Meilenstein zur Kirschblütenzeit: Das „Große japanisch-deutsche Wörterbuch“ liegt komplett vor – Ein Gastbeitrag von Ursula Gräfe

Foto: Bücheratlas

Rechtzeitig zum Beginn der Kirschblüte ist der langersehnte dritte und letzte Band des „Großen japanisch-deutschen Wörterbuchs“ (GDJW) mit den Buchstaben O bis Z erschienen. Damit ist das epochemachende Werk komplett, das seit langem ein Desiderat war und nun einen Meilenstein in der deutschen Japanforschung darstellt.

Jahreszeitenwort und Pferdefleisch

Ich mache mir das Vergnügen, in den 2510 Dünndruckseiten des brandneuen Bandes mit den beiden roten Lesebändchen zu blättern und anlässlich der Jahreszeit unter sakura, japanisch für „Kirschblüte“, nachzuschlagen. Diese ist, wie Herausgeberin Irmela Hijiya-Kirschnereit in ihrem Essayband „Was vom Japaner übrigblieb“ (2013) schreibt, in Japan „die Blume schlechthin“. So erfährt man unter dem Stichwort sakura natürlich nicht nur, dass es sich dabei um eine „Gesamtbezeichnung für einige Bäume der Gattung Prunus, ehem. Untergattung Cerasus“ oder um ein poetisches „Jahreszeitenwort f. Frühling“ handelt, sondern auch dass man in Japan das Fortschreiten der „Kirschblütenfront“ wie auf einer Wetterkarte verfolgt.

Entsprechend der überragenden kulturellen Bedeutung des Begriffs erhält eine Vielzahl von Dingen – Speisen, Pflanzen, Fische und mehr – durch die Kombination mit dem Wort sakura eine eigene Bedeutung, wie zum Beispiel „kirschblütenfarbenes Fleisch“ ganz profan für Pferdefleisch steht. In der Gaunersprache ist sakura ein „belebtes Viertel“ und zudem ein Wort für sake, der laut GDJW unter anderem alle Spirituosen bezeichnen kann.

Im Rausch des Stöberns

Hier bietet sich eine passende Überleitung zu dem Rausch, in den man – zumindest als Übersetzerin – beim Stöbern in den sich auf insgesamt 7523 Seiten darbietenden Möglichkeiten der drei Bände geraten kann. Also noch ein Beispiel. 2022 ist ein Jahr des Tigers, schauen wir doch einmal dort nach und finden heraus, dass die Himmelsrichtung des Tigers Nordnordost und einer, der „zum Tiger wird“, „sternhagelvoll“, „sturzbetrunken“ oder „stockbesoffen“ ist.

Das hier erkennbare Spektrum umgangssprachlicher Vorschläge verdeutlicht, welch unschätzbare Quelle der Inspiration die drei Bände des GDJW mit ihren über 130.000 Stichwörtern versprechen. Womit wir wieder bei den nüchternen höchst beeindruckenden Tatsachen angelangt sind. Die bei aller Diversität und Komplexität des Materials übersichtlich präsentierten Einträge liefern neben Redewendungen und Sprichwörtern zahllose Belege aus zeitgenössischen Textgattungen wie Zeitungen oder wissenschaftlichen und literarischen Werken. Beispielsweise wird unter henshin (Verwandlung) aufgeführt, dass dies auch der Titel der japanischen Übersetzung von Kafkas berühmter Erzählung ist.

Eine neue Dimension

Bei der Suche nach Begriffen aus der in den letzten Jahren stetig gewachsenen Zahl an Neologismen wird man in der Regel ebenfalls fündig. Als Beispiel sei hier sumaho, die Abkürzung für das japanische Wort für Smartphone, genannt. Auch die Fülle von Fachvokabular aus verschiedensten Bereichen, unter anderem aus Architektur, Medizin, Musik und Computertechnologie, ist in keinem bisherigen Wörterbuch anzutreffen.

Mit der bemerkenswerten Vielseitigkeit seiner Angaben erschließt das Große japanisch-deutsche Wörterbuch in drei Bänden eine neue Dimension japanologischen Arbeitens.

Ursula Gräfe

Zur Person

Ursula Gräfe lebt als Übersetzerin in Frankfurt am Main. Sie hat mir ihren Übertragungen aus dem Japanischen das Werk von Haruki Murakami in Deutschland populär gemacht. Zuletzt erschienen im vergangenen Jahr der Erzählungsband „Erste Person Singular“ (eine Besprechung findet sich auf diesem Blog HIER) und „Murakami T – Gesammelte T-Shirts“ (HIER). Zahlreiche weitere Autorinnen und Autoren hat sie aus dem Japanischen übersetzt – darunter den Nobelpreisträger Yukio Mishima (HIER) und den neuen Star Sayaka Murata (HIER) und (HIER). Jüngst erschien ihre Übersetzung von Asako Yuzukis Roman „Butter“ (HIER). Ursula Gräfe erhielt 2004 zusammen mit Kimiko Nakayama-Ziegler den Übersetzerpreis der Japan Foundation für den Erzählungsband „Schwimmbad im Regen“ von Yoko Ogawa. Im Jahre 2019 wurde sie – wie auch Nora Bierich – mit dem Noma Award for Translation of Japanese Literature ausgezeichnet.

Bild: G. P. Dailleau

Jürgen Stalph, Irmela Hijiya-Kirschnereit, Wolfgang E. Schlecht, Kōji Ueda (Hrsg.): „Großes japanisch-deutsches Wörterbuch“, Band 3: O-Z, Iudicium Verlag, 2510 Seiten, 278 Euro.  

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