Noch eine Fundsache aus dem Nachlass: Isaac B. Singers tragikomischer Fortsetzungsroman „Der Scharlatan“

Foto: Bücheratlas

Hertz Minsker hadert mit sich im New York der 1940er Jahre. Dabei geht es ihm vordergründig nicht schlecht. Zunächst und vor allem ist ihm die Flucht vor dem mordwütigen Terror der Nazis gelungen. Auch findet er, der mit seinen Büchern kein Geld verdient, immer wieder Gönner – erst den engen Freund Morris Calisher, dann den Mäzen Bernard Weiskatz. Zudem lässt sich eine Frau nach der anderen auf ihn ein, obschon eine jede von ihnen weiß, dass Minsker das Gegenteil von Treue bedeutet. Das nehmen alle in Kauf – Ehefrau Bronja, dann Minna, die Möchtegern-Dichterin und Ehefrau seines Freundes „Moyschele“, zudem die verwitwete Séance-Expertin Bessie sowie deren „Medium“ Miriam.

„Nicht viel besser als Hitler“

Trotzdem ist Hertz Minsker unzufrieden. Der Sohn eines Rabbiners missbilligt sein eigenes Verhalten, seine Täuschungen, seine Seitensprünge. Das alles löst bei ihm Scham und Selbstverachtung aus. Den Gipfelpunkt der Selbstanklage erreicht er mit dem Hinweis, er sei „nicht viel besser als Hitler“. Ja, „Hitler war ehrlich gesagt die Summe aus Millionen solcher namenslosen Schufte wie Minsker.“

Als „Scharlatan“ wird Minsker einmal bezeichnet, als Scharlatan sieht er sich selbst. Seine Geschichte erzählt Isaac B. Singer (1902-1991) in dem dann auch so betitelten Roman, der von Dezember 1967 bis Mai 1968 in der jiddischen Tageszeitung „Forverts“ beziehungsweise „Forward“ abgedruckt worden ist. Nun erscheint der Roman erstmals als Buch. Damit erfährt er dieselbe Auferstehung wie schon vor zwei Jahren Singers Roman „Jarmy und Kaila“ (HIER auf diesem Blog), der 1976 und 1977 ebenfalls im „Forverts“ veröffentlicht worden war.

Einsamer Experte für „Humanstudien“

Singer, der 1931 von Warschau nach New York emigrierte und 1978 den Literatur-Nobelpreis erhielt, hat rund um Hertz Minsker ein dunkelfarbiges Rankenwerk erschaffen. Das ist manchmal urkomisch, zumal wenn es um den Gelehrten geht, für den Minsker gehalten wird, wenngleich kaum jemand seine „Humanstudien“ versteht, ja, die vermutlich gar nicht zu verstehen sind. In dem Zusammenhang: „Außer Jiddisch und Hebräisch konnte er keine Sprache fließend sprechen, obwohl er auf Deutsch, Französisch und Russisch Bücher geschrieben und an etlichen Universitäten studiert hatte, allerdings ohne einen Abschluss.“

Doch immer dann, wenn vom Holocaust jener Jahre die Rede ist, wird es bitter. Zumal gilt das für die Auftritte von Bronja, die aus Liebe zu Hertz Minsker ihren Mann und ihre beiden Kinder verlassen hatte. Der Gedanke, dass ihre Familie im Warschauer Getto den gelben Stern trägt, während sie in amerikanischer Sicherheit lebt, macht ihr das Exil zur Hölle.

„Gnadenlos selbstkritisch“

Hilflos wirkt Minsker in vielen, fast allen Lebenslagen – doch „in Liebesdingen hatte er großes Geschick“. Seine „Leidenschaft Nummer eins“ waren die Frauen. „Jeder Tag musste neue Spiele, neue Dramen, Tragödien und Komödien bereithalten, sonst würde er an spirituellem Skorbut eingehen.“ Im Nachwort schreibt David Stromberg, dass im Roman „Gerüchte über Singers Untreue“ anklängen, von denen in Veröffentlichungen über sein Leben ab und an die Rede war. „Vermutlich nutzte Singer seine Machtposition aus, um Frauen anzuziehen, die ihn bewunderten“, schreibt Stromberg weiter, „aber im ‚Scharlatan‘ wird den Lesern eine gnadenlos selbstkritische und vernichtende dichterische Reflexion dieses Verhaltens präsentiert.“

Das Leben im Exil, Religiosität, Untreue, Solidarität und der Schatten des aktiv wütenden Holocausts – das alles fügt sich hier zu einer lohnenden Lektüre. Isaac B. Singers „Scharlatan“ erzählt von einer traurigen Gestalt, die sich durchs Leben wurschtelt. Dessen größtes Geheimnis ist wohl der Zuspruch, der ihm fortwährend zuteilwird. Hertz Minsker unkt schon früh im Buch: „Mit mir wird’s ein böses Ende nehmen!“ Aber das kann noch dauern.   

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich eine Besprechung von Isaac B. Singers Roman „Jarmy und Kaila“ – und zwar HIER .

Isaac Bashevis Singer: „Der Scharlatan“, dt. von Christa Krüger, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 396 Seiten, 25 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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