„Vielleicht sogar eine Autobiographie“: Haruki Murakamis Kurzgeschichtenband „Erste Person Singular“ mit Baseball, Bruckner, Bossa Nova

Die Irritationen des Alltags sind das Spezialgebiet von Haruki Murakami. Foto: Bücheratlas

Sonderbare Geschichten gehören zum Welterfolg von Haruki Murakami. Dass sich das Sonderbare inmitten unseres ganz „normalen“ Alltags zuträgt, ist dabei der Clou. Kurze Erschütterungen des Fundaments, die lange nachwirken. Der neue Erzählungen-Band „Erste Person Singular“ macht dieses Murakami-Prinzip vielfach deutlich. An mysteriösen Begegnungen und eigentümlichen Zufällen ist kein Mangel – und die Musik spielt dazu Klassik, Jazz und Beatles-Songs. 

Umso reizvoller ist dieser Band, der durchweg aus der Ich-Perspektive erzählt, weil er zuweilen Züge des japanischen Literaturstars aufscheinen lässt. So wird vielfach darauf verwiesen, dass hier ein Schriftsteller das Wort ergreift; und ausdrücklich werden einige Murakami-Werke erwähnt. Eklatant deutlich wird der persönliche Aspekt in „Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows“, worin Murakami seine Liebe zum Baseball schildert: „Vielleicht wird sogar eine kurze Autobiografie daraus.“ Aber natürlich sollte man nicht den Fehler begehen, die Erste Person Singular immerzu mit dem Autor gleichzusetzen.

„Sie sollten sich schämen“

Es sind atmosphärisch dichte, melancholisch grundierte Geschichten aus der Vergangenheit, die Ursula Gräfe abermals souverän ins Deutsche übertragen hat. Das Aufblitzen der Erinnerung erhellt allerdings längst nicht alles. So erinnert sich der Erzähler in der Start-Geschichte „Auf einem Kissen aus Stein“ nicht an das Gesicht und nicht an den Namen der jungen Frau, mit der er als 19-Jähriger zufällig eine Nacht verbracht hat: „‘Ich muss dich mal was fragen‘, sagte sie, als wir nackt unter dem Futon lagen. ‚Wahrscheinlich rufe ich beim Orgasmus den Namen eines anderen Mannes. Macht dir das was aus?‘“ Später will die Tanka-Dichterin wissen, ob er den Beruf des Schriftstellers anstrebe. „Nicht unbedingt, antwortete ich wahrheitsgemäß.“

Es sind entspannt wirkende Kurzgeschichten über die Tücke der Erinnerung und die Macht des Zufalls. Doch unter der Oberfläche gärt und brodelt es erheblich. In einer dieser Geschichten begegnet der Erzähler an einer Busstation einem alten Mann, der ihn unvermutet anspricht: „Ein Kreis, der viele oder mitunter unzählige Mittelpunkte und keine Begrenzung hat. Kannst du dir einen solchen Kreis vorstellen?“ Was das bedeuten sollte, weiß der Ich-Erzähler nicht zu sagen, aber immer, wenn er in einer Krise steckt, muss er an diese Aufgabe denken. In einer anderen Geschichte setzt sich eine Frau neben den Erzähler an die Bar. Plötzlich macht sie ihm Vorwürfe wegen einer angeblichen gemeinsamen Bekannten: „Sie sollten sich schämen.“ Doch der Erzähler hat keine Ahnung, von wem die Rede ist. Trotzdem erscheint ihm auch dies – sonderbar.  

