurt und Klein-Rhoda.

 

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Chaplets Protagonistin Tori Godon ist eine Anwältin aus Deutschland. Die hat ihren Mann an den Krebs verloren. Nach seinem Tod lebt sie allein in Belleville im „Maison Sarrasine“, einem Haus, das exakt so aussieht wie die „uralte Hütte“ der Autorin, und rutscht hinein in die Dramen ihrer neuen Heimat. Ein Höhlenforscher kehrt von einer Erkundungstour nicht mehr zurück, und Belleville sieht sich plötzlich mit seiner Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg konfrontiert („In tiefen Schluchten“). Ein Schweizer Aussteiger ist nach dem Feuer auf einem nahen Höhenzug spurlos verschwunden, und im Dorf entbrennt eine heiße Diskussion über den Ausverkauf des Landes an ausländische Touristen („Brennende Cevennen“). Jeder Band sei einem der vier Elemente gewidmet, erläutert die Autorin ihr Konzept. „Dem Feuer, dem Wasser, der Luft und der Erde.“

Wir folgen den Spuren von Tori Godon durch den Vivarais: in das mittelalterliche Dorf Balazuc. Zur fantastischen Grotte Chauvet mit ihren 35 000 Jahre alten Wandmalereien (eine Nachbildung). In dieser Gegend ist der Höhlenforscher verschwunden. Weiter zur mächtigen Pont d’Arc. Zerzauste Terrassenfelder überziehen die Hänge der Berge. Bäche und Flüsse – die Ardèche, die Drobie, die Beaume – haben tiefe Furchen in das Erdreich gegraben. Auf den Feldern wächst Wein, den die Einheimischen selber trinken.

Ende des 18. Jahrhunderts hofften die Menschen des abgelegenen Vivarais, durch Seidenproduktion zu Geld zu kommen. Sie legten auf den Bergen Terrassenfelder an und pflanzten Tausende Maulbeerbäume, von deren Blättern sich die Seidenraupen ernähren. Doch schon ein halbes Jahrhundert später endete der „Goldrausch“: Die Raupen bekamen die Pébrine-Krankheit – Flecksucht – und starben. Die Terrassenfelder verfielen. Heute wachsen darauf Kastanienbäume.

Eine kurvenreiche Straße, kaum breit genug für zwei Autos, windet sich vorbei an steil aufragenden Felswänden aus goldgelbem Kalk und schwarzem Schiefer. Am Ende der Straße liegt Saint-Mélany, ein kleines Bergdorf mit 120 Einwohnern, einer Kirche und einem Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Hier, im einzigen Lokal vor Ort, trifft sich Tori Godon gelegentlich mit Freunden. Sie selber sitze ebenfalls gern auf der Terrasse und schaue ins Tal, hatte Anne Chaplet erzählt. Das wollen wir auch tun zum Abschluss unserer Reise ins wilde, ins wunderschöne Löwentatzenland.

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Das Café im 100-Seelen-Dorf Saint-Mélany, auf etwa 900 Meter Höhe gelegen,  ist heute geschlossen. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

„Heute Ruhetag“, steht an der Tür des „Au Bon Port“. Yette, die belgische Besitzerin, ist nicht zu Hause. Unser Blick geht über bewaldete Hänge. Tief unten, verborgen vor unserem Blick, fließt die Drobie. Die Terrasse liegt verlassen. Was für ein Glück, dass Yette heute freihat. Wir werden wiederkommen müssen.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Die Krimis von Anne Chaplet: „In tiefen Schluchten“ und

„Brennende Cevennen“, Kiepenheuer und Witsch, 304 Seiten, 10 Euro. E-Book: 9,99 Euro. Der Roman erscheint am 16. August 2018.

Chaplet-Cevennen

 

Was bisher geschah:

Tatort Südfrankreich (1): Mit Yann Sola an der Côte Vermeille

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Yann Sola alias Werner Köhler  Foto: Privat

Tatort Südfrankreich (2): Mit Sophie Bonnet in der Provence

Sophiebonnet

Sophie Bonnet alias Heike Koschyk  Foto: Privat

Tatort Südfrankreich (3): Mit Cay Rademacher in der Provence

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Cay Rademacher   Foto: Bücheratlas

Ein Gedanke zu “Tatort Südfrankreich (4): Mit Anne Chaplet durch die Ardèche

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