Susanne Klingenstein hebt einen Schatz: „Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein – Eine Kulturgeschichte der jiddischen Literatur – 1105-1597“

In Worms befindet sich gleich neben der Synagoge das jüdische Lehrhaus (Jeschiwa) mit dem sogenannte Raschi-Stuhl. Mit dieser Bezeichnung wird an den bedeutenden Gelehrten erinnert, der in Worms gewirkt hat und der am Anfang der jiddischen Sprachgeschichte steht. Foto: Bücheratlas

Man muss kein Gelehrter sein, um Susanne Klingensteins „Kulturgeschichte der jiddischen Literatur“ genießen zu können. Auch verliert niemand den Faden, wer des Jiddischen nicht mächtig ist. Es genügt allemal, neugierig zu sein auf die Anfänge und die erste Blüte, auf die Protagonisten und die Bedingungen der jiddischen Literatur. Für alles Übrige sorgt die die deutsche Literaturwissenschaftlerin an der Harvard University mit ihrer erkenntnissatten Darstellung, die sie unter einem schönen Titel veröffentlicht: „Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein“.

Im Jiddischland von Riga bis Odessa

„Wie keine andere Weltliteratur ist die jiddische Literatur überfrachtet von religiösen und politischen Ideologien und Hoffnungen, von Erwartungen und Vorurteilen“, schreibt Susanne Klingenstein. Das fängt schon damit an, dass dem Jiddischen über eine lange Zeit die Literaturfähigkeit abgesprochen worden ist. Auch von den Juden selbst. Denn Bibel und Talmud wurden auf Hebräisch oder Aramäisch überliefert. Hingegen wurden dem Jiddischen „eigene Wichtigkeit und religiöses Potential“ abgesprochen. Und bei Nicht-Juden wirkte sich „die lange Geschichte der negativen Bewertung“ des Judentums aus. Jiddisch wurde als „verdorbenes“ Deutsch abgetan. Diese Einschätzung änderte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Jiddisch entstand zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert mutmaßlich im mitteldeutschen Sprachraum. Seit dem 16. Jahrhundert wurde es in Osteuropa zur Alltagssprache der Juden – im Jiddischland von Riga bis Odessa. 1908 kam es zur offiziellen Proklamation als „Nationalsprache der Juden“. Allerdings fehlte ihr, wie Susanne Klingenstein hervorhebt, der Rückhalt eines Nationalstaates. Der hätte für die Standardisierung von Schreibung, Grammatik und Wortschatz sorgen können. Stattdessen war das Jiddische „als Sprache auf ganz eigene Weise frei“. 

Bücher als ein einigendes Band

Was wohl auffälliger als in jeder anderen Literatursprache ist: Für Jüdinnen und Juden, die weit verstreut lebten, waren Bücher ein einigendes Band. Sie fanden darin ihre jiddische Sprache, ihre gemeinsamen Geschichten, ihre religiösen Gesetze, kurzum: ihre Identität.

In ihrer Kulturgeschichte der jiddischen Literatur konzentriert sich Susanne Klingenstein ausdrücklich nicht auf die penible Textexegese, auch wenn diese vorkommt, sondern widmet sich den großen inhaltlichen Linien und den handelnden Personen. Dazu gehören neben den Autorinnen und Autoren auch die Verleger und das Publikum. Von alledem erzählt sie anschaulich und flüssig und findet sogar Gelegenheit, eine versunkene Redewendung auferstehen zu lassen: „Doch aus einem Schweinsohr wird keine Seidentasche.“ 

Frauen lasen nicht nur „Frauenbüchlein“

Die Zeitreise beginnt mit dem Bibel- und Talmudkommentator Rabbi Schlomo Jizachki (um 1040 – 1105). Er war ein „Neuerer“, der unter dem Namen Raschi berühmt geworden ist. Raschi wirkte in Mainz, Worms und vor allem in seiner Geburtsstadt Troyes, wo er 1105 auch gestorben ist. Einige seiner frühen Glossen aus der Studienzeit am Rhein hat er in der Alltagssprache der dort lebenden Juden verfasst. Susanne Klingenstein würdigt ihn entschieden: „Analytische Schärfe begründete seinen Ruhm; innere Verpflichtung zur Lehre trieb ihn; Verzicht auf intellektuelle Eitelkeit, praktische Empathie und Natürlichkeit erhöhten seinen Ruf als Lehrer und Mensch.“   

Der Band endet mit der erzwungenen Migration der Buchdrucker von Italien nach Polen um 1600. Zwischendurch werden viele funkelnde Facetten geboten. So war die materielle Arbeit der Frauen eines der wichtigsten Themen der frühen jiddischen Literatur: Sie wurde als Grundlage der jüdischen Existenz gewürdigt. Überdies waren Frauen offenbar intensive Leserinnen. Sie griffen nicht nur bei den „Frauenbüchlein“ zu, denen sie alle möglichen religiösen Vorschriften entnehmen konnten. Auch wandten sie sich zum Schrecken manch strenggläubiger Männer der Unterhaltungsliteratur zu, tauchten ein in die Abenteuer eines Dietrich von Bern oder Herzog Ernst. In Krakau war es dann Ende des 16. Jahrhunderts die Offizin Prostitz, bestehend aus dem Drucker Prostitz und dem Korrektor Böhm, die als erste ein jiddisches Sortiment für Frauen produzierte.

