Mann-o-Mann (3): Heinrich Mann, einst als „Prophet“ und heute als „Vorbild“ gefeiert, ist mit seinem „Untertan“ in einer Ausstellung zu sehen

Nach einem Besuch im Buddenbrookhaus (HIER) und einem Blick auf das Verhältnis zwischen Thomas Mann und Lübeck (HIER), geht es im dritten Teil unserer Dezemberreihe um Heinrich Mann.  

Da braut sich was zusammen: Diederich Heßling (Werner Peters) blickt in Wolfgang Staudtes Verfilmung des Romans „Der Untertan“ (DDR 1951) besorgt in den Himmel. Gerade spricht er zur Eröffnung eines Kaiserdenkmals, da wird die nationalistische Zeremonie vom Sturm verweht – und der Film blendet über in die Ruinenlandschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs. Foto: Bücheratlas

Wo liegt Netzig? Womöglich an der Trave? In Heinrich Manns „Der Untertan“ von 1914, dem hellsichtigen Roman über das untergehende deutsche Kaiserreich, weisen viele Anzeichen auf Lübeck hin. Jedoch wird ausdrücklich das fiktive Netzig als Schauplatz genannt. Es ist der Ort von räumlicher Enge und scheinbarer Wohlanständigkeit des Bürgertums, in dem Diederich Heßling seinen fürchterlichen Aufstieg als buckelnd-tretender Lobredner der Obrigkeit exekutiert.

„Über Autorität und Gehorsam“

„Der Untertan“ ist das Herzstück der „Kaiserreich-Trilogie“ von Heinrich Mann (1871 – 1950), zu der außerdem die weniger bekannten Werke „Die Armen“ (1917) und „Der Kopf“ (1925) gehören. Zuvor schon hatte er mit „Professor Unrat“ (1905) einen satirischen Roman auf das Bildungsbürgertum veröffentlicht, der dann vor allem durch Josef von Sternbergs Verfilmung „Der blaue Engel“ bekannt wurde, mit Emil Jannings und Marlene Dietrich im Jahre 1930.

Dem „Untertan“ ist nun eine kleine Ausstellung im famosen, ansonsten der Kunst und Kulturgeschichte gewidmeten St. Annen-Museum in Lübeck gewidmet. „Der Untertan – Über Autorität und Gehorsam“ ist zumal auf Schülerinnen und Schüler zugeschnitten. Da werden Themen verhandelt, die den Ausstellungsmachern um Birte Lipinski, der Leiterin des Buddenbrookhauses, zeitlos aktuell erscheinen: „Macht, Autorität, Gehorsam, Zensur, Ausgrenzung, Teilhabe, Patriarchat, Gewalt etc.“. Ja, das passt in etwa.

„Trinkt euch aller Sorgen quitt“

Los geht es mit der Genesis des Buches. „Der Untertan“ wurde im ersten Halbjahr 1914 vollendet. Unmittelbar darauf startete der Vorabdruck in der Zeitschrift „Zeit im Bild“. Allerdings kam dann der Erste Weltkrieg dazwischen. Die Redaktion bat Heinrich Mann um Verständnis, dass seine kritische Sicht auf Staat, Militär und Gesellschaft in solch patriotischen Zeiten auf wenig Verständnis in der Leserschaft stoßen würde. Erst 1918 erschien der Roman als Buch im Kurt Wolff Verlag. Sein Autor wurde als Prophet gefeiert, der die bevorstehende Kriegs-Katastrophe früher als die meisten erkannt hatte.

Weiter betont die Ausstellung die kapitalistische Ausbeutung, die in der Papierfabrik des Romans auf die Spitze getrieben wird. Dann geht es hinein in den Ratskeller zum Stammtisch der „Partei des Kaisers“ – hier von den Ausstellungsmachern ironisch gebrochen durch die Wimpel-Farben Aubergine-Weiß-Pink. Von der Wand tropft dazu jede Menge dumpfes Denken: „Friedliche Rast am traulichen Herd / und an der Wand ein schneidiges Schwert / Nach alter Sitt‘ in deutscher Mitt‘ / kommt trinkt euch aller Sorgen quitt.“ Das ist die Welt des Diederich Heßling. „Nicht Bildung, sondern Rausch wird zu seinem Lebenselixier“, schreibt der 2014 verstorbene Heinrich-Mann-Experte Peter-Paul Schneider, „vom Bier des Kneipanten über die Idolatrie seiner Kaiser-Projektionen bis zum nationalistisch-imperialistischen Phrasen-Gehabe bleibt er diesem Zustand treu.“

„Haste genug?“

Ursprünglich sollte der Roman den Untertitel „Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II.“ tragen. Dazu gehört dann auch die Rolle der Frau in der wilhelminischen Gesellschaft. Um es kurz zu machen: viel zu sagen hat sie nicht. Da reimt sich Frau auf „Fleischlichkeit“. Das Schlafzimmer ist der einzige Ort, an dem sich Diederich Heßling der Gemahlin Guste unterordnet.

