Der Nobelpreis-Kandidat ruft zum Putsch auf und begeht danach Harakiri: Yukio Mishima starb vor 50 Jahren in Tokio

Der Goldene Pavillon in Kyoto Foto: Bücheratlas

Der Schriftsteller Yukio Mishima fährt am 25. November 1970 mit vier Gefolgsleuten seiner nationalistischen Tatenokai-Miliz am Hauptquartier der japanischen Streitkräfte in Tokio vor. Das Quintett ist beim Kommandanten angemeldet. Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln, in deren Verlauf Mishima auch sein kostbares Schwert präsentiert, wird der Offizier plötzlich überrumpelt und als Geisel genommen. Mishimas Forderung: Alle in der Kaserne stationierten Soldaten sollen sich sofort auf dem Hof versammeln.

Putschist wird verspottet

Kurz darauf spricht Mishima in senfgelber Phantasie-Uniform und mit weißem Stirnband vom Balkon. Er fordert die dicht gedrängt stehenden Soldaten auf, sich für die Wiedereinsetzung des traditionellen Kaisertums zu erheben. Allerdings zündet der Funke nicht. Ganz und gar nicht. Der Möchtegern-Putschist wird von der Garnison verspottet und beschimpft. Mehrmals verlangt Mishima, der zuvor einige Journalisten zum Tatort eingeladen hatte, man möge ruhig sein und ihm zuhören. Aber im Grunde hatte er wohl nichts anderes erwartet.

Nach einem verbalen Salut auf den Kaiser tritt Mishima vom Balkon zurück in den Raum, wo seine Komplizen den gefesselten Offizier bewachen. Mishima kniet vor ihm nieder. Zückt sein Schwert. Dann begeht er Selbstmord nach Art der Samurai. Sein Liebhaber Masakatsu Morita ist auserkoren, ihm anschließend den Kopf abzuschlagen, was aber erst nach einigen Versuchen gelingt. Morita stirbt dann auf dieselbe Weise. Die drei verbliebenen Mitstreiter werden von der Polizei verhaftet.  

Karrierestart als 16-Jähriger

Yukio Mishima (1925 – 1970) ist im 20. Jahrhundert einer der bedeutendsten und bekanntesten Schriftsteller seines Landes. Es gab eine Schockphase nach dem Putsch, während der er gemieden wurde. Doch längst gilt Mishima wieder als literarische Größe, ja, die Übersetzerin Ursula Gräfe spricht gar von einer „Überlebensgröße“ der Person und des Autors. Auch als Model und als Schauspieler war er bekannt. Dass Mishima als rechtsextrem-nationalistisch austickender Zeitgenosse den Umsturz plante, sich für Monarchie und Militäraufrüstung aussprach, ändert nichts an der Qualität seines umfangreichen Werks. In seinem Namen wird ein Literaturpreis verliehen, ein ihm gewidmetes Museum in Yamanakako (gelegen zwischen Tokio und dem Fuji) präsentiert Originaltexte und Erstausgaben.

Die Karriere als Autor begann früh. Als 16-jähriger Schüler schrieb er die Kurzgeschichte „Der Wald in voller Blüte“, die in einer Literaturzeitschrift erschien. Mishima befürchtete, deshalb von seinen Mitschülern im Weltkriegsjahr 1941 (Japan würde im Dezember Pearl Harbor überfallen) gemobbt zu werden. Daher veröffentlichte er den Text nicht unter seinem Geburtsnamen Hiraoka Kimitake, sondern unter dem Pseudonym Yukio Mishima. Dabei blieb es – beim Schreiben und beim Künstlernamen.

Das Werk in frischen Übersetzungen

Nun legt der Zürcher Verlag Kein & Aber Mishimas Werke in frischen Übersetzungen vor. Zunächst ist dort der autobiographisch durchwirkte Roman „Bekenntnisse einer Maske“ (1949) in der Übersetzung von Nora Bierich neu erschienen. Zuvor lag er als „Geständnis einer Maske“ in einer Übersetzung aus dem Amerikanischen von Helmut Hilzheimer vor.