Der Clou der Kölner Schiefertafeln

Spannend ist auch der Blick auf die Kölner Schiefertafeln, die vor 1349 entstanden sind und 2007 im ehemals jüdischen Viertel ausgegraben wurden. Erst 2011 wurde ihre außerordentliche Bedeutung erkannt.  Auf ihnen ist eine Rittererzählung festgehalten, die – und hier wird auf die Expertise der Jiddistik-Professorin Erika Timm verwiesen – möglicherweise in frühestem Jiddisch aufgeschrieben worden sind. „Sensationell“ nennt Susanne Klingenstein diesen Fund. 

Als „Silbernes Zeitalter“ der jiddischen Literatur werden die drei Jahrzehnte nach 1945 bezeichnet, nach dem Rassenwahn der Nationalsozialisten, nach dem Holocaust. „Die Überlebenden schrieben wie im Rausch“, sagt Susanne Klingenstein. Allerdings wurden ihre Werke außerhalb der eigenen Kreise kaum rezipiert. Ein Akt der Verdrängung: Sich der jiddischen Literatur auszusetzen, hätte „zu intimsten Begegnungen mit den millionenfachen Morden geführt.“ Stattdessen setzte die nicht-jüdische Leserschaft auf Schmerzvermeidung als Überlebensstrategie. Eine Tragödie eigener Art.

Ungeahnte Popularität an US-Hochschulen

Die Wahrnehmung des Jiddischen ist im Wandel. Auch in der Wissenschaft. Seit den 1990er Jahren, schreibt Susanne Klingenstein, erfreut sich die Jiddistik an den Hochschulen in den USA einer ungeahnten Popularität: „Der Erfolg kam durch die Suche einer neuen Generation amerikanischer Juden nach Authentizität und nach emotional und politisch attraktiven kulturellen Wurzeln.“

Zur modernen Rezeption der jiddischen Literatur in Deutschland verweist Susanne Klingenstein auf Martin Walser. Der sei „der erste deutsche Autor“ gewesen, der ein Buch über einen jiddischen Schriftsteller geschrieben und auf das deutsche Vergessen dieser Literatur hingewiesen habe. So geschehen im Jahre 2014 in dem Band „Shmekendike Blumen“. Darin würdigt Martin Walser den Kollegen Sholem Yankev Abramovitsh (1835-1917), auf den er von Susanne Klingenstein aufmerksam gemacht worden war. Sie selbst veröffentlichte im selben Jahr „Mendele der Buchhändler – Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh“.   

„Jiddisch hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen“

Sicher wird von Abramovitsh noch die Rede sein. Dies allerdings erst in einem der „künftigen Bände“, wie es heißt, die sich mit den Zeiträumen zwischen 1602 und 1815 (im westlichen Aschkenas) sowie zwischen 1760 und 1917 (im östlichen Aschkenas) befassen werden. Hier geht es erst einmal um die Anfänge und die Grundlagen, um die Zeit von 1105 bis 1597.

Als Isaac Bashevis Singer im Jahr 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt, sagte er in Stockholm: „Yidish hot nokh vayt nisht gezogt dem letstn vort. Es anthalt oytsres vos zenen nokh nisht antdekt far der groyser velt.“ – „Jiddisch hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Es enthält Schätze, die der Welt noch nicht enthüllt wurden.“ Susanne Klingenstein leistet ihren großen Beitrag zu dieser Enthüllungsgeschichte.

Martin Oehlen

  • Zur Orientierung

    Die Angaben entnehmen – wer hätte es gedacht – Susanne Klingensteins Kulturgeschichte.

  • Vier Sprachphasen

    Protojiddisch bis etwa 1250

    Altjiddisch 1250 – 1500

    Mitteljiddisch 1500 – 1750

    Neujiddisch 1750 bis heute

  • Fünf Literaturepochen

    Entfaltung 1105 – 1786

    Klassik 1760 – 1917

    Moderne 1917 – 1939

    Katastrophe 1939 – 1945

    Restauration 1945 – 2000

Auf diesem Blog

haben wir zwei Romane des jiddischen Schriftstellers Isaac Bashevis Singer besprochen: „Jarmy und Kaila“ (HIER) und „Der Scharlatan“ (HIER).

Gerne verweisen wird auch auf Louis Ginzbergs monumentales Werk „Die Legenden der Juden“ (HIER), das einst aus dem Deutsch-Jiddisch-Englischen ins Englische übersetzt worden ist und nun erstmals in deutscher Übertragung aus dem Englischen vorliegt.

Susanne Klingenstein: „Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein – Eine Kulturgeschichte der jiddischen Literatur – 1105-1597“, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 634 Seiten, 50 Euro.

2 Gedanken zu “Susanne Klingenstein hebt einen Schatz: „Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein – Eine Kulturgeschichte der jiddischen Literatur – 1105-1597“

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