Die schönste Geschichte ist vielleicht – „vielleicht“ sagt Murakami mehr als einmal – die Schönste also ist „Charlie Parker plays Bossa Nova“ (die schon 2019 im Granta-Magazin zu lesen war). Hier treibt der Leser von einer Umdrehung in die nächste. Los geht es damit, dass der Erzähler für eine Studentenzeitung die Sensation erfindet, dass Charlie Parker eine neue Platte herausgebracht habe – obwohl die Jazz-Legend schon acht Jahre zuvor verstorben ist, lesen einige Kommilitonen diese Fiktion als Tatsache. Lange Zeit danach entdeckt der Erzähler genau diese Platte mit den von ihm erfundenen Songs in einem Laden in New York. Als er sie am nächsten Tag kaufen will, zweifelt man an seinem Verstand: So ein Album könne es doch gar nicht geben. Und wiederum einige Jahre später träumt der Erzähler, dass Charlie Parker ins Saxophon bläst und Bossa Nova spielt – nur für ihn, als Dank für dieses Album. 

„Dann wäre ich ein reicher Mann“

Die bizarrste Geschichte ist das „Bekenntnis des Affen von Shinagawa“. Darin macht der Erzähler in einem Badeort die Bekanntschaft eines älteren Affen. Mit ihm kann man sich sehr gut unterhalten. Auch über klassische Musik. Auf die Frage, ob er Bruckner möge, antwortet der Affe: „Ja, seine siebte Sinfonie, besonders den dritten Satz, finde ich immer sehr inspirierend.“ Allerdings belässt es Murakami nicht bei der einen Irritation. Er setzt auch hier noch einen drauf: Der Affe bekennt, dass er zuweilen den Namen einer Frau klaue, wenn er sich in sie verliebt habe. Lange nach diesem Bekenntnis trifft der Erzähler die Redakteurin einer Zeitschrift, die ihn irritiert fragt: „Wie war noch mal mein Name?“

Die persönlichste Geschichte liefert der Baseball. Dass Murakami im April 1978 bei einem Spiel der Yakult Swallows gegen die Hiroshima Carps die Eingebung hatte, seinen ersten Roman zu schreiben, hat er schon oft erzählt. Nun berichtet er davon, dass er während der langen Spielpausen im Stadion Gedichte schrieb. Die Verse handelten von Spiel und Spielern. Kein Verlag wollte sie drucken. Daher gab er sie in Eigenregie heraus: „Heute ist das kleine Buch ein wertvolles Sammlerstück, das zu einem erstaunlich hohen Preis gehandelt wird. Man weiß nie, was passiert. Jedenfalls befinden sich nur noch zwei Exemplare in meinem Besitz. Hätte ich mehr behalten, wäre ich ein reicher Mann.“

Staunenswerte Stories sind das. Wer auf eindeutige Botschaften aus ist, hat bei der Lektüre einiges zu grübeln. Auf eine kernige Quintessenz ist der Autor nicht aus. Er will in erster Linie Geschichten erzählen, die es in sich haben. Solche von scheinbarer Harmlosigkeit und mit anhaltender Wirkung. Eine Hommage an die Irritation. Diesmal nicht als Romanzyklus, sondern als Kurzgeschichte: Diese Murakami-Pralinen sind ein Genuss.  

Martin Oehlen

  • Acht Kostproben

    Der Murakami-Sound soll hier in jeweils einem Zitat aus den insgesamt acht Erzählungen des Bandes „Erste Person Singular“ (DuMont Buchverlag) anklingen. Die Übersetzung besorgte wie stets Ursula Gräfe.

    Auf einem Kissen aus Stein

    Ob ich Schriftsteller werden wolle? Nicht unbedingt, antwortete ich wahrheitsgemäß. Damals hatte ich tatsächlich nicht die Absicht. Es war mir nicht einmal in den Sinn gekommen, obwohl in meinem Fachbereich massenhaft Leute verkündeten, Romane schreiben zu wollen.

  • Crème de la Crème

    „Nichts, was leicht zu haben ist, besitzt einen Wert“, raunzte mich der Alte an. „Doch das schwer Erreichbare, das du dir mit viel Zeit und Mühe verdienst, wird die Crème de la Crème deines Lebens sein.“

  • Charlie Parker Plays Bossa Nova

    Bird war mir im Traum erschienen, um sich dafür zu bedanken, dass ich ihm vor all den Jahren die Gelegenheit gegeben hatte, eine Bossa-Nova-Platte aufzunehmen. Dann hatte er „Corcovado“ für mich gespielt. Sie glauben mir wohl nicht? Das sollten Sie aber, denn es ist wirklich so passiert.

