Tatort Südfrankreich (3): Mit Cay Rademacher durch die Provence

 

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Cay Rademacher an seinem Wohnsitz in Südfrankreich Fotos: Bücheratlas

Monsieur Rademasché?“  –  Die Straße  weiter  bis zum Ende.   Dort sei  es das große Haus links. Die Postbotin in der blauen Uniform weist eine schmale Landstraße hinunter, hinaus aus Salon-de-Provence.  Ein Warnschild verbietet die Weiterfahrt: „Route barrée“. Doch sie winkt ab. „Pas de quoi“ – keine Sorge. Das ist schon in Ordnung.

Wir fahren an Weinstöcken  und  Wiesen mit Löwenzahn und rotem Klatschmohn vorbei.  Vögel schwingen sich tirilierend in die Lüfte. In der Ferne kräht ein Hahn. Wir sind in der tiefsten Provence, im Süden des Südens. Nach Arles sind es noch knapp 40 Kilometer, die Dörfer und Weinfelder des Luberon sind nicht fern.

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Auf der Suche nach dem Autor: Hinten, ganz weit hinten, da winkt er und weist den Weg.

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Gefunden!

Das große Haus links. Wo ist das große Haus links? Wir finden es trotz verzweifelter Suche erst nach einem Anruf bei  Cay Rademacher. Der Krimiautor wohnt mit seiner Familie in einer umgebauten Ölmühle mit dicken  Mauern und einer großzügigen Terrasse. Ein Garten glüht in der Sonne. Rademachers Ehefrau, eine gebürtige Provenzalin mit lockig-dichtem Haar und großen dunklen Augen,  hat das Anwesen gemeinsam mit zwei  Schwestern von den Eltern geerbt. Vor fünf Jahren ist die fünfköpfige Familie von Hamburg, wo Rademacher als Redakteur für die Zeitschrift „Geo“ arbeitete, in die Provence gezogen. Noch ist ein Teil des Hauses eine Ruine. Im Rest, sagt Rademacher, während er den Gästen geröstetes Brot  mit Hummus und einer kräftig gewürzten Olivenpaste reicht, stecke viel Eigenarbeit. „Wir sind noch lange nicht fertig.“

Im Arbeitszimmer im ersten Stock ist 2013 sein erster Provence-Krimi entstanden: „Mörderischer Mistral“. Inzwischen umfasst die Capitaine-Roger-Blanc-Reihe fünf Bände, die die Leser kreuz und quer durch diesen Winkel Südfrankreichs führen. Der jüngste Band, „Dunkles Arles“, schildert die Machenschaften der rechtsradikalen Partei  „Front national“, die vor allem im ländlichen Süden viele Anhänger hat.

„Ich erschreibe mir die Provence“, sagt Rademacher. Vor seinem Umzug nach Frankreich war er vor allem  als Autor von Sachbüchern und  historischen Kriminalromanen bekannt, darunter eine dreiteilige Krimireihe aus dem zerstörten Nachkriegs-Hamburg.  „Als  klar war, dass wir dauerhaft nach Frankreich ziehen, beschloss ich, Provence-Krimis zu schreiben, um meine neue Heimat besser kennenzulernen.“ Rademacher schmunzelt: „Ich sah mich schon als Donna Leon der Provence.“

Für die Recherchen zu seinen Krimis, sagt er, sei er gezwungen, sich intensiv mit dem Land, seinen Menschen und seiner Kultur auseinanderzusetzen.  Als Autor profitiere er auch in anderer Hinsicht von seinem neuen Wohnsitz. „Es ist etwas ganz anderes, ob man von außen auf ein Land guckt, oder ob man vor Ort den Alltag  erlebt.“  Letzteres  bringe oft mehr als jede Recherche. Vieles erfahre er durch Gespräche im Café, mit Nachbarn   oder  anderen Eltern. Alle drei Rademacher-Kinder gehen in Frankreich zur Schule.

In einer Kasserolle dampft ein kross gebratenes Perlhuhn. Es duftet nach Kräutern, Knoblauch und Ratatouille. Von einer Flasche Rosé perlt Kondenswasser. Er liebe die Lebensart der Franzosen, sagt Rademacher, während er dem Huhn mit einem gewaltigen Messer zu Leibe rückt. Das Essen. Das Klima. Das Licht. Die mediterrane Entspanntheit. „Es ist diese Melange aus allem zusammen.“

 

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Zwölf Provence-Krimis sind geplant, jeder soll in einem anderen Monat des Jahres spielen. Vorbild für das fiktive Städtchen Gadet, in dem der in die Provinz verbannte Pariser Capitaine Roger Blanc seinen Dienst versieht, ist ein Nachbarort, nur wenige Kilometer von Rademachers Ölmühle entfernt. Den Namen öffentlich preisgeben  möchte er nicht.  Nur so viel: Er habe vieles  fast eins zu eins übernommen. Eine Polizeistation gebe es vor Ort allerdings nicht.

