Turbulente Vermählung der Kulturen: Monica Ali erzählt in ihrem fabelhaften Roman „Liebesheirat“ eine indisch-britische Familiengeschichte

Einwanderer aus dem indischen Subkontinent haben schon in Monica Alis Bestseller „Brick Lane“ eine zentrale Rolle gespielt. Die Straße Brick Lane im Londoner East End gilt als Zentrum der Bangladeschi-Community in der Stadt. Foto: Bücheratlas

Sex? Nein, über Sex spricht man nicht im Hause Ghorami. Filmszenen mit Zungenküssen sind tabu. Sie führen zum sofortigen Abschalten des Fernsehgeräts, und wenn Yasmin ihre Periode hat, dann darf sie nie, nie, niemals den Koran berühren. Selbst drei Jahrzehnte in Großbritannien vermochten nicht an den Prinzipien eines islamischen Haushalts zu rütteln.

Erotischer Krimskrams im Schlafzimmer

Doch spätestens als Anisah und Shaokat Ghorami die Mutter ihres zukünftigen Schwiegersohns kennenlernen, muss das traditionsbewusste indische Ehepaar umdenken. Harriet Sangster, eine semmelblonde britische Autorin mit Promistaus, vertritt „ihre eigene Auffassung zur weiblichen Emanzipation und sexuellen Befreiung“. Ihr Schlafzimmer ist dekoriert mit erotischem Krimskrams, und im Netz kursiert ein Foto von ihrer behaarten, entblößten Scheide, das Harriet als feministisches Statement gegen einschlägige Männerphantasien von „einem gewachsten, leergerupften Intimbereich“ verstanden wissen will.    

„Love Marriage“ – „Liebesheirat“, so hat Monica Ali ihren fabelhaften neuen Roman genannt, der vordergründig als humorvolle Culture-Clash-Story daherkommt und doch von sehr viel mehr erzählt als vom Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen. Ihr Buch sei eine Geschichte über das heutige Großbritannien, umschreibt die Autorin im Begleitmaterial des Verlags den Kern ihres jüngsten Werks: „Eine Geschichte über die Komplikationen und Widersprüche, die das Leben mit sich bringt, eine Geschichte über Sehnsüchte, Begierden und Familie“.

Einwanderer in Großbritannien

Monica Ali, 1967 in Bangladesch geboren, ist in einer bengalisch-britischen Familie aufgewachsen und lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Großbritannien. Bereits in ihrem 2002 erschienenen Debütroman „Brick Lane“ thematisierte sie das Leben bengalischer Einwanderer in Großbritannien und eroberte sich mit dem opulenten Werk einen Platz ganz oben auf den englischen und später auch auf den deutschen Bestsellerlisten. Nach mehreren weniger erfolgreichen Ausflügen in andere Themenbereiche ist sie mit „Liebesheirat“ zu ihren schriftstellerischen Ursprüngen zurückgekehrt.

Eigentlich habe sie zwei Geschichten schreiben wollen, sagt Monica Ali. Eine über die Familie Ghorami und eine zweite über Harriet Sangster und ihren Sohn Joe. Doch erst als sie die beiden Erzählstränge miteinander verbunden habe, sei daraus genau das Buch entstanden, das ihr vorgeschwebt habe.

Eine Frage des Rassismus

Joe Sangster und die 26 Jahre alte Yasmin Ghorami haben sich während ihrer Ausbildung im Krankenhaus kennengelernt. Schon wenige Monate später wollen die beiden angehenden Ärzte heiraten. Die Familien sind einander wider Erwarten sympathisch. Vor allem Harriet ist von der Schwiegertochter und deren „exotischen“ Eltern angetan und wird nicht müde, ihre Aufgeschlossenheit gegenüber allem Nicht-Britischen zu demonstrieren. Dass sie auf ihre Weise nicht minder rassistisch ist als manche von Yasmins Patienten, die aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe ihre Kompetenz als Ärztin anzweifeln, ignoriert sie geflissentlich.

Ohnehin erweist sich die Heile-Welt-Fassade, die beide Familien mit Mühe aufrechterhalten, schnell als äußerst bröckelige Angelegenheit. Unter der Tünche verbergen sich sexuelle Vorlieben, die sich der allgemeinen Norm entziehen, ungestillte Sehnsüchte und ein Familiengeheimnis, dessen Schatten bis in die Gegenwart reicht. Monica Alis Verdienst ist es, aus all dem kein Drama, sondern eine humorvoll erzählte, vielschichtige Familiengeschichte zu machen.

Seitenhiebe gibt es zuhauf

Nachdem Shaokat Ghorami sich mit seinem Sohn überworfen hat, verlässt Anisah ihn und zieht zum Entsetzen ihrer Tochter bei Harriet ein. Auch zwischen Yasmin und Joe kriselt es, und ob es jemals zur Liebesheirat zwischen ihnen kommen wird, steht in den Sternen. Etliche Seitenhiebe gegen schwafelnde Intellektuelle, alte weiße Frauen und den ganz alltäglichen Rassismus erklärter Antirassisten machen das Buch darüber hinaus zu einem Lesevergnügen.

Petra Pluwatsch

Lesungen mit Monica Ali

in Zürich am 5. April 2022 um 20 Uhr bei „Kaufleuten“, Moderation: Marcy Goldberg;

in Köln am 6. April um 19.30 Uhr als Veranstaltung des Literaturhaus Köln im Kölnischen Kunstverein, Moderation: Julian Hanebeck;

in München am 7. April um 20 Uhr im Literaturhaus München, Moderation: Tobias Döring;

in Hannover am 8. April um 20 Uhr als Veranstaltung des Literarischen Salons Hannover im Conti Campus;

in Hamburg am 9. April 2022 um 19.30 Uhr als Veranstaltung des Literaturhaus Hamburg im UKE (Erika-Haus), Moderation: Margarete von Schwarzkopf.

Monica Ali: „Liebesheirat“, dt. von Dorothee Merkel, Klett-Cotta, 592 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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