  • With the Beatles

    „Sie sind Schriftsteller?“ „Ja, so ungefähr.“

  • Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows

    Im nächsten Augenblick fiel mir (während eines Besuchs im Baseballstadion, Anm. d. Vf.) ein signierter Ball buchstäblich in den Schoß. Er war einfach dort gelandet. Wie ein Geschenk des Himmels. „Sehr gut“, sagte mein Vater halb verwundert, halb beeindruckt. Übrigens sagte er das auch, als ich mit dreißig meinen ersten Roman veröffentlichte. Sehr gut. Halb verwundert, halb beeindruckt.

  • Carnaval

    Zum unbestritten Großartigsten, sozusagen dem Nonplusultra der Klaviermusik, erklärten wir mehrere Sonaten von Schubert und einige Stücke von Schumann. „Wenn Sie von diesen Sonaten nur ein Stück auswählen dürften, welches wäre das?“, fragte mich F*. Nur ein Stück? „Genau, nur eins“, sagte F*, „das eine Stück, das Sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Welches wäre das?“ Das war eine schwierige Frage. Darüber musste ich erst einmal länger nachdenken. „Carnaval von Schumann“, wagte ich mich schließlich vor. F* verengte die Augen und sah mich eine Weile an. Dann legte sie die Hände auf den Tisch und ließ ihre Gelenke knacken.

  • Bekenntnis des Affen von Shinagawa

    Und um eine fiktive Geschichte daraus zu machen, fehlte ein Fokus und so etwas wie eine Pointe. Noch ehe ich sie überhaupt geschrieben hatte, konnte ich mir den verwirrten Gesichtsausdruck des Lektors bei der Lektüre des Manuskripts vorstellen. „Sie sind der Autor, und ich frage nur ungern, aber worum geht es eigentlich in dieser Geschichte? Was ist das Thema?“, würde er mich fragen. Thema? Es gibt kein Thema. Die Geschichte handelt von einem alten Affen, der sprechen kann.

  • Erste Person Singular

    In meinem Leben hatte es wie in dem der meisten Menschen mehrere bedeutende Weggabelungen gegeben, an denen ich nach links oder rechts abbiegen konnte. Und jedes Mal hatte ich mich für die eine oder die andere Richtung entschieden (mitunter gab es einen einleuchtenden Grund, aber häufig war das auch nicht der Fall. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, traf sich sozusagen selbst). Und jetzt saß ich hier, ich – erste Person Singular. Hätte ich mich für eine andere Richtung entschieden, wäre ich nicht hier. Doch wer um alles in der Welt war der Mann im Spiegel?

Auf diesem Blog finden sich einige Beiträge über Haruki Murakami, die sich leicht über die Suchmaske finden lassen. Zuletzt erschien eine Besprechung der Neuübersetzung „Die Chroniken des Aufziehvogels“ – und zwar HIER . Ein Gespräch mit der Murakami-Übersetzerin Ursula Gräfe findet sich HIER .

Haruki Murakami: „Erste Person Singular“, dt. von Ursula Gräfe, DuMont, 224 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

2 Gedanken zu “„Vielleicht sogar eine Autobiographie“: Haruki Murakamis Kurzgeschichtenband „Erste Person Singular“ mit Baseball, Bruckner, Bossa Nova

  1. Hallo,

    ich muss gestehen, bisher habe ich von Murakami nur „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gelesen, habe aber schon lange vor, das zu ändern. Ich überlege noch, ob dieser Kurzgeschichtenband eine gute Wahl für meinen nächsten Murakami wäre – oder ob ich erst einen der Romane lesen sollte, die hier schon stehen…

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

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