Stimmt, möchten die Gäste rufen, als sie zwei Stunden später in „Gadet“ parken, um  durch die stillen, sonnenbeschienenen Gassen der Stadt zu schlendern. „Die Straße führte nach Gadet hinein“, so steht es im Roman geschrieben. „Kleine, helle Häuser zu beiden Seiten, eine bescheidene Kirche im Zentrum, Platanen. Kühle, vier Bars, Tische auf dem Bürgersteig, der Duft nach Kaffee und Croissants. Die frühen Gäste – Bauern, ältere Männer in Tarnanzügen, junge Typen, die mit ihren Motorrädern  zwischen den Stühlen parkten – starrten seinem Wagen hinterher.“

Die alte Ölmühle, in der der Capitaine wohnt, erinnert verdächtig an Rademachers eigenes Domizil, auch wenn das weitaus besser in Schuss ist als das seines Helden. Und auch mancher Nachbar würde sich wohl wiederfinden in den  Krimis des Deutschen. Der Mann mit der Ziegenherde von gegenüber beispielsweise. Ganz wie in den Romanen fahre der  mit seinem Traktor alte Römerstraßen kaputt und streife auch außerhalb der Jagdsaison mit dem Gewehr durch die Wälder, erzählt Rademacher.  So gesehen sei er froh, dass seine Provence-Krimis nicht ins Französische übersetzt seien.

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Sitzplätze im Amphitheater von Arles. Vom obersten Stockwerk blickt der Besucher über die Altstadt bis zur Rhone.

Sein jüngster Krimi spielt in Arles, einer Stadt, die Rademacher zum Schwärmen bringt. Ein Wochenendausflug mit seiner Geliebten wird für Capitaine Roger Blanc zum Horrortrip, nachdem im römischen Amphitheater  ein Mord geschehen ist. Blanc gerät ins Visier von Rechtsradikalen, die auch vor weiteren Morden nicht zurückschrecken, bis es in den „Cryptoportiques“, den antiken Gewölbegängen unter dem Rathaus, zum blutigen Showdown kommt.

Man kann sie nachgehen, die Wanderungen von Roger Blanc durch die alte Römerstadt. Vom Amphitheater durch die engen Gassen der Altstadt, in der es jenseits der Touristenströme erstaunlich ruhig ist. Weiter zur Kirche St. Trophime mit ihrem prachtvollen Portal und zu den Thermen des Konstantin. Nicht zu vergessen das „Café La Nuit“ auf der Place du Forum („eine Touristenfalle“), das Van Goghs berühmtem Gemälde „Caféterrasse am Abend in Arles“ nachempfunden ist und in dem Blanc sich mit seiner Geliebten vor dem Mörder versteckt. Weiter zur Abtei Montmajour, einem trutzigen, weithin sichtbaren Bau ein paar Kilometer außerhalb von Arles, in dem sich im Buch die Rechtsradikalen zu nächtlichen Feiern treffen.

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Kapitell im Kreuzgang der Kirche (und ehemaligen Kathedrale) Saint-Trophime in Arles

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Sieht modern aus, gehört aber zur ehemaligen Abtei Montmajour, deren Anfänge bis ins frühe Mittelalter zurückreichen. Das eindrucksvolle Bauwerk liegt wenige Kilometer von Arles entfernt.

Fahren Sie auch nach Les Baux, in das Zentrum der Troubadoure“, rät der Autor zum Abschied. Der Ort spiele zwar keine Rolle in seinen Romanen, sei aber trotzdem einen Besuch wert. Und wer weiß – vielleicht findet Les Baux ja Eingang in einen von Rademachers  nächsten Krimis.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Die Krimis von Cay Rademacher:

„Mörderischer Mistral“ (2014), „Tödliche Camargue“ (2015), „Brennender Midi“ (2016), „Gefährliche Côte Bleue“ (2017) und zuletzt:

„Dunkles Arles“, DuMont Buchverlag, 352 Seiten, 15 Euro. E-Book: 11,99 Euro.

 

Rademacher

 

Was bisher geschah:

Tatort Südfrankreich (1): Mit Yann Sola an der Côte Vermeille

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Yann Sola alias Werner Köhler Foto: Privat

 

Tatort Südfrankreich (2): Mit Sophie Bonnet in der Provence

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Sophie Bonnet alias Heike Koschyk  Foto: Marco Grundt Fotografie

2 Gedanken zu “Tatort Südfrankreich (3): Mit Cay Rademacher durch die Provence

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