Wir gucken mal kurz durchs Schlüsselloch: „In einer unerhörten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm befehlen: ‚Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!‘ – und dann auf den Rücken gelagert, ließ er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich unterbrach sie sich inmitten dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne ihr grausames Pathos und streng sachlich: ‚Haste genug?‘ Diederich rührte sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin.“

„Claritas mentis“ bei Verschwörungsglauben

Es ist zum Haarausraufen, wie dieser Diederich Heßling seinen Weg geht. Zum Haarausraufen finden die Ausstellungsmacher allerdings auch, dass der eine oder andere sogenannte Querdenker versucht, den Roman für die eigene Kampagne zu kapern. Der Titel „Der Untertan“ scheint halt so schön ins Konzept zu passen. Dabei wird der Unterschied zwischen der Monarchie von einst und der Demokratie von heute übersehen. Caren Heuer, Kuratorin der Ausstellung, empfiehlt, den Roman zu lesen und nicht zu missbrauchen.

Überhaupt wird Klarsicht empfohlen. Deshalb gibt es am Ende des kurzen Ausstellungs-Rundgangs noch ein paar Medikamente aus der Apotheke. „Claritas mentis“ wird „bei allen Formen des Verschwörungsglaubens“ empfohlen. Und auf dem Beipackzettel zur Arznei „Provem Scientiam“ steht: „Zu verabreichen bei leichten und schweren Formen von Wissenschaftsferne, Verwechslung von Medizin und Aberglaube sowie Überschätzung von Youtube-Videos gegenüber staatlich anerkannten Universitätsabschlüssen in der Medizin.“  

„Bestimmte Klischees wiederholt“

Irren ist menschlich. Auch Heinrich Mann war nicht unfehlbar. Alles andere als das. In der Frühzeit befleißigte er sich antisemitischer Ausfälle. Und es lässt sich fragen, wie es die Ausstellung dann auch unübersehbar tut, welchen einschlägigen Klischees der Roman aufsitzt. Es sei als „komplex“ anzusehen, ist auf einer Wandtafel zu lesen, „dass die Erzählerstimme des Romans den Antisemitismus satirisch bloßstellt, aber gleichzeitig bestimmte Klischees wiederholt.“

Noch so ein Irrtum: Nachdem Heinrich Mann vor den Nazis geflohen war, verhielt er sich eine Weile „sehr unkritisch“, wie es heißt, zum Stalinismus. Immerhin – die Kurve hat er noch jedes Mal gekriegt. In der künftigen Dauerausstellung im Buddenbrookhaus sollen Wege und Irrwege klar thematisiert werden.

Ausgeschlossen, verboten und vertrieben

Die Nazis haben Heinrich Mann sofort als Gegner ihres Unwesens ausfindig gemacht. Bereits im Februar 1933 wird er aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, in der er seit 1930 Präsident der Sektion Dichtung war. Im gleichen Monat flieht er mit seiner zweiten Ehefrau Nelly Kröger ins Exil nach Nizza. Im Mai werden seine Werke bei der Bücherverbrennung ins Feuer geworfen. Im Juni verbietet der „Kampfbund für deutsche Kultur“ seine Romane mit dem Hinweis, dass der Autor „seine große Begabung dazu benutzt, das nationale Deutschland lächerlich zu machen; z.T. auch zersetzend.“ Im August steht er auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reiches, was mit der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft einhergeht.

In Südfrankreich schreibt Heinrich Mann die Romane „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quartre“. Doch dieses Exil ist bald schon kein sicherer Hafen mehr. Ein weiteres Mal muss er vor den Nazis fliehen, als sich die Schlinge zuzuziehen beginnt. Er emigriert 1940 in die USA. Nach Deutschland wird er, wenngleich es geplant war, nicht mehr zurückkehren. Er stirbt in Santa Monica im Jahre 1950.  

„Er sollte uns gerade heute Vorbild sein“

In unserer Gegenwart ist Heinrich Mann ein Gewährsmann für die Demokratie. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hob ihn 2021 aufs Podest: „Einer wie Heinrich Mann, ein Anhänger der Aufklärung und Verteidiger der Demokratie, sollte uns gerade heute Vorbild sein. Denn wir erleben ja wieder, wie die Demokratie verächtlich gemacht wird, wie der Hass öffentliche Debatten vergiftet, wie sich autoritäres Denken und Irrationalismus verbünden, wie mancherorts die Sehnsucht nach nationaler Abschottung wächst.“  

Martin Oehlen

Fortsetzung folgt

in Kürze auf diesem Blog. Dann schauen wir mal, wie die Brüder Heinrich und Thomas von Weihnachten erzählen. Und was es mit dem Plettenpudding auf sich hat.

Die bisherigen Teile

unserer Mann-o-Mann-Reihe sind leicht greifbar. Der Auftakt im Buddenbrookhaus findet sich HIER und die Beziehungskiste zwischen Thomas Mann zu seiner Geburtsstadt HIER.

Ausstellung

„Der Untertan – Über Autorität und Gehorsam“, kuratiert vom Buddenbrookhaus in den Räumen des St. Annen-Museums, Di – So von 10 – 17 Uhr. Bis 31. März 2023.

Heinrich Mann: „Der Untertan“, Reclam, 686 Seiten, 10,80 Euro. E-Book: 9,49 Euro.  

2 Gedanken zu “Mann-o-Mann (3): Heinrich Mann, einst als „Prophet“ und heute als „Vorbild“ gefeiert, ist mit seinem „Untertan“ in einer Ausstellung zu sehen

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