Darin geht es um Kochan, der seine Homosexualität vor der Gesellschaft zu verheimlichen versucht. Schon als Junge hatte er geahnt, wie der Ich-Erzähler sagt, „dass es in dieser Welt ein Begehren gibt, das wie ein Brennen ist.“ Dass dieses Begehren nicht von der Freundin Sonoko befriedigt werden kann, wird nach allerlei Aufs und Abs offensichtlich: „War das nicht großartig! Ich war ein Mann, der eine Frau verführte, ohne sie zu lieben, und sich ihrer rücksichtslos entledigte, als sie ihn in ihr Herz schloss.“

Brandstiftung im Goldenen Pavillon

„Der Goldene Pavillon“ (1956), einst von Walter Donat als „Der Tempelbrand“ ins Deutsche übertragen, liegt nun in Ursula Gräfes Fassung vor. Im Roman geht es um den Außenseiter Mizoguchi, der stottert und sich als hässlich empfindet. Von seinem Vater hatte er erfahren, dass es auf der Welt nichts Schöneres gebe als den Goldenen Pavillon in Kyoto. So tritt Mizoguchi eines Tages als Novize in das buddhistische Kloster ein. Der mit Blattgold ausgeschmückte Tempel aus dem 14. Jahrhundert, dessen Abbild im Spiegelsee angeblich noch vollkommener wirkt als das Original, wird für ihn zur Projektionsfläche für all das, was er liebt und was er erleidet.

Nachdem dieses kulturhistorische Kleinod, anders als vermutet, im Krieg nicht bombardiert wird, übernimmt Mizoguchi das zerstörerische Werk.  Er entzündet einige Strohbündel und stellt fest: „Das Feuer mit seinen tanzenden Schatten beschwor kurz die helle Farbe abgeernteter Felder und breitete sich dann gewissenhaft in alle Richtungen aus.“ Der Himmel schien schon bald „wie mit Goldstaub bestreut.“ Eine vernichtende Inbesitznahme.

Der Roman basiert auf einer realen Brandstiftung, begangen von einem Mönch am 2. Juli 1950, wenige Tage nach Ausbruch des Koreakriegs. Das Feuer fraß sich gierig durch die Holzkonstruktion des Goldenen Pavillons, auch Kinkaku-ji genannt. Der Täter hatte geplant, sich nach der Brandstiftung umzubringen; Mishima lässt seinen Romanhelden einen anderen Weg gehen: „Ich wollte leben.“ Selbstverständlich wurde Japans nationales Heiligtum neu aufgebaut. Sehr schnell sogar. Und heute ist es wie ehedem eine der größten Touristen-Attraktionen des Landes, ein Unesco-Weltkulturerbe.

Einsame Seelen, düstere Grübler

Zuletzt erschien in deutscher Erstübersetzung, abermals von Nora Bierich, der Roman „Leben zu verkaufen“. Diesmal heißt der Held Hanio und scheitert bei dem Versuch, Selbstmord zu begehen. Daraufhin bietet der Nihilist aus Fernost sein Leben feil. Kunden gibt es genug, vor allem zwielichtige. Allerdings wird das mit dem vorzeitigen Tod auch auf diese Weise nichts. Ein philosophisches und für Mishima-Verhältnisse ungewöhnlich amüsantes Buch.

Kochan, Hanio, Mizoguchi – die Helden der drei Romane hadern mit der Welt, sind einsame Seelen, düstere Grübler, nicht wirklich sympathisch. Sie streifen durch psychologisch subtile Texte, die kühl klingen, aber keineswegs kalt lassen. Dass sie indirekt Kritik üben an der japanischen Nachkriegsgesellschaft, ist keine Frage. Drei Romane für ein nachhaltiges Leseerlebnis. Weitere sollen bei Kein & Aber folgen.

Der berühmteste Moment

„Der berühmteste Moment im Leben des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima“, schreibt Ursula Gräfe im Nachwort zum „Goldenen Pavillon“, „ist paradoxerweise sein Tod.“ Tatsächlich beginnt mit Mishimas letztem Tag, heute vor 50 Jahren, die Biografie „The Life and Death of Yukio Mishima“ (1974) von Henry Scott-Stokes, der als Journalist der Pressekonferenz unmittelbar nach dem Putsch-Versuch beigewohnt hatte. Und mit jenem 25. November beginnt auch der Spielfilm „Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln“ (1985) von Paul Schrader.

Ganz klar – Yukio Mishimas 50. Todestag ist ein guter Anlass, sich dem bedeutenden Werk des schillernden Autors zuzuwenden.

Martin Oehlen

Unsere Besprechung des Romans „Leben zu verkaufen“ findet sich HIER .

Unser Gespräch mit Ursula Gräfe, in dem sie auch auf die Übersetzung des Romans „Der Goldene Pavillon“ kurz eingeht, findet sich HIER .

Bei Kein & Aber erscheinen die neuen Übersetzungen der Romane von Yukio Mishima. Weitere Titel sollen folgen.

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